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Essigflasche als wichtiges Indiz

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Eine Flasche Essigessenz, befüllt vom Hersteller im März 2014, wird zum zentralen Indiz im Traunsteiner Mordprozess gegen einen psychisch kranken 26-jährigen Mann aus Niedersachsen, der Mitte Mai 2014 einen 61-jährigen Traunreuter in dessen Wohnung erschlagen und erstochen haben soll.


Vor dem Traunsteiner Schwurgericht kristallisierte sich an den bisher fünf Verhandlungstagen heraus: Der Beschuldigte war im März 2013 als Gast des Rentners in dessen Wohnung sowie auch um die Tatzeit herum gut ein Jahr später – bei einem »freundschaftlichen« Besuch, bei dem der 61-Jährige angeblich noch gesund und munter war.

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Der Inhalt der Essigessenzflasche wiederum wurde vermutlich vom Täter erst nach dem gewaltsamen Tod des Opfers in dessen Bett verschüttet. Die Flasche mit aufgeschraubtem Ausgießer lag noch auf dem Bett, während der Schraubverschluss auf dem Wohnzimmertisch lag. Das Besondere daran: An Flasche wie Verschluss konnten DNA-Spuren des Beschuldigten nachgewiesen werden – wie auch an zwei Bierflaschen, einem Salzstreuer und einem Stuhl.

Die halb verweste Leiche des Rentners war nach Hinweisen von Nachbarn, die den 61-jährigen Flaschensammler einige Tage nicht gesehen hatten, am 17. Mai 2014 im Bad unter dem Waschbecken von einer Polizeistreife entdeckt worden. Die Wohnung in dem Gebäudekomplex am St.-Georgs-Platz war einerseits offensichtlich gründlich geputzt worden. Andererseits waren diverse Pulver und Flüssigkeiten verschüttet worden – beides offensichtlich in der Absicht, die zahlreichen Blutspuren zu beseitigen.

Ein Zeuge von der Herstellerfirma berichtete gestern, der besagte Schraubverschluss werde nur für ein bestimmtes Flaschenmodell und nur für eine einzige Essigfirma seit 2011 produziert. Der Verschluss passe wegen des Gewindes auf keine andere Flasche. Den sichergestellten Verschluss konnte der Zeuge jedoch nicht konkret der am Tatort aufgefundenen Flasche zuordnen.

Aufgrund von Anträgen der Verteidiger, Axel Kampf und Raphael Botor aus Rosenheim, vernahm das Schwurgericht gestern einige Zeugen nochmals, darunter Beamte der Kripo Traunstein zum Zustand und zu Angaben des Beschuldigten bei der Festnahme in Niedersachsen am 30. Juli 2014. Die Anwälte argumentierten, damalige Äußerungen ihres Mandanten dürften nicht verwertet werden. Der Beschuldigte sei gesundheitlich überfordert gewesen und habe keinen Anwalt bekommen.

Die Sachbearbeiterin der Kripo Traunstein korrigierte, der Bitte auf einen Rechtsanwalt sei man damals umgehend nachgekommen. Der 26-Jährige habe in der Vernehmung unaufgefordert »lange Monologe« gehalten, die man natürlich protokolliert habe. Als man ihn mit seinen Genspuren auf der Essigessenzflasche konfrontiert habe, sei der Tatverdächtige schweigsamer geworden. Einen »Redeschwall« hatte auch der im Juli 2014 mit nach Niedersachsen gereiste Kripokollege in Erinnerung.

Nachdem beide Traunsteiner Kripobeamten den Sitzungssaal verlassen hatten, widersprach Axel Kampf dem Verwerten des Festnahmeprotokolls. Das Protokoll leide an einigen Mängeln. Spätestens nach dem Redeschwall hätte die Vernehmung beendet werden müssen. Das Schwurgericht befragte den psychiatrischen Sachverständigen, Oberarzt Rainer Gerth vom Bezirksklinikum in Gabersee, zu seinem Eindruck von der Vernehmungssituation. Das Fazit Gerths: Der Beschuldigte war nicht beeinträchtigt.

Im jetzigen Sicherungsverfahren, in dem Staatsanwalt Björn Pfeifer die Unterbringung des 26-Jährigen in der Psychiatrie beantragt, sagte der Beschuldigte bisher kein Wort. Die Verteidiger stellten jedoch eine Reihe von Beweisanträgen, alle mit der Begründung, auch andere Personen kämen als Täter in Frage oder könnten Mordmotive haben. Den meisten Beweisanträgen geht das Gericht an den nächsten Verhandlungstagen nach. Das Verfahren wird am 11. Mai um 9  Uhr fortgesetzt. kd