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Faschingsauftakt mit Jahrtausendwende-Sekt

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Bürgermeister Herbert Häusl übergab den gebackenen Rathausschlüssel an die Abordnung der Fegerl-Damen aus Feichten. (Foto: H. Eder)

Waging am See. Über einen »Bürgerentscheid zur Abschaffung des Faschings« dachte Bürgermeister Herbert Häusl laut nach, als er am Montag wegen des Faschingsauftakts extra die Kreistagssitzung vorzeitig hatte verlassen müssen. Diesen Zahn zogen ihm aber die Gardedamen des Feichtner Fegerlvereins ganz schnell. Vielmehr musste er Rathausschlüssel und die – wie immer leere – Waginger Gemeindekasse herausrücken. Die Retourkutsche folgte auf dem Fuße: Den Damen wurde zum Trunke Jahrtausendwende-Sekt angeboten – da staunten selbst die Fegerl-Damen, die ja einiges gewohnt sind.


Viele Mitarbeiter wurden verdächtig

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Denn nachdem das Hauptgeschehen – die Übergabe des gebackenen Schlüssels und der Kassenschatulle – rasch abgewickelt war, lud der Bürgermeister zu einem Sektumtrunk ein. Werkeleiter Heinrich Thaler schenkte den Sekt ein. Dabei wunderte er sich über die dunkle Farbe des Getränks und mehr noch über die völlige Abwesenheit von Schaum – und erst recht die Fegerl-Damen. Als diese das Gebräu sahen, war die Skepsis riesengroß. Da half es auch nichts, dass Bürgermeister Häusl todesmutig einen Schluck nahm und feststellte, das Ganze schmecke so ein bisserl nach Portwein. Des Rätsels Lösung brachte das Studium der Flaschen: Jahrtausendwende-Sekt stand da groß, wenn auch schwer lesbar auf einem Etikett, und auf der Rückseite lockte ein Preisausschreiben, für das ein Einsendeschluss am Anfang 2000 angegeben war.

Das Staunen war groß. Woher kam der Karton mit diesem Uralt-Sekt? Wohl aus »Räumen, die noch kein Mensch je gesehen hat«, wie der Bürgermeister das »Enterprise«-Titelmotiv zitierte. Letztlich wurden viele Verdächtige ins Gespräch gebracht, vor allem auch Standesbeamter Heinrich Hösle, der für seine Trauungen stets besten Sekt anbietet: Hatte der den Fegerl-Damen etwa diese Antiquität zugedacht. In den Rathaus-Sitzungssaal zitiert, beteuerte er seine Unschuld – trank sogar als Beweis dafür ein Gläschen des Jahrtausend-Sekts. Dennoch konnte er sich der einen oder anderen spöttischen Bemerkung nicht enthalten: »Wir hätten nicht geglaubt, dass ihr so verwöhnt seid.«

So war schon mal für Gesprächsstoff gesorgt. Weiteren Gesprächsstoff lieferte dann ein Antrag der Fegerl-Damen, der schon für den Unsinnigen Donnerstag vorbauen sollte. »Für Bewirtung und Unterhaltung« sollte an jenem Tag gesorgt sein, ähnlich wie dieses Jahr, wofür sich die Damen nochmals bedankten. Eine Anregung ging lediglich dahin, ob man aber vielleicht für etwas modernere Getränke sorgen könnte, so in der Art von »Caipi« oder »Hugo«; dabei war der Antrag formuliert worden, als noch niemand von dem höchst unmodernen Jahrtausendwende-Sekt ahnen konnte. Übrigens wurde zum Trinken dann Prosecco nachgereicht, der sich in irgendeinem gemeindlichen Kühlschrank noch als Nottropfen hatte finden lassen.

»Tritt einfach nicht mehr als Bürgermeister an«

Bürgermeister Häusl musste sich übrigens nach seinem spontanen Vorschlag, mittels Bürgerbegehren den Fasching abschaffen zu wollen, noch einen guten Rat gefallen lassen: »Tritt einfach nicht mehr als Bürgermeister an, dann kommst du uns aus. Und wir können uns dann einen neuen ziehen, so wie wir ihn haben wollen.« Diese Idee gefiel dem Bürgermeister aber so gar nicht. Lieber sagte er zu, er werde das Thema Getränke nächstes Mal zur Chefsache machen; und vielleicht kann er auf Heinrich Thalers Unterstützung zählen, der sich um einen richtig guten Cocktail-Mixer kümmern möchte.

Also kann man wohl davon ausgehen, dass der Antrag des Fegerlvereins wie gewünscht behandelt werden wird. Außerdem hatte sich der Bürgermeister zwischendurch sogar als rechter Charmeur geoutet: »Wenn einen die Mädels so anlächeln, kann man fast nicht Nein sagen.« Und auch das Jahrtausendwende-Sekt-Debakel versuchte Häusl noch positiv zu verkaufen: »Wir sind halt eine ganz sparsame Gemeinde.« he

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