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»Es gibt keine 100-prozentige Sicherheit«

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Traunstein. Es gibt keinen 100-prozentigen Schutz vor Hochwasser. Aber die Risiken lassen sich minimieren – durch mehr natürlichen Rückhalt, durch technischen Schutz und durch Hochwasservorsorge wie zum Beispiel Bauverbot in gefährdeten Bereichen. Das ist das Fazit, das die Referenten bei der Hochwasserschutzkonferenz des Landkreises Traunstein im Chiemgau-Gymnasium gezogen haben. An dem von Landrat Hermann Steinmaßl geleiteten Treffen nahmen Vertreter von Kommunalpolitik, Behörden und Institutionen aus Bayern und Tirol teil. Die knapp 100 Teilnehmer nutzten die Gelegenheit zu Information und Erfahrungsaustausch und suchten nach Lösungen für die einzelnen Flusstäler.


Als Landrat ist Steinmaßl auch Leiter des Katastrophenschutzes im Landkreis Traunstein. In dieser Funktion stand er in seiner elfjährigen Amtszeit bereits dreimal an der Spitze eines Stabs, der 2002, 2005 und 2013 die Folgen von mindestens 100-jährigen Hochwassern zu managen hatte. Der Verdacht Steinmaßls: »Diese Ereignisse kommen in immer kürzeren Abständen und fallen immer heftiger aus.«

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2002 habe die Salzach »unglaubliche 3000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde« geführt, der Schaden habe rund 12,7 Millionen Euro betragen. Dauerregen und hoher Grundwasserpegel waren Auslöser des Hochwassers 2005, das in Bayern 189 Millionen Euro, davon allein im Landkreis Traunstein 12,6 Millionen Euro Schaden anrichtete. Dieses Hochwasser hatte die Folge: Wasserwirtschaft, das bayerische Umweltministerium, das Landesamt für Umweltschutz und die Bezirksregierungen verzahnten sich. Natürlicher Hochwasserrückhalt wurde das Gebot der Stunde.

Länderübergreifender Risikodialog erforderlich

Das Hochwasserereignis im Juni war gemäß Steinmaßl »das schlimmste Hochwasser – sowohl von der Intensität als auch von der Ausdehnung her«. An Salzach und Saalach herrschte »ein deutlich über 100-jähriges Hochwasser«, bei der Tiroler Achen sprach man von einem »wahrscheinlich 300-jährigen Hochwasser«. Die Schäden waren wieder enorm mit 17 Millionen Euro im Landkreis Traunstein. Der Landrat weiter: »Die Schäden an privaten und öffentlichen Infrastrukturen wären nachweislich noch höher gewesen, hätte es die Maßnahmen seit 2005 nicht gegeben.«

Nach dem letzten Hochwasser habe er sich beim Ministerpräsidenten und beim bayerischen Umweltminister für weiteren effektiven Hochwasserschutz mit konkreten Vorschlägen eingesetzt. Der Landrat hob heraus, 2013 sei die deutsche wie die österreichische Seite gleichermaßen massiv vom Hochwasser getroffen worden. Deshalb sei ein breit angelegter, länder- und ressortübergreifender Risikodialog erforderlich. Die Hochwasserschutzkonferenz solle Auftakt einer »dauerhaften, internationalen Zusammenarbeit« sein.

Vier Referenten beleuchteten bei der Konferenz ihre Schwerpunkte. Auf die Anforderungen der Landwirtschaft an den Hochwasserschutzplanungen, auf notwendigen Dialog und Ausgleich ging Ministerialrat Anton Dippold vom bayerischen Landwirtschaftsministerium ein. Dippold sicherte zu, Experten seines Hauses würden den Landkreis Traunstein weiterhin unterstützen.

Die Grundsätze der Hochwasserschutzplanung in Bayern und das 2001 ins Leben gerufene, weiterentwickelte »Aktionsprogramm 2020 plus« mit einem Finanzvolumen von 2,3 Milliarden Euro erläuterte Bauoberrat Stefan Homilius vom bayerischen Umweltministerium. Der Freistaat habe hiervon bereits 1,6 Milliarden Euro in den Hochwasserschutz investiert.

Gefährdete Bereiche nicht zu bebauen ist am wirksamsten

Unter dem Motto »natürlicher Rückhalt« seien 55 Kilometer Deiche zurückverlegt, 764 Kilometer Gewässerstrecke renaturiert worden. Mit »technischem Hochwasserschutz« wie Mauern und Deichen seien seit 2001 rund 400 000 Menschen geschützt worden. Mit »Hochwasservorsorge« könnten Hochwasserschäden begrenzt oder ganz vermieden, das unvermeidliche Restrisiko verringert werden. Gefährdete Bereiche nicht zu bebauen, sei »die wirksamste Maßnahme zur Begrenzung von Hochwasserschäden.«

»Österreich versucht, alle Maßnahmen des Hochwasserschutzes bei sich zu lösen und an Bayern keine Verschärfung weiterzugeben.« Das hob Martin Rottler, Fachbereichsleiter Wasserwirtschaft beim Baubezirk Kufstein, heraus. Er informierte über die Grundzüge des Hochwasserschutzes in Österreich und über schon realisierte oder geplante Projekte in Tirol. Der »Rückhalt von Wasser« spiele eine große Rolle. Generell entscheide man sich für naturnahe Bauweise, keinesfalls »harte Bebauung«, was aber einen erhöhten Instandhaltungsbedarf nach sich ziehe. Bei Maßnahmen werde stets das gesamte Einzugsgebiet betrachtet – von der Quelle bis zur Mündung beziehungsweise bis zum Nachbarland.

Rottler schilderte am Beispiel der Großache – in Bayern die Tiroler Achen – die »Gefahrenzonenplanung«, eine Art technisches Gutachten. 2014 würden die neuen »Gefahrenkarten« veröffentlicht. Am Hochwasserschutz in Kössen werde »mit Hochdruck« gearbeitet, ebenfalls in Fieberbrunn und St. Johann. Schon abgeschlossene Maßnahmen hätten sich beim Hochwasser 2013 bewährt. Seit Juni seien weitere 60 000 Wasserbausteine verbaut worden.

Die Ereignisse vom Sommer 2013 an Saalach, Salzach, Tiroler Achen, Traun und Alz rief Walter Raith, seit heuer Leiter des für die Landkreise Traunstein, Berchtesgadener Land und Altötting zuständigen Wasserwirtschaftsamts Traunstein, ins Gedächtnis. Die »relativ geringen Schäden« 2013 führte Raith zurück auf Investitionen seit 1990 in Höhe von einer Viertel Milliarde Euro. Schwerpunkte seien Projekte in Unterwössen mit 5,5 Millionen Investitionsumfang, in Traunstein mit 12,3 Millionen Euro und die Deichrückverlegung der Salzach in Fridolfing gewesen. In Fridolfing habe man 110 Hektar Überschwemmungsgebiet mit 3,2 Millionen Kubikmeter Rückhalteraum gewonnen. Circa 90 Projekte, davon 50 mit sehr hoher Priorität, stünden auf dem Plan. kd

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