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»Europa muss flexibler werden und regionaler«

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Die Nitratrichtlinie, die in der Praxis dazu führt, dass Wiesen zusätzlich zur Gülle auch noch mit Kunstdünger gedüngt werden, ist eine von mehreren EU-Verordnungen, die Vertreter der Landwirtschaft kritisieren.

»Europa – was geht's mich an?« fragen sich viele Menschen kurz vor der Wahl des Europäischen Parlaments am 25. Mai. Eine ganze Menge, sagen zum Beispiel die Vertreter der Landwirtschaft. So rufen etwa der Geschäftsführer des Bayerischen Bauernbunds (BBV), Reinhard Lampoltshammer, und der BBV-Kreisobmann, Sebastian Siglreithmayer, und auch der Leiter des Bereichs Landwirtschaft am Landwirtschaftsamt Traunstein, Rolf Oehler, dazu auf, unbedingt zur Wahl zu gehen. »Wenn ich nicht zur Wahl gehe, entscheiden andere, vielleicht genau die, die ich nicht will«, sagt Oehler.


»Der Grundgedanke Europa ist heute noch nicht schlecht«

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Kaum ein Bereich sei so von Brüssel gesteuert wie die Landwirtschaft, erklärt Lampoltshammer. »Der Grundgedanke Europa ist heute noch nicht schlecht; nur der Regulierungswahn und die Bürokratie, wie etwa die Krümmung von Bananen oder die Länge von Gurken zeigen.« Siglreithmayer sagt: »Wir hatten noch nie eine so lange Friedenszeit in Europa. Als in der Nachkriegszeit die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft gegründet wurde, ging es vor allem darum, alle Menschen ernähren zu können. Aber die EU muss noch viel regionaler denken.«

Weiter gibt Lampoltshammer zu bedenken: »Manchmal passen gut gemeinte Beschlüsse nicht für alle Regionen in Europa. Ich hab' doch in der Rhön ganz andere Bedingungen als auf den Hochalmen oder in Spanien.« Zur Bürokratie sagt er: »Wenn ich allein für das Wolfsmanagement einen 73-seitigen Vorschlag oder für das Erneuerbare-Energien-Gesetz eine 390-seitige Abhandlung kriege, wer soll denn das noch alles beurteilen? Es kann doch nicht sein, dass das ohne Jura-Studium fast nicht mehr machbar ist.«

»Oft ist der Verwaltungsaufwand um ein Vielfaches höher, als die eigentliche Arbeit«, sagt Oehler. »Weniger Bürokratie ist mehr.« Aber generell mische sich die EU zu sehr in regionale Belange ein, etwa beim Interreg-Projekt Kalkalpen. Da habe man von den beiden Angeboten das etwas teurere gewählt, »weil wir wussten, der Anbieter hat Erfahrung, der setzt das genau so um, wie wir das haben wollen. Dafür sind wir von der EU gerügt worden.«

Nitratrichtlinie belastet Landwirte im Landkreis

Befragt nach Beispielen für Regelungen, die aus ihrer Sicht völliger Unsinn sind, fällt Lampoltshammer und Oehler spontan die Nitratrichtlinie ein. »Auf europäischen Wiesen dürfen nur 170 Kilogramm Nitrat pro Hektar und Jahr aus tierischer Produktion stammen, während die Pflanze 300 bis 350 Kilogramm verbraucht. Den Rest müssen die Landwirte mit Kunstdünger nachdüngen«, sagt Lampoltshammer. Man habe hier im Gegensatz zu anderen europäischen Regionen genug Niederschlag und Pflanzenwachstum.

»Das hat bestimmt Sinn in Gegenden, wo höchstens zwei oder drei Schnitte möglich sind«, sagt Oehler. »Aber hier ist ein Hauptproblem die Flächenknappheit mit extrem steigenden Pachtpreisen.« Hierzulande seien Landwirte darauf angewiesen, mehrfach zu mähen, um genug Futter für ihr Vieh zu haben. Alles andere gehe zulasten ihres Einkommens.

Siglreithmayer nennt als Beispiel das Stichwort Greening. Fünf Prozent seiner Äcker muss ein Bauer ab dem nächsten Jahr als »ökologische Vorrangflächen« ausweisen. »Das mag sinnvoll sein im Norden oder im Osten, wo wir riesige Agrarfabriken haben«, sagt er, aber, wie Lampoltshammer ergänzt, »hier in Oberbayern sind wir ja schon 'green'. Außerdem ist hier jeder Quadratmeter Fläche umkämpft.« Siglreithmayer verweist auf bestehende Feldraine, auf Holz und Hecken. Die Regelung bedeute weniger Vieh und weniger Einkommen, oder wie es Rolf Oehler ausdrückt, eine »versteckte Großvieh-Begrenzung«.

Zum umstrittenen Freihandelsabkommen mit den USA sagt Siglreithmayer: »Ich sag' nicht, dass wir's nicht brauchen, aber zu unseren Standards. Genmais, Hormoneinsatz in der Mast oder Chlorhühner brauchen wir sicher nicht. Wir schlachten schon so sauber, dass wir das nicht brauchen. Und unsere Qualität spricht sich rum in der Welt.« Auch Lampoltshammer verweist darauf, dass man nicht grundsätzlich gegen das Freihandelsabkommen sei, aber sich einbringen müsse, denn: »Wir führen um sieben Milliarden Euro mehr Agrarprodukte aus, als wir einführen.«

Fracking wäre ein weiterer Eingriff ins Eigentum

Zum Thema Fracking, also der umstrittenen Förderung von Schiefergas, sagt Siglreithmayer: »Auf die Umwelt keine Rücksicht zu nehmen, das kann's nicht sein.« »Das lehnen wir eindeutig ab«, sagt auch Lampoltshammer. »Wir sind hier in Bayern noch viel mehr mit der Scholle verbunden. Eigentum ist unantastbar, es geht uns eh schon viel zu weit, wie manche Verbände Einfluss auf unser Eigentum nehmen. Wenn man eine Leistung für die Allgemeinheit erbringt, muss die auch bereit sein, den Wert anzuerkennen.«

Extensivierung muss der Verbraucher auch bezahlen

Das unterstreicht auch Rolf Oehler: »Die Gesellschaft will eine extensivere Bewirtschaftung, dann muss sie auch bereit sein, das zu bezahlen.« Gespannt sei er auf die Konsequenz des Verbrauchers bei der Ablehnung von Gentechnik – hatte doch ein bekanntes Schnellrestaurant angekündigt, nicht mehr für die Gentechnikfreiheit des Geflügelfleisches zu garantieren.

Trotz allem: »Es gibt keine Alternative zu Europa«, sagt Siglreithmayer. Und: »Wenn man alles anschaut, wird am Ende das Positive überwiegen«, so Lampoltshammer. Man dürfe nicht vergessen, dass das EU-Parlament »die Kommission einbremsen kann, wenn sie wieder mal übers Ziel hinaus schießt.« Nur am Biertisch zu schimpfen, reiche nicht: »Da muss man schon zur Wahl gehen, wenn man etwas verändern will.« coho