weather-image
14°

»Es ist mir ein Bedürfnis zu helfen«

4.8
4.8
Bildtext einblenden
Die Patienten, die Dr. Biesinger in Myanmar behandelt, haben sich für die Sprechstunde ihr schönstes Festtagskleid angezogen. Die meisten sind im Gesicht mit einer speziellen Paste geschminkt.
Bildtext einblenden
Lange Warteschlangen bilden sich, wenn das HNO-Team aus Deutschland in der Stadt ist.

Traunstein – Der Traunsteiner Hals-Nasen-Ohren-Arzt Dr. Eberhard Biesinger engagiert sich seit fünf Jahren ehrenamtlich in Myanmar, bildet dort Berufskollegen weiter, behandelt und operiert die arme Bevölkerung des südostasiatischen Landes. Erst kürzlich ist der Mediziner von einer zweiwöchigen Reise zurückgekommen. Er und seine acht Mitstreiter konnten dabei nicht nur vielen Menschen helfen, sondern sie bekamen auch viel zurück von ihnen. »Das ist schon berührend«, sagt Dr. Biesinger.


340 behandelte Patienten, 48 operierte – das ist nur die Bilanz von der jüngsten Reise von Dr. Biesinger und seinem Team. Dem gehörten zuletzt unter anderem Dr. Christian Heiden an, der zu den Gründern der HNO-Gemeinschaftspraxis in Traunstein zählt. Auch mit dabei: Christin Idler, ebenfalls aus der Praxis von Dr. Biesinger, die OP-Schwester Lena Fischer aus Traunstein und der Anästhesist Stefan Pahler aus Bad Reichenhall.

Anzeige

Immer wieder ging es für sie in Myanmar auch um Leben und Tod. »Da sieht man Krankheitsverläufe, die es bei uns so gar nicht gibt«, erklärt Dr. Eberhard Biesinger. Etwa wenn eine chronische Mittelohreiterung ins Gehirn gelangt. Auch bei zerstörten Mittelohrknöchelchen hilft das Team um den 61-jährigen Mediziner aus Traunstein. Menschen, bei denen etwa durch Entzündungen die Mittelohrstrukturen zerstört wurden, können ihr verloren gegangenes Hören durch eine Operation wieder erlangen.

Nachhaltigkeit liegt dem Mediziner am Herzen

»Es ist mir ein Bedürfnis, mein Wissen weiterzugeben«, bringt Dr. Biesinger seine Motivation auf den Punkt. Was ihm wirklich am Herzen liegt, ist die Nachhaltigkeit dessen, was er tut. Darum setzt sich der Traunsteiner vor allem auch dafür ein, die Mediziner im früheren Burma weiterzubilden. Das Ausbildungsniveau liegt weiter unter dem in Deutschland. »Im ganzen Land gibt es nur vier, fünf Ärzte, die Operationen am Mittelohr überhaupt durchführen können«, weiß der HNO-Arzt.

Nicht nur in Myanmar bildet Dr. Biesinger Berufskollegen weiter. Ein HNO-Arzt aus dem südostasiatischen Land hatte auch bereits die Möglichkeit, ihm in Traunstein und Professor Gerhard Rasp in der HNO-Klinik in Salzburg über die Schultern zu schauen. Heuer soll ein weiterer HNO-Arzt aus Myanmar die Möglichkeit bekommen, sich in Traunstein und Salzburg fortzubilden. Immer wieder überprüft Dr. Biesinger auch die Fortschritte seiner südostasiatischen Kollegen.

Eine Herausforderung bei seinen Einsätzen in Myanmar ist die mangelhafte Ausstattung vor Ort. In den Operationssälen gibt es beispielsweise keine präzisen Mikroskope – obwohl es bei Ohrenoperationen entscheidend ist, millimetergenau zu arbeiten. »Wenn ich um einen Millimeter daneben liege, dann kann das Taubheit oder auch lebenslangen Schwindel zur Folge haben«, erklärt Dr. Biesinger.

Tragbares Mikroskop für die Reisen entwickelt

Inzwischen besitzt der Mediziner ein eigens für seine Burma-Reisen angefertigtes, tragbares Mikroskop. Für dessen Entwicklung erhielt das Traunsteiner Unternehmen Prechtl Engineering heuer den Meggle-Gründerpreis. Da das Gerät einen Akku besitzt und notfalls an eine Autobatterie anzuschließen ist, ist Dr. Biesinger auch unabhängig von den in Myanmar oft auftretenden Stromausfällen.

Doch nicht nur die schlechte medizinische Ausstattung ist eine Herausforderung, sondern auch die Hitze in dem südostasiatischen Land macht dem Team aus Deutschland zu schaffen. Oftmals müssen sich die Helfer mit Durchfall herumplagen. »Das sind schon anstrengende Wochen«, gesteht Dr. Biesinger.

Nach Myanmar ist er 2010 über »Interplast« gekommen, einem gemeinnützigen Verein, der kostenlos plastische Operationen in Entwicklungsländern durchführt. Seine erste Station war eine große HNO-Klinik in der Hauptstadt Yangon. Beim ersten Besuch mussten er und seine Mitstreiter mit den unzureichenden medizinischen Gerätschaften vor Ort vorliebnehmen. Bei der jüngsten Reise im Spätherbst hatten er und sein Team 250 Kilogramm Gepäck bei sich. Ziel waren die beiden Städte Ngapali und Sittwe.

Bei seinem ehrenamtlichen Einsatz bekam Dr. Biesinger im Laufe der Jahre viel Unterstützung. 20 000 Euro etwa ließ die deutsche Botschaft in Myanmar springen, die Lufthansa ermöglichte günstige Transporte, die Rotarier finanzierten ein dringend notwendiges, tragbares Mikroskop, auch die Akustiker aus Traunstein waren behilflich. Und nicht zuletzt kam Geld auch über den eigens für den Einsatz ins Leben gerufenen Förderverein »Eagle« in die Kasse.

Dankbare Patienten, wissbegierige Berufskollegen

Sechsmal ist der 61-Jährige schon in Myanmar gewesen, jedes Jahr einmal, immer für zwei Wochen. Zuvor hatte er sich schon in Ecuador engagiert, dort aber nach einiger Zeit feststellen müssen, »dass wir nicht die armen, sondern die reichen Leute operieren«. In Burma seien die Patienten sehr dankbar und die Berufskollegen wissbegierig. »Die Patienten sind bis zu drei Tage unterwegs, nur um zu uns in die Sprechstunde zu kommen.« Sauber gewaschen, in ihren schönsten Kleidern und im Gesicht geschminkt mit einer in Myanmar üblichen Paste stehen sie dann vor ihm – und bringen ihm hinterher große Dankbarkeit entgegen. »Ein Mann, den wir behandelt haben, hat ein Fischrestaurant. Er hat uns jeden Tag zum Essen eingeladen«, erinnert sich der HNO-Arzt lachend.

Trotz der Strapazen, die jede Reise nach Myanmar mit sich bringt, ist sich Dr. Eberhard Biesinger sicher: »Wir werden noch einige Jahre dort weitermachen.« Und er ergänzt: »Und dann machen wir vielleicht in einem anderen Land weiter.« san