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Ex-Ringer rang »Pferd« nieder

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Laufen – War es Notwehr, wie der 23-jährige Ex-Ringer aus Anger beteuerte? Tatsache ist, dass bei einem Streit während eines Faschingsballs am 18. Januar vergangenen Jahres ein 30-jähriger Freilassinger schwerst am Kopf verletzt worden war. Wegen »gefährlicher Körperverletzung« musste sich der Angerer nun vor dem Laufener Strafrichter verantworten. Dr. Karl Bösenecker hatte insgesamt neun Zeugen geladen, um sich ein Bild von dem Geschehen zu machen. Sein Fazit: Der Ex-Ringer hatte überreagiert. Er muss nun mit einer dreijährigen Bewährungszeit leben und ihn erwarten hohe Schadensersatzforderungen.


Es war gegen halb elf. Die Faschingsparty in der Saaldorfer Mehrzweckhalle war in vollem Gange. Und voll war es auch am Gang, wie alle Beteiligten übereinstimmend berichteten. Eng sei es gewesen, und erst dadurch zum Kontakt der Kontrahenten gekommen. Als »Pferde« waren das spätere Opfer und seine beiden Spezln unterwegs, einer Kunststoffhülle, die sich mit Hilfe eines kleinen Ventilators zu einem Pferdevorderteil aufbläht.

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»Die haben mich auf dem Weg zur Toilette angestänkert und mit den Schultern geschubst«, berichtete der angeklagte Ex-Ringer. Auf seine Frage nach einem »Problem« sei er am Hals gewürgt worden. Vor lauter Panik habe er sich dann eines klassischen Ringergriffs bedient und den 30-jährigen Freilassinger zu Boden geworfen. Der Freilassinger stürzte mit dem Kopf auf den Steinboden, der Angerer auf ihn drauf. Die Folge: Bruch der Stirn, dreifache Fraktur des Jochbeins und ein Schädelhirntrauma. Glück im Unglück noch, dass die zerborstene Brille kein Auge verletzte.

Langwieriger Genesungsprozess

Sechs Wochen lag der 30-Jährige im Krankenhaus, sechs Wochen zu Hause. Weitere drei Monate habe es gedauert, bis alles einigermaßen abgeheilt war, berichtete der Verletzte im Zeugenstand. Noch immer hat er eine Platte im Kopf, die in wenigen Wochen entfernt werden soll.

»Der Angeklagte hat meinen Spezl ins Gesicht gefasst und an die Wand gedrückt«, erzählte das Opfer. Er habe helfen wollen und versucht, den Aggressor wegzuschieben, als der ihn mit einer »180-Grad-Drehung« aushob und zu Boden warf. An den Hals habe er dem Angerer nicht gefasst.

Richter Karl Bösenecker ließ die Kontrahenten nebeneinander stehen, um festzustellen, dass das Opfer beinahe einen Kopf größer ist als der vermeintliche Angreifer, ein Griff in Halshöhe also nicht unwahrscheinlich erschien. Bei dem Opfer waren kurze Zeit später 0,56 Promille Alkohol festgestellt worden, bei dem Ex-Ringer 1,46 Promille.

Ein 19-jähriger Elektriker und ein 20-jähriger Industriemechaniker, beide aus Freilassing, bestätigten im Wesentlichen die Angaben des 30-jährigen Opfers und beschrieben den Angerer als »relativ aggressiv«. Zwei weitere Zeugen konnten zur Entstehungsgeschichte nichts sagen, sie hatten nur den Ringerwurf beobachtet. Ein 20-jähriger Auszubildender aus Surheim will den Würgegriff des Opfers zuvor gegen den Angerer gesehen haben, schränkte jedoch selbst ein: »Ich hatte gut einen sitzen.« Ein 21-jähriger Designer berichtete ebenfalls von einem Würgen von hinten.

Rechtsreferendarin Lisa Kröninger sah nach der Hauptverhandlung »den Sachverhalt wie in der Anklageschrift im Wesentlichen bestätigt.« Sie hegte keinen Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Opfers und seines Spezls. Strafverschärfend aus ihrer Sicht waren die schweren Verletzungen des 30-jährigen Freilassingers. Die Vertreterin der Staatsanwaltschaft plädierte auf eine eineinhalbjährige Freiheitsstrafe mit dreijähriger Bewährungszeit.

»Kleine Ursache, große Wirkung«

Anders die Verteidigerin. Rechtsanwältin Winifred Funk sah die Anklage nicht bestätigt. »Enge, erst ein Rempler, der Griff an den Hals, dann Panik«, fasste Funk noch einmal die Vorgeschichte zusammen. »Kleine Ursache, große Wirkung.« Gewiss habe ihr Mandant überreagiert, die Folgen jedoch resultierten aus »unglücklichen Umständen«. Funk erbat eine Geldstrafe »im unteren Bereich«, denn ihr Mandant werde in Folge noch erheblich zur Kasse gebeten. Tatsächlich haben der Arbeitgeber und die Krankenkasse des Opfers bereits Regressansprüche angemeldet. Dem Opfer hat der Angerer inzwischen 2000 Euro Schmerzensgeld bezahlt.

Weitere 2000 Euro setzte nun Dr. Karl Bösenecker fest, unabhängig von möglicherweise geforderten Entschädigungen. Der Strafrichter wollte nicht von einer »gefährlichen Körperverletzung« ausgehen, gleichwohl von einer »vorsätzlichen«, die Verletzungen billigend in Kauf nehme.

Für den stellvertretenden Amtsleiter stellte sich die Frage, hat der Freilassinger bei seinem Einschreiten zugunsten seines Spezls schon Grenzen überschritten, war also die Reaktion des angeklagten Ex-Ringers gerechtfertigt? Bösenecker meinte »Nein« und entschied auf zehn Monate und eine dreijährige Bewährungszeit.

»Es tut mir unendlich leid«, entschuldigte sich der Angerer bei dem Freilassinger, »das ist mir eine Lehre fürs Leben.« Tatsächlich kann das Geschehen und das Urteil für ihn auch berufliche Konsequenzen haben, absolviert er doch zur Zeit eine Ausbildung im Staatsdienst. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Hannes Höfer