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Flaschenwürfe waren nicht aufzuklären

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Zuerst prügelten sich in der letzten Silvesternacht zum Jahreswechsel 2014/15 in einem Lokal in Traunreut einige Leute in der Herrentoilette, der zweite Vorfall, dieses Mal im Festsaal, forderte drei Verletzte – offensichtlich durch Flaschen, die durch die Luft flogen. Das Amtsgericht Traunstein verurteilte in erster Instanz im November 2015 einen 40-jährigen Kraftfahrer aus Traunreut als Flaschenwerfer zu einer zweijährigen Strafe mit Bewährung sowie Schmerzensgeld für zwei der drei Opfer (wir berichteten).


Die Dritte Strafkammer am Landgericht Traunstein hob das Urteil auf Berufung des Verteidigers Harald Baumgärtl aus Rosenheim jetzt auf und erteilte dem Angeklagten Freispruch. Darauf hatte auch Staatsanwältin Julia Fetschele in erster wie zweiter Instanz plädiert – wegen »Restzweifeln« an der Täterschaft des 40-Jährigen.

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Um die Schlägerei im WC ging es nicht in dem Verfahren. Hinsichtlich der Ereignisse im Saal hatte der Kraftfahrer immer bestritten, die Flaschen geworfen zu haben. Während der Taten sei er draußen im Freien beim Rauchen gewesen. Beim Eintreffen der Polizei sei er hinter den Beamten in den Saal gegangen. Gegen 1.50 Uhr saßen jedenfalls ein 34-jähriger Traunsteiner, seine Ehefrau und zwei Töchter zusammen mit weiteren Personen an einem Tisch. Plötzlich flogen Gegenstände durch die Luft. Der 34-Jährige wurde zweimal am Kopf getroffen. Er erlitt eine Schädelfraktur, eine Gehirnblutung und ein offenes Schädel-Hirn-Trauma. Eine Flasche und möglicherweise auch etwas anderes traf eine Frau an der Nase beziehungsweise am Hinterkopf. Das Nasenbein war gebrochen. Längere Zeit war ihr Geruchssinn verschwunden. Eine der Flaschen verletzte einen anderen Mann an der Stirn. Eine Platzwunde und nicht unerhebliche Schmerzen waren die Folgen.

Die Aussagen der Zeugen spalteten sich in zwei Lager. Be- und Entlastungszeugen widersprachen sich in ihren Darstellungen. Der 34-jährige Hauptgeschädigte war überzeugt, zweimal eine Flasche gegen den Kopf bekommen zu haben. Nach dem Transport ins Krankenhaus am Neujahrstag wurde die Schwere der Verletzungen nicht erkannt. Man schickte den Mann mit Tabletten nach Hause. Nach Schmerzattacken über das Wochenende wurde er am Montagmorgen ebenfalls nicht stationär aufgenommen. Abends brachte er die von der Klinik geforderte Überweisung vom Hausarzt.

Notoperation wegen Blutungen im Gehirn

Die Untersuchungen in der Klinik ergaben einen schwerwiegenden Befund. Der 34-Jährige hatte massive Blutungen im Gehirn. Er wurde sofort notoperiert und musste zwölf Tage stationär im Krankenhaus bleiben. Bis heute leidet er unter Beschwerden. Sein Anwalt, Korbinian Ortner aus Traunstein, beantragte in beiden Verhandlungen, seinem Mandanten ein Schmerzensgeld von 7000 Euro zuzusprechen, der Ehefrau mit dem Nasenbeinbruch 1500 Euro. Das Amtsgericht trug dem Rechnung, blieb jedoch mit 6000 beziehungsweise 500 Euro unter den Anträgen des Opferanwalts.

Die Dritte Strafkammer versagte den Nebenklägern jetzt – als Folge des Freispruchs im Berufungsurteil – jedwede Entschädigungen. Auch für alle Verfahrenskosten müssen sie selbst aufkommen. Die Auslagen des Angeklagten muss die Staatskasse übernehmen. Vorsitzende Richterin Heike Will begründete den Freispruch: »Wir wissen nicht, wie es gewesen ist. Wir sind nicht in der Lage, der einen oder anderen Seite zu folgen.« Die Verletzungen der Geschädigten seien erheblich und seien durch geworfene Flaschen verursacht worden. Zu den Zeugen hob die Richterin heraus: »Wir haben keine Anhaltspunkte, dass gelogen wurde oder ein Komplott dahintersteckt.« Als einziger Schluss bleibe übrig: »Die Zeugen haben sich geirrt. Das gilt für die Be- wie die Entlastungszeugen.« Eine Absprache von Zeugen über ihre Aussagen – dieser Schluss sei nicht zu ziehen, handle es sich doch lediglich »um lockere Bekannte«.

Nicht leichter habe in der Beweisaufnahme gemacht: »Niemand hat den Angeklagten als Flaschenwerfer bezichtigt. Auch die Motivlage war nicht aufklärbar.« Der 40-Jährige sei an der Streiterei im WC nicht beteiligt gewesen und habe keinen der Beteiligten gekannt. Somit scheide die Sache in der Toilette als Motiv aus. Auch beim zeitlichen Ablauf des Geschehens passe einiges nicht. Die Vorsitzende Richterin zog das Fazit: »Wir waren nicht dabei. Die zur Verfügung stehenden Beweismittel haben das Gericht nicht in die Lage versetzt, zu sagen, der Angeklagte war der Flaschenwerfer und hat die Verletzungen gesetzt.« Die Kostenentscheidung ergebe sich aus dem Gesetz. Für die   Nebenkläger bestehe die Möglichkeit, Revision einzulegen. kd