weather-image
27°

»Es war nicht ich, es war der Alkohol«

3.0
3.0

Traunstein – »Es war nicht ich, es war der Alkohol.« So rechtfertigte ein 49-Jähriger aus dem Landkreis Ebersberg unmittelbar nach seiner Festnahme am Arbeitsplatz im Mai den sexuellen Missbrauch seiner drei Stieftöchter. Hauptopfer war ab deren zehnten Lebensjahr eine inzwischen 16-Jährige. Jetzt muss sich der in dem Prozess weiterhin nur teilgeständige Angeklagte vor der Jugendschutzkammer am Landgericht Traunstein wegen 155 Einzeltaten an diesem Mädchen verantworten.


Am ersten Verhandlungstag hatte der gelernte Lackierer ziemlich »herum geeiert«, wie es Vorsitzender Richter Dr. Klaus Weidmann ausdrückte. Der 49-Jährige hatte die Anzahl und die Intensität seiner sexuellen Handlungen an der Nebenklägerin erheblich eingeschränkt. Ein wesentlich weitergehendes Geständnis, das die Anklageschrift von Staatsanwältin Dr. Kerstin Spiess widerspiegelt, hatte der 49-Jährige jedoch am 25. Mai vor dem Ermittlungsrichter abgelegt.

Anzeige

Demnach begann der Missbrauch an der Zehnjährigen etwa im September 2011 in der Wohnung der Familie in Bruckmühl und dauerte bis zur Trennung der Eheleute im Oktober 2013. Im Juni 2014 erfuhr die Kripo Rosenheim über die jetzige Nebenklagevertreterin, Manuela Denneborg aus Rosenheim, vom Missbrauch aller drei Stieftöchter durch den Angeklagten. Die schwerwiegendsten Taten, begangen an der mittleren Stieftochter, wurden in die Anklageschrift aufgenommen. Die Vorwürfe hinsichtlich der ältesten und der jüngsten Schwester wurden mit Blick auf das jetzige Verfahren vorläufig eingestellt.

»Es ist nicht so, wie du denkst«

In der Hauptverhandlung ließ die Jugendkammer eine zweistündige Videoaufzeichnung der Kripo vorführen, in der das Hauptopfer und die jüngste Stieftochter den Missbrauch schilderten. Die älteste Schwester, inzwischen 23 Jahre alt, sagte als Zeugin aus. Sie hatte vom Missbrauch der mittleren Schwester direkt nichts mitbekommen, aber einen Verdacht gehegt. Wenn sie den Stiefvater mit der Schwester im Bett überrascht habe, habe der gemeint: »Es ist nicht so, wie du denkst.« Die Mutter der drei Schwestern wird am nächsten Prozesstag berichten, was sie beobachtet hat.

Die 16-jährige Jugendliche wurde unmittelbar nach Bekanntwerden der Vorwürfe zwei Monate stationär in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Einrichtung behandelt. Wie Manuela Denneborg gestern betonte, lebt ihre Mandantin inzwischen in einer Pflegefamilie in der Region und ist weiterhin auf psychotherapeutische Behandlung angewiesen. »Es geht ihr deutlich besser. Aber alles, was im Zusammenhang mit diesem Verfahren steht, findet sie zum Kotzen.« Die Jugendliche versuche, die Taten des Stiefvaters zu verdrängen – »um ein normales Leben führen zu können«. Für die 16-Jährige wäre es »ein befreiendes Gefühl, wenn der Angeklagte eine gerechte Strafe erhalten würde«.

Dass eine erneute Zeugenvernehmung der 16-Jährigen nicht gut tun würde, betonte Vorsitzender Richter Dr. Klaus Weidmann. Er appellierte an den 49-Jährigen, sein »Zehn-Prozent-Geständnis« in der Hauptverhandlung nochmals zu überdenken. Bei der Polizei habe er relativ wenig eingeräumt – wohl als »Schutzschild«. Beim Ermittlungsrichter in Gegenwart des Verteidigers, Andreas Grabmann aus Rosenheim, habe er im Mai aber ein umfangreiches Geständnis abgelegt. Dabei habe er erklärt: »Es hätte alles nicht passieren dürfen. Ich hab Mist gebaut. Ich stehe dafür gerade.« Im Prozess habe er zahlreiche Widersprüche zu diesem vorherigen umfangreichen Geständnis abgeliefert.

Staatsanwältin Dr. Kerstin Spiess sah das genauso: »Ich sehe Tendenzen, die Schuld anderen zuzuschieben.« Es sei ausschließlich im Sinn des Angeklagten, seine Angaben zu korrigieren. »Es gab noch ein weiteres kleines Mädchen. Es wäre für beide hilfreich, wenn der Angeklagte die Verantwortung übernimmt«, schloss sich Nebenklagevertreterin Manuela Denneborg an. Die Kinder hätten Schuldgefühle. Die Verantwortung liege jedoch einzig bei dem 49-Jährigen.

»Ich bin in einer Konfliktsituation«

Die Jugendkammer bewertete gestern den Stand der Beweisaufnahme. Das Ergebnis: Aus ihrer Sicht sind mindestens 120 Fälle durch Fakten untermauert. Das sind allerdings weit mehr, als der Angeklagte gestern – trotz der Beweislage – bereit war, einzugestehen. Nach mehreren Beratungspausen mit dem 49-Jährigen betonte der Verteidiger: »Ich bin in einer Konfliktsituation. Ich kann nichts erklären, wenn mein Mandant sagt, der Missbrauch hat nicht in diesem Umfang stattgefunden.«

Die nichtöffentliche Hauptverhandlung wird am kommenden Mittwoch um 13 Uhr mit der Zeugenaussage der Mutter fortgesetzt. Weitere Termine sind für kommenden Freitag, 9 Uhr, sowie möglicherweise für 22. September geplant. kd