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Ex-Speditionschef gesteht Riesenbetrug

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Traunstein – Das weltweit aktive Industrieunternehmen Linde AG mit Sitz in Pullach wurde über Jahre Opfer eines Riesenbetrugs. Der 55-jährige Geschäftsführer einer im Jahr 2012 Pleite gegangenen Speditionsfirma in Trostberg gestand gestern vor der Zweiten Strafkammer am Landgericht Traunstein, die Linde AG durch die Organisation von Schwertransporten um exakt 1 267 743,28 Euro geschädigt zu haben. Der zweite Angeklagte, ein 47-jähriger Speditionskaufmann aus Rosenheim, wusste angeblich nichts. Der Prozess geht am 16., 23. und 30. November weiter. Die Kammer wird 17 Zeugen anhören, um die angeklagten 144 Einzelfälle zu klären.


Nie in der Zusammenarbeit mit der Linde AG gab es Unfälle bei den Schwertransporten – »Gott sei Dank«, wie der 55-Jährige betonte. Seinen Tatbeitrag räumte der Speditionskaufmann mit Verteidiger Dr. Markus Frank aus Rosenheim zur Seite ein. Damit bestätigte er die Anklageschrift, für deren Verlesung Staatsanwalt Kim-Young Weißschädel 50 Minuten benötigt hatte. Als »Verletztenbeistand«, so der Fachausdruck, vertritt Rechtsanwalt Konstantin Kalaitzis aus Bernau die Interessen der Linde AG im Strafprozess und in einem separaten Zivilprozess.

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Die Firma des Trostbergers vermittelte Transporte lediglich an andere Spediteure als Subunternehmer und kassierte dafür von der Linde AG eine Provision: anfangs 3,5 und später 4,5 Prozent. Für jeden Transport wurden auf Linde-Weisung drei Speditionsangebote eingeholt. Der billigste Bieter erhielt den Zuschlag – nicht direkt von Linde, sondern von der Firma des 55-Jährigen. Als Grund für diese Praxis nannte der Angeklagte: »Eine Fremdfirma kann man leichter zur Verantwortung ziehen bei einem Fehler.«

»Verwaltungsaufwand« war nicht zu decken

Der Ex-Geschäftsführer erläuterte, bei den mehrtägigen Transporten von sehr teuren Anlageteilen mussten Monate vorher die Strecken geprüft werden, von der Produktionsstätte in Tacherting-Schalchen etwa nach Hamburg, Rotterdam oder Passau. Solche Prüfungen wurden extra abgerechnet. Aber der »Verwaltungsaufwand« dafür war nach Angaben des 55-Jährigen aus der Provision nicht zu decken. Bis Passau seien zehn Brücken zu passieren. Für jede Brücke und jeden Transport müsse dem Straßenbauamt eine Berechnung vorgelegt werden, viele Ingenieure eingeschaltet werden. Die technischen Dimensionen seien immer größer geworden – von anfänglich 80 Tonnen bis zu 200 Tonnen Ladungsgewicht. Für jeden Auftrag habe man die technischen Zeichnungen von Linde erhalten, um den Tieflader bestellen zu können.

Angeblich um dem »steigenden Kostendruck« zu begegnen, verfälschte der 55-Jährige gemäß Geständnis ab etwa 2003 Rechnungen der Subunternehmer. Mündliche Angebote erhöhte er einfach. Schriftliche Angebote scannte er in den PC ein und veränderte sie. Hinter den »Kostendruck« als Tatmotiv setzte die Zweite Strafkammer gestern Fragezeichen. Vorsitzender Richter Erich Fuchs merkte an, der 55-Jährige hätte an anderen Stellen Geld einsparen können – an seinem Geschäftsführergehalt von zuletzt 8000 Euro monatlich, bei der Zahl der Mitarbeiter oder durch den Verzicht auf 20 000 Euro teure Logen in der Allianz-Arena. Fuchs fragte: »Mussten Sie Leute schmieren? Oder war es reine Prahlsucht?« Die Antwort des 55-Jährigen: »Ich wollte Leute wohlgesonnen stimmen.«

Auf die Frage, was der 47-Jährige wusste, erwiderte dessen Ex-Chef: »Er hat mehr Stunden aufgeschrieben, wenn er bei nicht ganz richtig abgerechneten Fahrten mit dabei war.« Sonst sei sein Angestellter nicht informiert gewesen. Auf Nachhaken von Beisitzendem Richter Dr. Johannes Kammergruber, warum er den 47-Jährigen schütze, meinte der 55-Jährige: »Ich weiß nicht, ob er etwas bemerkt hat.«

47-Jähriger will von nichts gewusst haben

Der 47-Jährige wollte laut Aussage zunächst nur Transporte begleitet und Schreibarbeiten erledigt haben. Die Angebote der Subunternehmer seien zum Chef gegangen. »Das Finanzielle hat mich nicht interessiert. Für mich war wichtig: Wohin geht es? Was wird geladen?« Was der Chef mit den Angeboten gemacht habe, wisse er nicht. Das Gericht nahm dem 47-Jährigen diese Darstellung nicht ab und verdeutlichte, bei ihm gehe es im Falle der Verurteilung »um Bewährung oder nicht«. Ein Geständnis sei dabei ausschlaggebend. Daraufhin bat Verteidiger Michael Vogel um ein Rechtsgespräch. Das Ergebnis: Im Fall eines Geständnisses könnte der 47-Jährige mit einer Strafe mit Bewährung davonkommen. Dafür dürfte die Strafe nicht über zwei Jahren liegen. Eine Einigung wurde noch nicht erzielt, wie der Vorsitzende Richter mitteilte. kd

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