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Familienanschluss für drei Mädchen aus Eritrea

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Die mittlerweile sechs Kinder der Familie Riedl, von denen sich die drei afrikanischen vor der Kamera als sehr »gschamig« erwiesen (von links): Akberet, Kisanet, Lucia, David, Hanna und Luwam.

Wonneberg – Sie heißen Kisanet, Akberet und Luwam und sind etwa 16 Jahre alt. Die drei sind aus Eritrea nach Bayern gekommen. Und sie haben Glück gehabt: Sie sind bei einer einheimischen Familie untergekommen und finden hier wenigstens vorübergehend Ruhe, Frieden, Familienanschluss und lernen Deutsch.


Einblick in erweitertes Familienleben gegeben

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Familien wie Ursula und Martin Riedl aus St. Leonhard sollte es mehr geben. Dann hätten viele jugendliche Flüchtlinge einen besseren Start in ihre gleichwohl ungewisse Zukunft. Und weil die Riedls auch andere Familien motivieren wollen, junge Flüchtlinge aufzunehmen, haben sie einer Anfrage des Bayerischen Fernsehens zugestimmt und vor der Kamera Einblick in ihr »erweitertes Familienleben« zugelassen. Der Beitrag war gestern Abend zu sehen (wir berichteten).

So besuchte Abendschau-Reporter Axel Mölkner-Kappl die Familie samt ihrer nun sechs Kinder. Die eigenen Kinder – Hanna (14), Lucia (12) und David (7) – verstehen sich mit ihren neuen Geschwistern hervorragend. Auch wenn die sprachliche Verständigung noch dürftig ist, kommt mit Händen, Füßen und Gestik doch rüber, was man sagen will. Sie können wirklich gut miteinander, umarmen sich, stecken die Köpfe zusammen und kichern miteinander – wie es Geschwister halt tun.

Der Kamera gegenüber waren sie allerdings ausgesprochen scheu – von zu Hause her wissen sie, dass es nicht gut ist, sogar gefährlich sein kann, wenn man öffentlich seine Meinung sagt. Zumindest eine von ihnen zeigte auf einer Landkarte den Fluchtweg aus Eritrea über Äthiopien, Sudan und Libyen und von dort per Schiff über Italien und Österreich nach Rosenheim. Schon am Tag nach ihrer Ankunft fanden sie über das Landratsamt Rosenheim zur Familie Riedl.

Drei Betten im Gästezimmer

Kisanet und Luwan haben die Flucht gemeinsam gemeistert. In Bayern lernten sie Akberet kennen und gewöhnten sich so schnell aneinander, dass sie sich fest aneinanderklammerten, um nicht getrennt zu werden. Das akzeptierten die Riedls – ob nun zwei oder drei neue Kinder, machte nicht den großen Unterschied. Das Gästezimmer war für zwei Mädchen hergerichtet, so wurde halt noch ein Bett dazu gestellt.

Luwam berichtet kurz und knapp von ihrem Tagesablauf: Aufstehen, Deutschkurs in Traunreut, Rückkehr nach Hause, wo sie versuchen, ein bisschen mehr Deutsch zu lernen. Per Facebook halten sie Kontakt zu anderen Flüchtlingen oder auch nach Hause. Unschätzbare Dienste leistet ein Bilderbuch. Wenn jemand was braucht, zeigt er halt auf das jeweilige Bild. So macht es beispielsweise Ursula Riedl für ihre Einkäufe. Beim gemeinsamen Kauf der Grundausstattung, die das Landratsamt bezahlt hat, haben die beiden Riedl-Töchter und die drei afrikanischen Mädchen großen Spaß gehabt.

So ziehen Ursula und Martin Riedl sehr positive Bilanz: »Ich finde, dass es ganz gut läuft«, meint »Ursi-Mama«, wie sie von den Mädchen genannt wird. Und Sohn David sagt: »Passt schon!« Schön ist, dass die Nachbarn sehr hilfsbereit sind. Da gibt es reichlich Kleidung für die Mädchen, unter anderem auch Schokolade, die sie offenbar sehr lieben. Vom Landratsamt Rosenheim fühlen sich die Riedls gut versorgt: Eine Betreuerin kommt regelmäßig vorbei, und Dolmetscher Ali dürfen sie »Tag und Nacht« anrufen.

Wie die Riedls dazu kamen, minderjährige Flüchtlinge aufzunehmen, erklärt Ursula Riedl: »Wir haben den Aufruf dazu in der Zeitung gelesen und natürlich in den Nachrichten die Meldungen über die vielen Flüchtlinge mitbekommen. Unser Gästezimmer stand leer, und ich selber bin – obwohl berufstätig – doch viel daheim und koche jeden Tag. Und wir haben ein großes Haus, in dem man sich nicht ständig auf die Füße tritt.« So hat die Familie darüber geredet – alle waren dafür.

Die Mädchen helfen auch im Haushalt mit

Die Riedls hatten zuvor schon für einige Tage zwei junge Burschen aufgenommen: einen 15-Jährigen aus Afghanistan und einen Zwölfjährigen aus Eritrea. Mit dem einen, der die deutsche Sprache förmlich »aufgesaugt hat«, wie Ursula und Martin Riedl loben, stehen sie nach wie vor in Kontakt.

Ursula Riedl lobt ihren Familienzuwachs auch für die Mithilfe im Haushalt und erzählt, wie sehr sie sich anfangs gewundert haben, dass auch der Mann im Haus mit abräumen hilft. Das waren sie von daheim offenbar nicht gewohnt. Wobei sie noch kaum etwas von zu Hause erzählt haben. Offenbar kommen sie aus einer sehr ländlichen Gegend, die Eltern sind, so weit sie noch leben, wohl noch in Eritrea. Am Ende des Nachmittags gab es noch eine rechte Gaudi. Trotz des stürmischen Winds drehten die Kinder mit Martin Riedl noch einige Runden auf dem Fahrrad. Das Radfahren haben sie erst hier gelernt.

Appell an andere Familien

Die Familie Riedl appelliert an andere Familien, auch minderjährige Flüchtlinge aufzunehmen. Auch wenn die Aufgabe nicht immer ganz leicht sei, so könnten die Mädchen hier zur Ruhe kommen und sich stärken für die ungewisse Zukunft. Die Riedls rechnen damit, dass die Drei wohl bis über Weihnachten bei ihnen bleiben. Und so lange wollen sie ihnen ein möglichst harmonisches Zuhause bieten.

Um auf die Lage der vielen weiteren, minderjährigen, Flüchtlinge aufmerksam zu machen, organisiert Martin Riedl, Gemeindereferent im Pfarrverband Waging-Otting-St. Leonhard arbeitet, einen Informationsabend am Donnerstag, 20. November, um 20 Uhr in der Grundschule St. Leonhard. he