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Explosive Kugelbomben in Grassau und Herrsching

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Traunstein – Ein Riesenanlagebetrug mit dreistelligem Millionenschaden durch andere Täter stand im Hintergrund des Prozesses gegen einen 53-jährigen »Bombenleger«. Der Österreicher hatte am 15. Januar 2013 in Grassau und am 28. März 2013 in Herrsching am Ammersee jeweils eine gefährliche Kugelbombe gezündet. Weiter hatte er zwei Briefbombenattrappen verschickt (wir berichteten). Glücklicherweise wurde niemand verletzt.


BGH hatte erstes Urteil nach Traunstein zurückverwiesen

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Die Sechste Strafkammer am Landgericht Traunstein mit Vorsitzendem Richter Dr. Jürgen Zenkel rollte den Fall jetzt auf Weisung des Bundesgerichtshofs (BGH) in Teilen von vorne auf. Der Prozess, in dem der Angeklagte erneut zu seinen Taten stand, wird am 13. Oktober um 9 Uhr fortgesetzt. Der BGH hatte das Urteil der Zweiten Strafkammer vom 27. Mai 2014 mit einer Strafe von 22 Monaten ohne Bewährung hinsichtlich der »Bomben«-Vorwürfe aufgehoben und die nochmalige Verhandlung vor einer anderen Kammer angeordnet.

Die Zusammenhänge des Internet-Betrugs mit einem in München zu acht Jahren Haft verurteilten Haupttäter, einem Deutschen mit Ex-Firma in Dubai, sind äußerst kompliziert. Der 53-Jährige ist im Verhältnis ein kleines Licht. Der »Direktor« sammelte über seine Finanzmanagementfirma mit Hilfe anderer bei rund 7000 Geschädigten in Deutschland, Tschechien und Österreich etwa 135 Millionen Euro ein. Auch seine eigene Familie, darunter sein Bruder und seine Mutter, vertrauten ihm Geld an. Alle fielen auf völlig unrealistische Gewinnversprechen von 36 und mehr Prozent pro Jahr herein, wie bei dem Prozess in München bekannt wurde.

Anfangs waren die Anleger zufrieden, sahen jedoch später nichts mehr von den versprochenen Renditen. Der Firmenchef flüchtete aus Dubai, wo er in Abwesenheit zu 73 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. 2014 wurde er in München festgenommen. Seine Frau blieb in Dubai und sitzt angeblich noch immer hinter Gittern.

Ein Bekannter des jetzt in Traunstein Angeklagten hatte ebenfalls Geld in Dubai angelegt. Ihm drohte der Verlust von 100 000 Euro. Er und der 53-Jährige vereinbarten also, Druck zu machen. Beamte der Kripo Traunstein, die mit dem Landeskriminalamt (LKA) die Ermittlungen führten, kamen im ersten Prozess zu dem Ergebnis, an den Drohszenarien mit Mails, Blut- und Farbattacken sowie Briefbombenattrappen gegen Geschäftspartner und Angehörige des Haupttäters in Österreich, Grassau und Speyer seien mehrere Personen beteiligt gewesen.

Kugelbombe in Grassau gezündet

Einer war der jetzige Angeklagte. Er legte die Kugelbombe, die nachts am 15. Januar 2013 nahe dem Haus eines damals gar nicht mehr in Grassau wohnenden Geschäftspartners des Haupttäters in die Luft ging. Dazu stand der Österreicher auch diesmal. Der Schaden blieb gering. Ab Anfang 2011 hatte der Bruder des »Direktors« unter Drohmails zu leiden. Gegen 1.35 Uhr am 28. März 2013 gab es vor seinem Anwesen in Herrsching eine Explosion. Die Kugelbombe sprengte das Fahrzeug in die Luft und beschädigte die Garage. Der Schaden lag bei circa 18 000 Euro.

Ebenfalls verantwortlich war der Angeklagte für zwei an Personen in Speyer und Holland versandte Briefbombenattrappen. Die Feuerwerkskörper stammten aus Tschechien, wo sie frei verkäuflich sind. In Deutschland hingegen dürften sie nur von Profi-Feuerwerkern verwendet und – ob ihrer Gefährlichkeit mit bis zu 2000 Grad Hitze beim Abbrennen – nur aus der Ferne gezündet werden. Davon wusste der Angeklagte angeblich nichts. Er habe eine Aufschrift auf den Packungen gesehen: »Ich kann aber kein Englisch.«

Der 53-Jährige mit langer Vorstrafenliste zeigte sich vor Gericht selbstkritisch: »Wie dumm kann man sein, sich zu solchen Taten hinreißen zu lassen?« Er habe »einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn«. Emotional könne er die Betrugsgeschädigten verstehen – »dass sie ihr Geld zurück haben wollten«. Zu der Tat in Grassau sei er durch den Bekannten aus dem Mühlviertel gekommen: »Er fragte mich, ob ich behilflich sein kann, den Kontakt zu dem Mann herzustellen.« Darüber hinaus habe er von dem Bekannten verschiedene Adressen erhalten, um die betreffenden Leute zu überprüfen, darunter die in Holland lebende Schwiegermutter des Haupttäters.

Haupttäter wird in Traunstein nicht gehört

Das Gericht hörte viele Zeugen an. Der Haupttäter, der beim ersten Prozess Angaben verweigert hatte, wird nicht vorgeladen. Das Urteil soll am 13. Oktober ergehen. Staatsanwalt Björn Pfeifer, der wieder die Anklage vertritt, hatte im ersten Prozess viereinhalb Jahre Haft beantragt. Verteidiger Michael Vogel aus Traunstein hatte auf maximal zwei Jahre mit Bewährung plädiert. kd