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Fitte Senioren mit guten finanziellen Ressourcen als Zielgruppe

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Beim Fachgespräch des CSU-Kreisverbands zur demografischen Entwicklung im Tourismus diskutierten (von links) Matthias Untermeyer von »Urlaub auf dem Bauernhof«, Peter Stocker, Vorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbandes im Landkreis Traunstein, Stephan Semmelmayr, Geschäftsführer des Chiemgau-Tourismus, Bezirksrätin Annemarie Funke als Moderatorin, Traunsteins Landrat Siegfried Walch, MdL Klaus Steiner und Robert Salzl, Präsident des Tourismusverbandes Oberbayern-München. (Foto: Giesen)

Marquartstein. Als »Riesenchance für den Tourismus« sah der Präsident des Tourismusverbandes Oberbayern, Robert Salzl, die demografische Entwicklung. Zum Thema »Stellt die demografische Entwicklung für den Tourismus im Chiemgau eine neue Herausforderung dar?« hatte die Projektgruppe »demografische Entwicklung, Senioren, Pflege…« des CSU-Kreisverbands Traunstein ein Fachgespräch im Gasthof Weßner Hof mit Vertretern des Tourismus und Bürgermeistern aus dem Achental veranstaltet.


»Wohlstand im Tourismus – ein Nachruf« im Jahr 2031

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Zur Einstimmung zeigte Stephan Semmelmayr, Geschäftsführer des Chiemgau-Tourismus, den nachdenklich machenden Film »Was göönd mi d' Gescht aa« (Was gehen mich die Gäste an?). Untertitel des auf das Jahr 2031 vordatierten Films ist »Wohlstand im Tourismus – ein Nachruf«, wobei die Folgewirkungen gezeigt werden, wenn der Fremdenverkehr nach und nach verschwindet: aussterbende Dörfer, weniger Infrastruktur, Niedergang.

Semmelmayr sagte, dieser Wirtschaftszweig trage derzeit rund 500 Millionen Euro im Landkreis Traunstein unmittelbar zur Wertschöpfung bei. Die jährlich 4,2 Millionen Übernachtungen im Chiemgau seien in den letzten Jahren stabil gewesen, obwohl die Aufenthaltsdauer stetig abnahm. Stark gehe auch die Bettenzahl zurück, was mit dem demografischen Wandel bei den Vermietern zu tun habe – die Älteren geben den Nebenerwerb ab, die Jungen führten ihn nicht mehr weiter, obwohl rund zwei Drittel der Übernachtungen in Kleinbetrieben stattfinden, bedauerte er. Oft sei die Nachfrage in der Saison viel höher als bedient werden könne. Dringend seien auch größere, gute Hotels nötig.

Kritik am Anbindegebot für Hotelbauten

Diese Forderung unterstützte auch Landrat Siegfried Walch, der das neue »Anbindegebot« kritisierte, nach dem Hotelanlagen an die Bebauung im Ort angebunden werden müssten. In Städten sei das einfacher, schwierig aber auf dem Land, wo Hotels mit weniger als 120 Betten kaum wirtschaftlich arbeiten könnten. Wichtig sei es, einen staatlichen Fördertopf mit direkten Zuschüssen für Qualitätsinvestitionen einzurichten. In Südtirol sei man in dieser Hinsicht viel weiter, sodass Bayern im Wettbewerb benachteiligt sei.

Klaus Steiner verwies darauf, dass man die demografische Entwicklung und die Senioren bisher zu sehr nur in Hinsicht auf Pflege und Barrierefreiheit gesehen habe. Es gebe immer mehr gesunde Senioren mit guten finanziellen Ressourcen, deren Bedürfnisse es gelte zu erfüllen. Er forderte »eine größere Akzeptanz« des Tourismus in der Bevölkerung, denn es gehe auch um den Erhalt der Infrastruktur. Oft würden maßvolle Investitionen zur Qualitätsverbesserung »zerredet«.

Robert Salzl betonte, dass sich Menschen über 80 Jahre oft viel jünger fühlten und »das Bedürfnis haben, etwas zu erleben«. Er selbst habe mit seinen 73 Jahren an diesem Tag in aller Früh ein Golfturnier gespielt, dann eine Konferenz im Wirtschaftsministerium gehabt und nehme nun mit Freude bis spät abends an dieser Podiumsdiskussion teil. Oft sei die »Infrastruktur für Gäste miserabel«, die Vernetzung zwischen den Orten lasse oft zu wünschen übrig. Er forderte Freiwillige, die sich zum Beispiel bei Ankunft und Abfahrt um die Gäste kümmern.

Der »Seniorenteller« ist absolut out

Für absolut »out« hielten die Fachleute die Bezeichnung »Seniorenteller«, wobei man selbstverständlich kleinere und normale Portionen anbieten sollte. Das »Bewusstsein für Barrierefreiheit im touristischen Segment« bei Hoteliers und Gemeinden zu stärken, forderte Peter Stocker, Vorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbandes im Landkreis Traunstein, denn »unser Klientel ist deutlich über 50«. Den neuen Bergwalderlebnisweg auf der Hochplatte in Marquartstein hielt er für einen sehr gelungenen Beitrag zur Förderung des Tourismus, bedauerte aber andererseits den Stillstand der Geigelsteinbahn in Schleching. Barrierefreie Wanderwege hätten nicht nur etwas mit Rollstuhlfahrern zu tun, sondern auch mit Familienfreundlichkeit.

Matthias Untermeyer von der Organisation »Urlaub auf dem Bauernhof« stellte fest, dass »Leute ein Bedürfnis nach Gemeinschaft und heiler Welt« haben. Die Alten wollten nicht »ghettoisiert« werden. Auch deshalb sei das Modell von »Urlaub auf dem Bauernhof« so erfolgreich. Ein vielschichtiges Angebot sei nötig, zum Beispiel auch Ferienwohnungen mit acht bis zehn Zimmer für Großfamilien. Wichtig seien auch ebenerdige Angebote, sagte er.

»Tourismusminister« und »gescheite Autobahn« nötig

In der Diskussion forderte Barthl Irlinger, Zweiter Bürgermeister von Unterwössen, dringend einen »Tourismusminister« im Wirtschaftsministerium. Auch die Mobilität für die Gäste sollte erhöht werden, eine »gescheite Autobahn« ohne Staus in der Saison sei dringend notwendig.

Marquartsteins Bürgermeister Andreas Scheck wies darauf hin, dass der hohe Freizeitwert der Chiemgauregion nicht nur dem Tourismus nütze, sondern auch den Einheimischen. Gut ausgebildete Fachkräfte würden lieber hierher ziehen und arbeiten, als zum Beispiel im Ruhrpott. Aber: »Wo bringen wir die Gäste unter?«

»Ideale Rückzugsregion, nicht nur für Senioren«

Das unterstrich auch Hermann Minisini, Vorsitzender der CSU Unterwössen. »Wir brauchen Bettenkapazitäten, sonst können wir alles andere vergessen«. Er trat für mehr Zusammenarbeit der Gemeinden im Achental ein. »Es ist noch nie so viel über den Tourismus geredet und noch nie so wenig dafür getan worden«, meinte Ludwig Entfellner, Bürgermeister von Unterwössen. Hier sei die ideale »Rückzugsregion«, nicht nur für Senioren. »Das sollten wir bewerben«.

Der Bürgermeister von Reit im Winkl, Josef Heigenhauser, sah die demografische Entwicklung als »Riesenchance«, denn für die Generation über 50 sei die »Region prädestiniert«. Am Beispiel eines Hotels zeigte er auf, dass sich Investitionen in die Qualität sicher lohnen.

Fritz Irlacher, Altbürgermeister von Schleching, der seit über 50 Jahren Gäste betreut und Führungen anbietet, hielt als Erwiderung auf die Kritik von Robert Salzl die »Gästebetreuung im Chiemgau für vorbildhaft«. Annemarie Funke versprach abschließend, die Gedanken und Forderungen weiter an die Staatsregierung zu tragen. gi