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»Familien wurden praktisch über Nacht getrennt«

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Besonders einschneidend waren die Ereignisse von 1816 für Laufen und seinen Stadtteil Oberndorf. Um damals über die Brücke ins nunmehr fremde Land zu kommen, benötigte man plötzlich schwer erhältliche Ausreisegenehmigungen.

Salzburg (dpa) – Österreichischer Doppeladler statt weiß-blauer Rauten: Am 1. Mai 1816 gehörte Salzburg nach vielen Jahren wechselnder Herrscher nicht mehr zum Königreich Bayern, sondern wurde ein Teil des Habsburgerreichs. Das änderte das Leben der Bewohner an der Salzach massiv. 200 Jahre nach der bis heute gültigen Grenzziehung wird der schwierigen Zeit mit vielen Festveranstaltungen gedacht.


Besonders einschneidend waren die Ereignisse von 1816 für Laufen und seinen Stadtteil Oberndorf. Von einem Tag auf den anderen wurden die Orte voneinander getrennt und gehörten zu anderen Ländern. Salzach und Saalach wurden zu Grenzflüssen.

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Bewohner brauchten Ausreisegenehmigungen

Der Oberndorfer Bürgermeister vergleicht die dramatische Zeit damals mit dem Bau der Berliner Mauer: »Familien wurden praktisch über Nacht getrennt«, sagte Peter Schröder. Bewohner brauchten plötzlich schwer erhältliche Dokumente und Ausreisegenehmigungen, um die Brücke ins nunmehr fremde Land überqueren zu dürfen. In Überlieferungen heißt es, Familien seien am Ufer der Flüsse gestanden und hätten mit lautem Schreien versucht, miteinander zu kommunizieren.

Laufens Rathauschef Hans Feil hat ähnliche Überlieferungen erhalten. »So etwas wie Ausweise kannte man damals (im Ort) nicht«, erinnert er. »Und ohne so einen Ausweis war es nicht einmal möglich, seine eigene Verwandtschaft – Vater, Mutter, Onkel, Tante – von einem auf den anderen Tag zu besuchen.« Auch das religiös gewachsene Gebiet »wurde zerschlagen«, sagte Feil. Plötzlich habe die, Jahrhunderte von einem zum anderen Ortsteil führende, Fronleichnamsprozession einen anderen Verlauf nehmen müssen.

Anlass der Neuordnung war die Niederlage Napoleons. Die neue Grenze wurde am 14. April 1816 zwischen Habsburgern und Wittelsbachern auf dem Wiener Kongress festgelegt. Kurz darauf, am 1. Mai, erfolgte die feierliche Übergabe Salzburgs zum damaligen Kaisertum.

Viele Gebiete links der Salzach – die heutigen Gemeinden Ainring, Anger, Freilassing, Laufen, Palling, Petting, Piding, Saaldorf-Surheim, Surberg, Taching, Teisendorf, Tittmoning, Tyrlaching, Waging und Wonneberg – blieben bei Bayern. Abgespalten wurden die Orte im nördlichen Flachgau, die fortan zu Österreich gehörten: Anthering, Bergheim, Bürmoos, Dorfbeuern, Göming, Lamprechtshausen, Nußdorf, Oberndorf und St. Georgen.

Vor der Zuteilung zu Österreich war Salzburg viele Jahrhunderte lang ein selbstständiger Staat im Heiligen Römischen Reich gewesen. Fürsterzbischöfe hatten nicht nur die kirchliche, sondern auch die weltliche Macht inne. Durch das Salzvorkommen war Salzburg eine der reichsten Regionen Österreichs. Doch die fünf Herrscherwechsel zwischen 1803 und 1816 führten zu einer Verarmung der Bevölkerung. Die einst blühende Region war geplündert und ausgeblutet.

Salzburg verlor seine »Kornkammer«

»Es war die Zeit der großen wirtschaftlichen Depression«, sagt der geistliche Historiker Roland Kerschbaum. Besonders dramatisch war der Verlust des Rupertiwinkels an Bayern gewesen. Salzburg verlor somit seine »Kornkammer« und große Getreidefelder.

Hinzu kam 1816 eine große Hungersnot, die im gesamten Rupertiwinkel zu hoher Kindersterblichkeit und sozialen Problemen führte. Der Ausbruch des Vulkans »Tambora« auf der indonesischen Insel Sumbawa hatte eine weltweite Klimakatastrophe ausgelöst. 1816 ging als das »Jahr ohne Sommer« in die Geschichte ein, da es von eisigen Temperaturen, schweren Unwettern, Überflutungen und sommerlichen Schneefällen geprägt war. Die Ernteeinbußen waren immens. Eine Sonderausstellung im Museum zum Pulvermacher in Elsbethen widmet sich dieser Zeit.

Salzburg brauchte bis 1850, um sich von den Ereignissen zu erholen. Nachdem es Jahrzehnte der Landesregierung des oberösterreichischen Linz unterstellt war, wurde Salzburg wieder zum eigenständigen Kronland. Diesen Wechsel greift auch die Landesausstellung »Bischof.Kaiser.Jedermann. 200 Jahre Salzburg bei Österreich« auf, die am kommenden Samstag im Salzburg Museum in der Neuen Residenz eröffnet wird.

Dass die grenzüberschreitenden Beziehungen mittlerweise bestens sind, das zeigt sich an dem Beispiel von Oberndorf und Laufen. »Wir verstehen uns als eine Einheit«, sagt Bürgermeister Peter Schröder. Das bestätigt auch sein Laufener Kollege Hans Feil. So habe die Stadt lange kein eigenes Klärwerk besessen, sondern seine Abwässer in dem gemeinsam betriebenen Klärwerk in Oberndorf entsorgt. Auch die Feuerwehren beider Kommunen rückten grenzüberschreitend oft gemeinsam aus. Der Rathauschef: »Schließlich kann oft kaum unterschieden werden, welche Sirene gerade heult.«

Großes Marktfest mit allen Gemeinden am 26. Juni

Gemeinsam gefeiert wird im Jubiläumsjahr natürlich auch: Am 26. Juni beteiligen sich alle 26 Gemeinden aus dem Rupertiwinkel und dem Flachgau mit ihren Besonderheiten bei einem großen Marktfest, das sich von der Altstadt von Laufen bis zum Stille-Nacht-Platz in Oberndorf erstreckt. Auch mehrere historische Aufführungen sind geplant, unter anderem von der »Rebellin von Laufen«. apo/dpa