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Feste Rituale miteinander und Rückzugsmöglichkeiten

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Traunstein: Tipps für Paare im Ausnahmezustand – Feste Rituale und Rückzugsmöglichkeiten
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Psychologin Ulrike Weidinger-Harrer leitet die Ehe-, Familien- und Lebensberatung der Erzdiözese München und Freising in Traunstein.

Für Familien und Paare wird es eng. Das Zuhause ist für viele plötzlich auch Arbeitsplatz, Schule und Kindergarten. Viel Zeit und wenig Bewegungsfreiheit. Dazu kommt bei vielen die Angst, wie es weitergeht. Streit ist nur eine Frage der Zeit. Psychologin Ulrike Weidinger-Harrer, Stellenleiterin der Ehe-, Familien- und Lebensberatung der Erzdiözese München und Freising in Traunstein, verrät, wie wir mit der Situation umgehen können.


Frau Weidinger-Harrer, glaubt man den Bericht aus Wuhan/China, haben sich dort nach der Corona- Quarantäne die Anträge auf Scheidungen vervielfacht. Können Sie sich das vorstellen?

Wir leben ja jetzt in einer Krisensituation – und Krise hat ja bekanntlich zwei Seiten: Sie birgt die Gefahr, darin unterzugehen, aber bietet auch die Chance, da-ran zu wachsen. Paare, die schon vor Corona eine schwierige Beziehung hatten, erleben dadurch vielleicht die Gewissheit, deren Ende zu entscheiden, aber auch die Möglichkeit, diese neu zu gestalten.

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Haben Sie Tipps für Paare und Familien in dieser Ausnahmesituation?

Es braucht jetzt beides. Zeiten, in denen man gemeinsam etwas macht, feste Rituale und Zeitstrukturen, zum Beispiel gemeinsame Essenszeiten, eventuell gemeinsames Kochen, Spielen, Lesen, Filmeschauen und ähnliches. Homeoffice mit Kindern ist ja eine große Herausforderung: Es braucht eine Struktur, feste Regeln, Geduld, Nerven und Humor. Aber es braucht auch Rückzugsmöglichkeiten, dass jeder auch einmal für sich allein sein kann, sei es nur, um ein Mittagsschläfchen zu halten, zu lesen, zu meditieren. Und es braucht natürlich den Kontakt zur Außenwelt: per Telefon, WhatsApp, Videokonferenzen, Skypen und so weiter. Alle Formen der digitalen Kommunikation sind nutzbar.

Und wenn es doch mal kracht?

Sich am besten erst einmal aus dem Weg gehen, sich beruhigen – überlegen, welches Bedürfnis gerade zu kurz gekommen ist, überlegen, wie man das kriegen könnte, was man gerade braucht und dann wieder miteinander ins Gespräch kommen. Sich auch mal entschuldigen. Sich auf keinen Fall hineinsteigern, sondern für Stress-Abbau sorgen. Wir dürfen ja noch spazieren gehen, joggen, Sport machen – das geht auch vor dem Fernseher oder mit Hilfe von DVDs.

Für entnervte Paare und Familienväter und -mütter bieten wir telefonische Gesprächstermine an. Unser Telefon ist zur Zeit täglich besetzt bzw. auf dem Anrufbeantworter kann man die festen Telefonzeiten abhören. Wir wandeln auch bereits vereinbarte Termine in telefonische Beratungen um.

Sehen Sie auch Chancen in dieser Situation?

Ich versuche immer, die positiven Seiten zu sehen. Viele Klienten haben mir gesagt, wie gut es tut, etwas zur Ruhe zu kommen, auf einmal mehr Zeit zu haben, zu entschleunigen. Ich glaube, dass in diesen extremen Situationen wieder deutlicher wird, was wirklich wichtig ist im Leben. Und dass man erkennen kann, wofür wir dankbar sein können: dass es Menschen gibt, die zu uns halten, die sich nach uns erkundigen, die Hilfe anbieten. Dass wir in einem Land leben, das eine gute medizinische Versorgung anbietet, staatliche Hilfen bereit hält, eine stabile Wirtschaft hat. Dass es uns trotz allem im Vergleich zu anderen Ländern sehr gut geht.

 

Ulrike Weidinger-Harrer und ihre zwei Kolleginnen in der Ehe-, Familien und Lebensberatung der Erzdiözese München und Freising, Niederlassung Traunstein, Marienstraße 5, werden sich in den nächsten Wochen voraussichtlich im Schichtbetrieb die telefonische Beratung teilen. Sie sind zu erreichen unter der Telefonnummer 0861/6116 oder auch per E-Mail Traunstein(at)eheberatung-oberbayern.de. ka

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