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»Flucht aus einem verpfuschten Leben«

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Die Situation erschien ihm ausweglos. »Schulden zahlen oder Knast«, das sei die Alternative gewesen vor der er gestanden habe, so ein 20-jähriger Teisendorfer gestern vor dem Laufener Jugendschöffengericht. Und so schritt er zur Tat: Mit einem 20 Zentimeter langen Küchenmesser bewaffnet stürmte er am Nachmittag des 23. Oktober 2012 in ein Gebraucht- und Antiquitätengeschäft in der Traunsteiner Klosterstraße. Versuchter schwerer Raub und gefährliche Körperverletzung lautete die Anklage. Die drei Richter schickten den mehrfach vorbestraften Burschen für vier Jahre und neun Monate hinter Gitter.


»Ich saß am Computer«, schilderte der 49-jährige Kaufmann den Tag im Geschäft, den er wohl nie mehr vergessen wird. »Zwei Meter neben mir stand plötzlich ein maskierter Mann mit einem Messer und rief: Überfall!« Spontan habe er dann zu einem zufällig bereitliegenden Brotmesser gegriffen. »Zwei, drei Sekunden standen wir uns so gegenüber«, erinnerte sich der Geschäftsmann, »eine Ladung Pfefferspray hat mich im Gesicht getroffen«. Halb blind habe er daraufhin zu einem Deko-Samurai-Schwert neben ihm an der Wand gegriffen und auf den Räuber eingeschlagen.

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Angeklagter hatte sich selber gestellt

»Ich bin raus, er hat mich noch ein paar Mal am Rücken getroffen«, berichtete der Angeklagte den weiteren Hergang. Seinen Rucksack mit dem Klebeband hatte er zurückgelassen, Pfefferspray und Sturmmaske auf dem Weg zum Bahnhof weggeworfen. Mit dem Zug war er anschließend nach Freilassing zu einem Spezi gefahren, um sich dort zu verstecken. Nach zwei Tagen gab er auf, fuhr zunächst in eine Klinik nach Wasserburg und stellte sich dann der Polizei.

»Deine bisherigen, ähnlichen Taten sind ja grandios daneben gegangen«, hielt ihm Richter Winfried Köpnick seine früheren Vergehen vor, »umso erstaunlicher, dass du es wieder versuchst«. Fünf Eintragungen finden sich im Bundeszentralregister, darunter Diebstahl mit einem Messer und schwerer Raub mit Schusswaffe. »Ich wollte einfach weg, mir war es egal, ob man mich einsperrt«, erklärte der Teisendorfer sein Handeln. »Er wollte einen Schlussstrich, ein Schrecken mit Ende«, unterstrich sein Verteidiger, Rechtsanwalt Stefan Probst.

Etliche Monate vorher hatte der Angeklagte seine Lehrstelle bei einer Baufirma aufgegeben, war ohne Geld nach Traunstein zu einem Freund gezogen, hatte sich dort der Gruppe »Black Jackets« angeschlossen, die Köpnick als »Hells Angels – nur ohne Motorrad« beschrieb. Immer wieder war der Teisendorfer mit Drogen in Konflikt geraten, und er konsumierte große Mengen Alkohol. Unmittelbar vor der Tat hatte er nach eigenen Angaben eine fast volle Flache Wodka gelehrt, um sich Mut anzutrinken. Geplant aber habe er den Überfall schon Tage zuvor.

»Man hat dir immer wieder Chancen eingeräumt«, so Winfried Köpnick, unter zweifach offener Bewährung stand der Bursche zur Tatzeit. Selbst als sich nach vorangegangenen Verfahren herausstellte, dass der Teisendorfer unbescholtene Leute belastet hatte, um für sich eine Strafmilderung zu erreichen, blieb es bei der gewährten Bewährung. »Die Justiz hat sämtliche Hühneraugen zugedrückt, um dir die Chance zu einem Schlussstrich zu geben«, so der Vorsitzende Richter. »Es wäre nicht schädlich, was dazu zu lernen.«

Seit 26. Oktober sitzt der Angeklagte in Reichenhall in Untersuchungshaft, teilt dort seine Zelle mit einem langjährigen Kumpel. »Auch keine gute Gesellschaft«, urteilte Köpnick über den amtsbekannten Kameraden.

»Er hat sich zwar selber gestellt, wäre aber in jedem Fall ermittelt worden«, ist Staatsanwältin Monika Veiglhuber überzeugt. Seine bisherigen einschlägigen Taten wertete Veiglhuber ebenso strafverschärfend wie seine Mitgliedschaft bei den »Black Jackets«, einer Vereinigung, die der organisierten Kriminalität zuzurechnen sei. Fünf Jahre und sechs Monate schienen der Staatsanwältin angemessen.

»Vielleicht kann ich es irgendwann wieder gutmachen«

»Die periodisch eintretenden Abstürze ziehen sich wie ein roter Faden durch seine Lebensgeschichte«, beschrieb Stefan Probst das »lebhafte Auf und Ab.« Was geschehen sei, könne man als Flucht aus einen verpfuschten Leben beschreiben, »eine Flucht in die Haft«. Klar war für den Verteidiger, dass sein Mandant niemand verletzten wollte. »Das entspricht nicht seinem Charakter.« Und der Angriff mit dem Pfefferspray sei eher im Affekt passiert. Dafür entschuldigte sich der Bursche ausdrücklich bei dem Geschäftsmann. »Vielleicht kann ich es irgendwann wieder gutmachen.« Vier Jahre schienen Probst angemessen, Zeit um im Gefängnis eine Lehre zu absolvieren.

Auf vier Jahre und neun Monate entschied das Jugendschöffengericht. »Das ist keine Bagatelle, das ist ein schweres Verbrechen«, machte Köpnick nochmal deutlich. Der Angeklagte könne von Glück sprechen, dass der Geschäftsmann dies ohne bleibenden Schaden überstanden habe. »Es gibt nicht wenige, die ein Leben lang psychisch unter einer solchen Erfahrung leiden.« Es tue ihm persönlich leid, wenn die Bemühungen der Justiz, jemanden auf den rechten Weg zu bringen, scheitern, so der Richter. »Du hast die zahlreichen Chancen nicht genutzt«. höf