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Erste Hilfe: »Kenntnisse sind fast schon mangelhaft«

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Dass die Menschen freiwillig alle drei bis fünf Jahre einen Erste-Hilfe-Kurs absolvieren, das wünscht sich Josef Gschwendner, der Geschäftsführer des Zweckverbands für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung Traunstein. (Foto: www.einlebenretten.de)

»Nur nichts zu tun ist falsch«: In der »Woche der Wiederbelebung« appellieren Josef Gschwendner, der Geschäftsführer des Zweckverbands für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung Traunstein, und Christof Schmid, Schichtführer in der Integrierten Leitstelle Traunstein, an alle, bei Notfällen Erste Hilfe zu leisten. Nicht ohne Grund: Die beiden erleben immer wieder, dass viele Angst davor haben, Fehler zu machen – und versuchen darum, den Menschen Mut zu machen, trotzdem zu helfen.


Es kann immer und überall passieren – im Straßenverkehr, auf einer Bergwanderung, im Supermarkt: Plötzlich ist da jemand, der Hilfe braucht. Und es passiert nur allzu oft: Rund 600 Notrufe aus den Landkreisen Altötting, Berchtesgadener Land, Mühldorf und Traunstein gehen Tag für Tag in der Integrierten Leitstelle in Traunstein ein.

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Was auch oft passiert: Die Menschen, die den Notfall beobachten, trauen sich nicht zu helfen; viele fürchten rechtliche Konsequenzen, wenn sie etwas falsch machen. Die Zahlen sind alarmierend: Die Quote der Laienreanimation in Deutschland liegt bei gerade mal 14 Prozent – und ist damit so niedrig, wie in keinem anderen europäischen Land. Zum Vergleich: In Skandinavien liegt die Laienreanimations-Quote zwischen 50 und 70 Prozent.

Überlebenswahrscheinlichkeit verdoppeln bis verdreifachen

Die Folgen sind dramatisch. In Deutschland gibt es jährlich etwa 100 000 Fälle von plötzlichem Herztod. Alleine eine Laienreanimation verdoppelt bis verdreifacht – unabhängig von der Qualität – die Überlebenswahrscheinlichkeit. Da gerade die ersten Minuten zählen, »lässt sich später nicht mehr auffangen, was die Erstretter versäumt haben«, erklärt Josef Gschwendner.

Was sind die Gründe dafür, dass viele nichts tun? »Die potenziellen Ersthelfer befinden sich plötzlich in einer brutalen Stresssituation«, erklärt Christof Schmid. Dazu komme, dass die wenigsten auf fundiertes Wissen zurückgreifen können. »Das einzige Mal, wo man sich in Deutschland mit Erster Hilfe beschäftigen muss, ist vor dem Führerschein, mit 17«, erklärt Josef Gschwendner und schiebt nach: »Und das ist eine denkbar ungünstige Zeit dafür.« Danach würden viele das Thema möglichst weit von sich wegschieben. »Niemand will etwas davon hören«, sagt Schmid. Die Sensibilität für das Thema sei in der Gesellschaft einfach nicht vorhanden. Die Kenntnisse sind »fast schon mangelhaft«, resümiert Gschwendner. Er würde es darum befürworten, wenn sich mehr Menschen freiwillig dazu entschließen würden, einen Erste-Hilfe-Kurs zu absolvieren. Dabei hält er eine Auffrischung alle drei bis fünf Jahre für ratsam – schließlich würde sich auch die fachliche Praxis weiterentwickeln. Ein Beispiel: Bei der Herzkreislaufwiederbelebung war es früher einmal die Regel, abwechselnd fünf Mal zu pumpen und zwei Mal zu beatmen. Inzwischen gilt die Regel: 30 Mal pumpen und zwei Mal beatmen. »Und die Entwicklung geht dahin, die Beatmung bei der Reanimation ganz wegzulassen«, erklärt er. Schließlich wisse man heute, dass die ersten fünf, zehn Minuten nach einem Herzstillstand noch genug Sauerstoff im Blut sei.

Der Zweckverband-Chef würde es auch befürworten, wenn es per Gesetz eine Pflicht für die regelmäßige Teilnahme an Erste-Hilfe-Kursen gäbe. Weil die aber nicht in Sicht ist, versucht er, der Angst vieler durch Aufklärung zu begegnen (siehe Kasten). »Kein Ersthelfer muss mit rechtlichen Konsequenzen rechnen, wenn er seinen Fähigkeiten entsprechend die bestmögliche Hilfe leistet und so handelt, wie er es gelernt hat«, erklärt Josef Gschwendner. Christoph Schmid ergänzt, dass er und seine Kollegen in der Leitstelle auch bei der Durchführung von Erste-Hilfe-Maßnahmen unterstützen. Schritt für Schritt erklären sie im Notfall den Laien übers Telefon, was sie im Notfall tun müssen.

Josef Gschwendner erinnert daran, dass inzwischen in vielen öffentlichen Räumen, zum Beispiel in Banken, Defibrillatoren – Geräte, die bei Menschen mit Herzstillstand einen lebensrettenden Elektroschock auslösen und von Laien einfach zu bedienen sind – hängen. Er würde es gut finden, wenn sich auch Privatleute eines der rund 1000 Euro teuren Geräte anschaffen würden. »Für einen Fernseher haben viele ja auch das Geld«, findet er. san