weather-image

»Es zeigt sich Armut, die wir uns nicht vorstellen können«

4.0
4.0
Waginger fuhr als Lkw-Fahrer mit Johanniter-Weihnachtstrucks nach Rumänien
Bildtext einblenden
Auf nur wenigen Quadratmetern leben, essen und schlafen Familien mit teils mehreren Kindern. Das erfuhr Hans Lamminger (links) bei seinen Besuchen. (Fotos: Hans Lamminger)

Sechs bewegte Tage und fast 17.000 gefahrene Kilometer liegen hinter den rund 140 haupt- und ehrenamtlichen Helfern, die sich mit dem Johanniter-Weihnachtstrucker am 26. Dezember auf den Weg nach Albanien, Bosnien-Herzegowina, nach Nord- und Zentral-Rumänien, Bulgarien und in die Ukraine aufgemacht hatten.


Darunter war auch als Lastwagenfahrer Hans Lamminger aus Waging am See. Der freie Mitarbeiter unserer Zeitung war bereits zum zweiten Mal als Weihnachtstrucker mit dabei und erzählte nach seiner Rückkehr von der Reise.

Anzeige

Lammingers Reise ging erneut nach Rumänien. Zusammen mit einem weiteren Fahrer steuerte er einen der 13 Lastwagen, die in das südosteuropäische Land fuhren. Für viele Fahrer beginnt ihr Engagement schon vor der eigentlichen Tour. Einige Tage vor Weihnachten nehmen sich die meisten Fahrer schon Urlaub, um mit dem Lastwagen oder Transporter die Pakete von Schulen, Kindergärten, Firmen, Vereine oder öffentliche Sammelstellen abzuholen.

Auch Lamminger sammelte, da es im Landkreis keine eigene Johanniter-Sammelstelle mehr gibt, privat die heiß begehrten Päckchen. Die Pakete werden von den ehrenamtlichen Helfern an wirtschaftlich schwache Familien, Schul- und Kindergartenkinder, Menschen mit Behinderung, in Armenküchen, Alten- und Kinderheimen in Osteuropa überreicht.

Truckerfahrt war ein Kindheitstraum

Für Hans Lamminger geht damit auch ein Traum aus Kindheitstagen in Erfüllung. »Schon als Kind haben mich die Weihnachtstrucks beeindruckt«, erinnert sich der Waginger. Da er früher als Berufskraftfahrer unterwegs war, hatte er sich mehrfach bei den Johannitern als Fahrer beworben – erfolglos. Über einen Freund, der sich als Weihnachtstruck-Fahrer engagierte, gelang ihm, dem leidenschaftlichen Trucker, schließlich 2018 der Einstieg. Damals feierten die Weihnachtstrucker ihr 25-jähriges Bestehen.

Die Fahrten und Erlebnisse lassen auch die gestandenen Männer in ihren Lastwagen nicht kalt. »Wenn man die Armut aber auch die Freude sieht, dann kommen selbst mir die Tränen«, sagt Lamminger im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt. Denn für viele Menschen sind die Pakete ein kostbares Zeichen der Hoffnung – ein Zeichen, dass sie nicht vergessen sind in ihrer Not. Jedes der Weihnachtstrucker-Päckchen enthält Lebensmittel und Hygieneartikel von einer sorgfältig zusammengestellten Packliste. Insgesamt 64.440 Pakete lieferten die Johanniter Weihnachtstrucks heuer an bedürftige Familien.

Bildtext einblenden
Die Freude ist groß über die Geschenke aus Deutschland.

Die Konvois, in dem auch Hans Lamminger mitfuhr, starteten am 26. Dezember in der Altstadt von Landshut. Nur die Fahrzeuge, die in die Ukraine fuhren, starteten in Hannover. Zwei Tage lang ging es von Bayern durch Österreich, Ungarn nach Rumänien in die Region Harghita. Jeder Lkw war mit zwei Fahrern besetzt, so saß jeder im Wechsel hinterm Steuer. Die Fahrer übernachteten größtenteils in ihren Fahrzeugen.

Die Fahrt in Rumänien war anspruchsvoll und dauerte deutlich länger. Die Autobahn A1 ist noch nicht vollständig ausgebaut, und so führte die Route über die Karpaten. Teils waren die Straßen eng und kurvig. Immer wieder mussten Pferdefuhrwerke vorsichtig überholt werden, auf denen Familien mit Kindern bei kaltem Schneewind unterwegs waren.

Zehn Kilometer vor dem Zielort Odorhellen wurde der Konvoi von der Polizei empfangen und mit Blaulicht bis zum Gelände eines Baustoffhändlers begleitet, der seit Jahren sein bewachtes Firmengelände als Parkplatz zur Verfügung stellt.

Für die Fahrer ging es mit Kleinbussen weiter in die Unterkunft im nahe gelegenen Ort Taureni. Im Umkreis von rund 100 Kilometer hatte jeder Lastwagen in der Regel mehrere Abladestellen. Organisiert wird die Verteilung für die Johanniter vom Verein LIA Rumänienhilfe. LIA heißt übersetzt Jugendstiftung Lokod. Sie arbeitet mit regionalen, sozialen Verbänden zusammen, die Geschenkpakete an kinderreiche und hilfsbedürftige Familien und Einzelpersonen verteilen.

Die Pakete wurden oft auf kleinere Transporter umgeladen oder in Lager vom Roten Kreuz, Vereine, Stiftungen oder Diakonien gebracht. Vor Ort ist man bemüht einen Missbrauch der Hilfspakete zu vermeiden. Dafür werden vorher eingereichte Listen mit den Bedürftigen geprüft.

Kein fließendes Wasser in den Häusern

Eine Gruppe von Fahrer, zu der auch Hans Lamminger gehörte, machte sich mit zwei Geländewagen auf den Weg in ein Bergdorf auf über 1000 Höhenmeter. Über eine halbe Stunde ging es auf einer von Schnee bedeckten Schotterstraße ins Gebirge. Begleitet von einer Stromleitung, die es erst seit einigen Jahren dort gibt. Das Trinkwasser beziehen die Menschen dort immer noch aus ihren Brunnen.

Die Fahrt dorthin war abenteuerlich, zu den letzten Häusern auf der Strecke führte der Weg zum Teil durch ein Bachbett und war gerade mal so breit wie der Geländewagen. Die Häuser sind oft aus Holz und nur zum Teil aus Stein gebaut. »Beim Betreten der Häuser zeigte sich bittere Armut, wie wir sie uns kaum vorstellen können«, sagt Lamminger immer noch tief beeindruckt.

Familien leben auf wenigen Quadratmetern

Auf wenigen Quadratmetern leben, essen und schlafen Familien mit teils mehreren Kindern. »Die Menschen in dieser Region werden von der Regierung stark vernachlässigt, da sie einem Volksstamm einer ungarischen Minderheit in Rumänien angehören«, weiß der Trucker mit Herz. Auf dem Rückweg ist es still im Auto, jeder verarbeitete seine Erlebnisse für sich, erinnert sich Lamminger an diesen Tag.

Am zweiten Tag besuchten die Fahrer das Dorf Lokod von der LIA Stiftung und verschafften sich dort einen Eindruck über die Arbeit von Elke und Herbert Flöck. Die beiden haben 1995 begonnen, ein Jugenddorf für junge Menschen aufzubauen, die ihre Kindheit in rumänischen Kinderheimen verbringen mussten. Zum Abschluss wurden alle in der Dorfkantine mit leckerem Essen verköstigt und als Dankeschön überraschte eine Seniorengruppe in Landestracht mit einem typischen Volkstanz.

»Einmal Weihnachts- trucker immer Trucker«

Geschlossen machten sich die 13 Trucks im Anschluss auf den Heimweg, der wieder in zwei Etappen erfolgte. Am österreichischen Autohof Oed wurde am zweiten Rückreisetag noch ein letztes Mal gemeinsam gegessen.

Bildtext einblenden
In seiner Brust schlägt ein Truckerherz: Hans Lamminger am Steuer seines Weihnachtstrucks der Johanniter.

Danach hieß es Abschiednehmen für die Weihnachtstrucker und den Begleitern der Johanniter. Für viele ist es ein Abschied für die nächsten zwölf Monate. »Aber es sind inzwischen Freundschaften entstanden, sodass sich manche Fahrer treffen«, sagt Lamminger. Für die meisten Beteiligten, die seit vielen Jahren der Aktion angehören, lautet das Motto aber »einmal Weihnachtstrucker immer Weihnachtstrucker«.

Auch Hans Lamminger wird wieder dabei sein, und wie in den beiden vergangenen Jahren bereits im November mit dem Sammeln von Paketen beginnen. Wer die Aktion künftig unterstützen möchte, darf sich gern bei Hans Lamminger unter der Telefonnummer 0171/38 900 83 melden. FDL