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»Es war haarscharf«

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Traunstein. Um ihren Führerschein hat gestern eine 48-jährige Frau vor dem Amtsgericht gekämpft. Ohne Erfolg: Ihr sehnlichster Wunsch, wieder Autofahren zu dürfen, ging nicht in Erfüllung. Ihr Führerschein bleibt noch mindestens ein halbes Jahr eingezogen. Dafür sprach Richter Wolfgang Ott die Traunsteinerin frei. Wegen einer schizoaffektiven Erkrankung ist sie schuldunfähig. Die Frau hatte sich wegen zweier Taten verantworten müssen: wegen einer Schlangenlinienfahrt am 31. Mai 2012 auf der Bundesstraße 304 bei Traunreut mit einem Beinaheunfall sowie eines Widerstands gegen Polizeibeamte am 15. Juni 2013, ebenfalls in Traunreut.


Ein Sachverständiger war in einem im Vorfeld des Prozesses erstellten Gutachtens zu dem Ergebnis gekommen, dass die Frau wegen einer schizoaffektiven Störung schuldunfähig ist. Das Strafverfahren wurde deshalb zunächst eingestellt, lebte aber zwischenzeitlich wieder auf. Der Grund: Der Zustand der Frau sollte sich mittlerweile deutlich gebessert haben – auch wegen der von einem Facharzt verordneten und von der Patientin regelmäßig genommenen Medikamente. Weiter argumentierte die 48-Jährige, sie lebe inzwischen bei ihrem Lebensgefährten in Traunstein, fühle sich »erstmals wohl«.

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Vor Gericht schilderten zehn Zeugen die beiden Taten, wegen derer die Frau angeklagt war. In einem geliehenen BMW war die Angeklagte am 31. Mai 2012 gegen 22.30 Uhr auf der Bundesstraße in Richtung St. Georgen unterwegs gewesen. Die Zeugen berichteten von einer Fahrt in Schlangenlinien quer über beide Fahrbahnen. Ein 37-jähriger Obinger und seine Verlobte waren auf der Fahrt von Traunstein nach Altenmarkt gewesen, als das entgegenkommende Fahrzeug konstant immer mehr auf ihre Fahrbahnseite steuerte. Das Paar rechnete bereits mit einem Zusammenstoß, dann jedoch lenkte das andere Auto auf den Seitenstreifen hinaus und eine Böschung hinauf.

Der 37-Jährige schätzte im Zeugenstand das Geschehen ein: »Es war haarscharf.« Er und seine Verlobte hatten damals die Polizei verständigt. Die Beamten fanden später im Böschungsbereich ein Kennzeichen des Unfallautos.

Eine 26-jährige Traunsteinerin hatte damals beobachtet, wie der Wagen der Angeklagten wenige Hundert Meter vom Ort des Beinaheunfalls entfernt von der Bundesstraße nach links abgebogen war und gestoppt hatte. Der BMW setzte sich aber wieder in Bewegung. Die Polizei riet der 26-Jährigen damals am Handy, nach Möglichkeit dem Auto zu folgen. Gesagt, getan: Die Fahrt des BMW endete in einer Wohngegend. Richter Wolfgang Ott lobte die 26-Jährige: »Das haben Sie gut gemacht.«

Die Angeklagte gab bei der Polizei an, sie sei müde gewesen und habe gedacht, sie könne die zwei Kilometer bis nach Hause noch schaffen. Ein Polizeibeamter aus Trostberg berichtete von »einem interessanten Gespräch«: Die Frau habe damals »mit Engeln geredet« und sich »mit englischen Floskeln wie come down« selbst beruhigen wollen.

Der zweite Vorfall war am 15. Juni 2013 gegen 1 Uhr nachts in Traunreut passiert. Ein Autofahrer aus Rosenheim hatte nur etwas an einer Adresse abgeliefert, als die Angeklagte ihn ansprach, er solle sie nach Traunstein bringen. Er lehnte ab, worauf die 48-Jährige sich einfach auf den Beifahrersitz setzte. Er versuchte, die Frau wieder zum Aussteigen zu bewegen – vergeblich. Als die Polizei eintraf, wehrte sie sich massiv. Ein Polizist schilderte: »Sie kreischte hysterisch, rief nach Allah und ihrem Vater.«

Die Angeklagte befindet sich seit 2005 in psychiatrischer Behandlung. Ihr Arzt attestierte, sie sei inzwischen »weitgehend einsichtig und hinreichend stabil«. Die ärztliche Bescheinigung reiche nicht aus, stellte Richter Wolfgang Ott fest: »Wir brauchen eine Kontrolle über einen langen Zeitraum.« Er bat, nicht zu vergessen, was auf der B 304 hätte passieren können. Mehrmals beteuerte die Angeklagte: »Ich bin sehr glücklich, dass kein Mensch zu Schaden kam.«

In den Plädoyers und im Urteil herrschte beim Freispruch Einigkeit. Staatsanwalt Gunther Scharbert forderte für die Fahrerlaubnis eine Sperrfrist von noch sechs Monaten. Der Verteidiger, Ralph Wollmann aus Traunstein, beantragte, die Fahrerlaubnis sofort wieder zu erteilen. Der Richter hob im Urteil heraus, die 48-Jährige sei derzeit zum Führen eines Fahrzeugs »nicht geeignet«. kd

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