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ESC: Felicia Lu Kürbiß in Lenas Fußstapfen

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Felicia Lu aus Freilassing hat am Donnerstagabend die Chance, den deutschen ESC-Vorentscheid zu gewinnen und damit Deutschland beim Song Contest in Kiew zu vertreten. (Fotos: Brainpool) Foto: Michael Hudelist
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Foto: Michael Hudelist

Freilassing, Köln. Am 9. Februar entscheiden die TV-Zuschauer, wer Deutschland in diesem Jahr beim Eurovision Song Contest (ESC) in Kiew vertritt. Fünf Nachwuchstalente stellen sich dem Voting, eine von ihnen ist die 21-jährige Felicia Lu Kürbiß aus Freilassing. Sie hat bereits an der RTL-Castingshow „Rising Star“ teilgenommen, seither versorgt sie mittlerweile 20.000 Fans in ihrem eigenen YouTube-Kanal wöchentlich mit neuen Cover-Versionen von aktuellen Hits. Am 13. Mai könnte sie 200 Millionen Zuschauer haben, wenn sie für Deutschland beim Song-Contest antreten darf.


Am Donnerstagabend ist es soweit, fünf junge Künstler stehen vor der wahrscheinlich größten Chance ihres Lebens, einer von ihnen darf Deutschland beim Eurovision Song Contest 2017 vertreten, ein Spektakel, das im vergangenen Jahr immerhin 204 Millionen Menschen weltweit verfolgt haben. Zum deutschen Vorcasting meldeten sich über 2000 Teilnehmer, darunter auch Felicia Lu. „Was habe ich denn zu verlieren“, fragt sie sich  und schickt einfach ein paar Links ihrer YouTube-Songs an den NDR.

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Vertreter der ARD, der Produktionsfirma Raab-TV und Musikexperten wie zum Beispiel Wolfgang Dalheimer wählen 33 junge Leute aus und laden sie zu einem Vorcasting ein. „Im November habe ich den Anruf aus Köln bekommen, dass ich unter den Top 33 bin“ erinnert sich die Freilassingerin, es folgt die eigentliche Auswahl, das Casting, denn am Ende sollen dem Fernsehpublikum nur fünf Talente präsentiert werden. Eine Woche vor Weihnachten geht das zweitägige Casting in Köln über die Bühne, hinter verschlossenen Türen. Die Jury ist von der Qualität aller 33 Teilnehmer begeistert, streitet aber zwischendurch, wer weiterkommen soll, es komme nicht nur auf die Stimme an, sondern auch auf die Persönlichkeit, so ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber auf der Internetseite des ESC. Felicia singt fünf verschiedene Songs, in den Pausen gibt es erste Fotoshootings.

Wie auch bisher absolviert die 21-Jährige das Casting alleine, weder Mutter, noch Schwester begleiten sie nach Köln, „ich will mich auf  mich selbst konzentrieren und das kann ich nicht wenn jemand dabei ist, den ich kenne“. Schon bei den Top 33 haben die Veranstalter Angst, dass wieder jemand spontan abspringt, wie Andreas Rückert im März 2015, als er seinen Sieg in der Vorentscheidung spontan an die Zweitplatzierte Ann Sophie weitergab. „Wer gehen will der möge es bisher jetzt tun“, sollen die TV-Redakteure die Teilnehmer eindringlich gebeten haben. Felicia will natürlich bleiben, sie genießt die große Bühne, hat ein gutes Gefühl, aber die Veranstalter wollen sich nicht sofort entscheiden.  „Wir melden uns in zwei Tagen“, damit muss sich Felicia Lu zufrieden geben, sie fährt zurück nach Freilassing.

RTL-Casting: Reinfall des Formats

„Eigentlich wollte ich ja an keinem Casting mehr teilnehmen“, erzählt Felicia Lu, ihre Erfahrungen mit der RTL-Show „Rising Star“ im Sommer 2014 sind am Ende nicht die besten. Sie kommt zwar in das Finale und damit unter die besten 15, aber das Format an sich floppt und wird frühzeitig aus dem Programm genommen, „ich glaube, dass die Voting-Regeln einfach zu kompliziert waren“. Sie nutzt die ersten Casting-Erfahrungen für den weiteren Aufbau ihres eigenen YouTube-Videokanal, die Fangemeinde wächst auf rund 16.000 Abonnenten an, also Fans, die ihrem Kanal (Link) folgen und über jeden neuen Clip informiert werden.

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Felicia Lu beim Interview im Freilassinger Stadt-Café, hochkonzentriert, genau eine Stunde, denn im Abschluss musste sie mit der S-Bahn zum Job in den Europark. (Foto: Michael Hudelist) Foto: Michael Hudelist

Was in TV-Studios mit einem immensen Aufwand produziert wird, macht Felicia Lu in ihrem Musikzimmer zuhause in Freilassing alleine: ein Klavier, eine Mini-Kamera, ein Mikrofon und eine Cover-Version eines aktuellen Hits, mehr braucht es nicht, um die Fans glücklich zu machen. Ihre  Version von „Don’t Let Me Down“ von „The Chainsmokers“ wird zum Beispiel über 300.000-mal aufgerufen, auch für Felicia Lu ein absoluter Rekord. Ihre Fangemeinde besteht zu 60 Prozent aus jungen Mädchen im Alter von 14 bis 25 Jahren. Sie nutzt ihren Kanal jetzt aber auch für Eigenpromotion für den ESC, im Clip „ESC & Being Excited“ zeigt die 21-Jährige nicht nur ihr Zimmer über den Dächern von Freilassing, sondern beantwortet in einwandfreiem Englisch alle Fragen, die ihre Fans online stellen. 

Musikausbildung in Salzburg

Dass Felicia Lu Musik in den Adern hat zeichnet sich schon in der Kindheit ab, „als meine ältere Schwester Klavier gespielt hat bin ich immer unter dem Klavier gelegen und habe mitgesungen“. In ihr Tagebuch schreibt sie schon als Kind als Berufswunsch: „Popstar“. Geboren ist Felicia Lu im Salzburger Oberndorf, der Vater ist Österreicher aus der Stadt Salzburg, die Mutter kommt aus Stuttgart, sprachlich haben beide null auf die Tochter abgefärbt, sie spricht reinstes Hochdeutsch. Nach der Grundschule in Freilassing kommt die damals 10-Jährige an das Musische Gymnasium in Salzburg, doch der Schwerpunkt Klassische Musik ist nicht ihr Fall. Sie wechselt 2010 in ein  Musikgymnasium in Bad Hofgastein, das sich auf Pop-Musik und Tanz spezialisiert hat. Von dem Zeitpunkt an sammelt sie auch Erfahrungen als Solokünstlerin, „der erste Auftritt war in der ‚Stage Bar‘ in Salzburg“, ein Musiklokal, das No-Name-Künstlern eine Plattform bietet. Gage gibt es damals noch keine, „inzwischen schon ein wenig, wenn mehr Besucher da sind“. Nach der Matura am Musikgymnasium konzentriert sich Felicia weiter auf ihre Karriere und startet den eigenen YouTube-Kanal, der jetzt unmittelbar vor dem ESC-Vorentscheid von 16.000 Fans sprunghaft auf fast 20.000 angewachsen ist. Auch wenn sie bei ihren Eltern in Freilassing wohnt will sie doch auch ihr eigenes Geld verdienen, daher jobbt sie in einem Computer-Flagship-Store im Salzburger Europark.

Anruf in der Arbeit

Zurück zum ESC-Vorentscheid, es ist kurz vor Weihnachten, Felicia Lu arbeitet wieder im Store in Salzburg. „Und ausgerechnet als ich eine Kundschaft berate klingelt mein Handy und ich sehe eine Telefonnummer aus Köln“, die Zusage ist da, sie hat es in die Top 5 geschafft. „Ich glaube ich habe den ganzen Shop zusammengeschrien vor Glück“, erinnert sich die 21-Jährige strahlend, „das war mein schönstes Weihnachtsgeschenk“.

Ab 6. Februar geht es wieder ab nach Köln, zu den Proben. „Mittlerweile ist ja auch öffentlich, wer die anderen vier Teilnehmer des Vorentscheides sind“, am Donnerstagabend singen Felicia und die andern Vier jeweils zwei Titel, die extra für den ESC und den Vorentscheid geschrieben wurden. Vorverträge hat Felicia Lu auch schon unterschrieben, für den Fall, dass sie Deutschland in Kiew vertritt, „aber das sind unterstützende Verträge, mein Schwager ist Anwalt, der hat sich die Papiere schon angesehen“, lacht die 21-Jährige. Die Vorentscheidung „Unser Song 2017“ wird am 9. Februar ab 20.15 Uhr live in der ARD übertragen, die Jury mit Lena, Tim Bendzko und Florian Silbereisen darf die Auftritte zwar kommentieren, hat aber kein Stimmrecht. Am Ende der dreistündigen Show entscheiden alleine die Zuschauer, wer Deutschland am 13. Mai bei ESC in der Ukraine vertritt. Noch ist Felicia Lu aus Freilassing gelassen, ESC-Gewinnerin Lena ermutigt schon jetzt alle fünf Teilnehmer, „es könnte die beste Entscheidung eures Lebens sein und alles verändern“. [Freilassing] Interview 27.01.2017, Von Michael Hudelist

Zum YouTube-Channel von Felicia Lu: https://www.youtube.com/channel/UCch0_283VchmylVxLBmUCBQ