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Explosive Druckmittel

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Der Prozess gegen den 41-jährigen Schweizer wird bereits am heutigen Dienstag um 14 Uhr am Landgericht Traunstein fortgesetzt. (Foto: Brenninger)

Explodierte Kugelbomben in Grassau und in Herrsching am Ammersee, dazu Erpressermails und andere Druckmittel beschäftigten schon dreimal Gerichte in Traunstein und zweimal in München. Gestern begann ein weiteres Verfahren vor dem Hintergrund eines internationalen Anlagebetrugs mit dreistelligem Millionenschaden an 7000 Opfern in Deutschland, Tschechien und Österreich.


Vor der Zweiten Strafkammer am Landgericht sitzt sechs Tage lang ein 41-jähriger Schweizer. Staatsanwalt Björn Pfeifer wirft ihm gemeinschaftliche versuchte schwere räuberische Erpressung mit Anstiftung zur gefährlichen Körperverletzung an einem Mann in Grassau vor, dem eine der Kugelbomben gegolten hatte.

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Anleger sahen nichts von versprochenen Renditen

Die Betrugsgeschichte hat ihren Anfang 2008. Ein Deutscher aus München gründete mit seiner holländischen Frau in Dubai die Finanzmanagementfirma APL. Der »Direktor« sammelte unter Mithilfe von Geschäftspartnern von Tausenden gutgläubiger »Anlegern« hohe Beträge ein und versprach eine völlig unrealistische Verzinsung von bis zu 36 Prozent. Das Geschäft, in dem neben seiner Frau sein Schwager als Buchhalter mitarbeitete, florierte zunächst. Die APL-Kunden waren zufrieden. 2010 flog das Schneeballsystem auf. Die Anleger sahen nichts mehr von den versprochenen tollen Renditen.

Der Firmenchef flüchtete aus Dubai, wo er später in Abwesenheit 73 Jahre Gefängnis kassierte. 2014 wurde er in München festgenommen und zu acht Jahren Gefängnis verurteilt. Seine Ehefrau wurde in Dubai inhaftiert und saß lang hinter Gittern. Ihr derzeitiger Aufenthaltsort ist unbekannt. Der holländische Schwager des Haupttäters kassierte 2015 in München vier Jahre Haft und verbüßt die Strafe in seinem Heimatland.

Die Millionen an APL gezahlten Anlagegelder sind verschwunden, wie eine Kripobeamtin aus Traunstein gestern berichtete. Ein erheblicher Teil sei verbraucht worden. Man wisse von zehn Millionen Euro, die nach Liechtenstein überwiesen wurden. Dort verliere sich ihre Spur. Die Zeugin informierte über ein unüberschaubares Finanzgeflecht mit vielen Beteiligten und fragwürdigen Geldflüssen.

Geprellte Anleger versuchten nach Bekanntwerden der Firmenpleite in Dubai offensichtlich, etwas von ihrem Geld zurückzuholen. Dabei wurden Leute angeheuert für die »Drecksarbeit« wie Verschicken von Drohanrufen und -mails, Versand von Briefbombenattrappen und Einschüchtern durch Bombenanschläge. Die erste Bombe, ein hochexplosiver und für Nicht-Profis hochgefährlicher Feuerwerkskörper aus Tschechien, richtete am 15. Januar 2013 in Grassau geringen Sachschaden an. Der Ex-Geschäftspartner hatte zwischenzeitlich den Wohnsitz gewechselt.

Auch beim zweiten Anschlag am 28. März 2013 vor dem Anwesen des Bruders des Haupttäters in Herrsching am Ammersee wurde glücklicherweise niemand verletzt. Ein zylinderförmiger Sprengsatz jagte ein 15 000 Euro teures Auto in die Luft. Zwei Täter aus dem Randbereich erhielten 2014 und 2015 in Traunstein Freiheitsstrafen ohne Bewährung zwischen 22 Monaten und knapp drei Jahren.

Handschellen klickten am Frankfurter Flughafen

Der jetzige Angeklagte absolvierte bei Microsoft eine Ausbildung, lebte in Dubai, ging später zurück in die Schweiz. Als er am 8. August 2015 in Frankfurt in den Flieger zu seiner Schwester in den USA steigen wollte, klickten die Handschellen. Der 41-Jährige hatte nach den Ermittlungen der Traunsteiner Kripobeamtin die marode Firma APL für 61 Millionen Euro einschließlich deren Verbindlichkeiten von etwa 40 Millionen Euro gekauft. Der Kaufpreis für das »Abschreibungsobjekt für Investoren« wurde aber tatsächlich nicht entrichtet. Der Schweizer soll von dem »Direktor« zusätzlich »Darlehen« erhalten haben – möglicherweise, um dessen holländische Ehefrau aus dem Gefängnis zu holen. Ungeklärt ist, welche Rolle der Vater des 41-Jährigen in dem kriminellen Geschehen spielte. Er war ebenfalls in Dubai und kassierte wohl Provisionen. Dazu der Vorsitzende Richter: »Ich habe das Gefühl, ich sitze in einem schlechten Film.«

Nachdem der Haupttäter untergetaucht war, gerieten zwei Geschäftspartner der APL in Österreich und in Grassau ins Visier der Geschädigten – in der Hoffnung, von diesen etwas von ihrem Geld zurück zu bekommen. Von dem Mann in Grassau erhoffte man sich 15 Millionen Euro, die auf ein von dem Schweizer in Hongkong eröffnetes Konto überwiesen werden sollten.

Um der Forderung Nachdruck zu verleihen, kreuzten im August 2012 zwei Unbekannte auf, die den Grassauer mit einem scharfen Gegenstand und Pfefferspray im Gesicht verletzten. Im Dezember 2012 schleuderten Unbekannte Beutel mit Tierblut und Fleischabfällen an die Hauswand. Als nächstes trudelten mehrere Droh-SMS ein, Mitte Januar 2013 folgte die Kugelbombe an die Hausmauer. Hinter all diesen Attacken soll gemäß Anklageschrift der Schweizer als Anstifter stecken.

Der 41-Jährige mit Verteidiger Manfred Kösterke aus Traunstein äußerte sich gestern nicht zu den Vorwürfen. Der Prozess wird am heutigen Dienstag um 14 Uhr fortgesetzt. kd