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Erschreckende Dunkelziffer bei Gewalt in der Familie

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Man mag es kaum glauben, aber Gewalt in der Familie gibt es häufiger, als man sich vorstellen kann – auch im Landkreis Traunstein. (Foto: dpa)

Traunstein – Großes Polizeiaufgebot am Stadtplatz: was Passanten vielleicht für eine Razzia hielten, war eine Informationskampagne des Arbeitskreises gegen häusliche Gewalt.


Organisiert von Margret Winnichner, der zweiten Vorsitzenden des Diakonischen Werks und seit 15 Jahren Sprecherin des runden Tischs gegen häusliche Gewalt, gehören dem Arbeitskreis das Polizeipräsidium Oberbayern Süd, der Landkreis Traunstein, der Weiße Ring, Caritas und KoKi (Netzwerk frühe Kindheit) an.

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»Gewalt kommt nicht in die Tüte«

Die Aktion wurde unterstützt von der Bäckerinnung Berchtesgadener Land und Traunstein, die Bäckereien Kotter und Schneider verteilten 200 frische Brezen an Passanten: Unter dem Motto »Gewalt kommt nicht in die Tüte« sind auf den Tüten auch die Telefonnummern sämtlicher Hilfsorganisationen abgedruckt, der Fachstelle gegen sexuelle Gewalt, des Frauenhauses Rosenheim, der Ehe-, Partnerschafts- und Familienberatung ebenso wie des Kinderschutzbunds, des sozialpsychiatrischen Dienstes der Caritas oder das Kontakttelefon zur Krisenwohnung Traunstein, das rund um die Uhr besetzt ist.

»Es ist dringend notwendig, dass wir das Thema wieder einmal ins Bewusstsein der Leute bringen«, erklärte Polizeihauptmeister Martin Neuhauser im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt. Der Ermittler für häusliche Gewalt bei der Polizei Traunstein weiß, dass die Dunkelziffer immer noch sehr hoch ist.

Allein seit Anfang des Jahres gingen 24 Faxe beim Hilfetelefon »Gewalt gegen Frauen« aus den Landkreisen Traunstein und Berchtesgadener Land ein. Unter der Nummer 08000/116 016 bietet es 365 Tage im Jahr rund um die Uhr bundesweit kostenlose Beratung für Betroffene aller Nationalitäten mit und ohne Behinderung. Auch Angehörige, Freunde und Fachkräfte werden anonym und kostenfrei beraten. Die Interventionsstelle vermittelt dann an die verschiedenen Hilfsorganisationen weiter.

Derzeit gebe es in den Landkreisen Traunstein und Berchtesgadener Land 135 Beratungsfälle seit Oktober 2015, also seit zweieinhalb Jahren, so die Leiterin der Interventionsstelle, Sabine Weiß. Bis Jahresende seien es wohl doppelt so viele. Am wichtigsten sei die Mund-zu-Mund-Propaganda. Wer bei einem Beratungsgespräch gewesen sei, ziehe häufig eine weitere Person mit.

Fachleute sind sicher, dass es auch Gewalt von Frauen gegen Männer gibt. Hier sei die Dunkelziffer aber noch viel höher. In den 15 Jahren als Beauftragter für häusliche Gewalt hat Neuhauser erst einen angezeigten Fall von häuslicher Gewalt gegen einen Mann erlebt. Bezirkssozialarbeiterin Angela Bauer wird von der Polizei im Falle eines Falles verständigt. Wichtig sei, betroffenen Frauen klar zu machen, wie traumatisch es für ihre Kinder sein kann, wenn sie Zeugen eines Gewaltausbruchs werden, auch wenn sie selbst nicht direkt betroffen sind.

»Gewalt wird oft sowohl gegen die Frau als auch die Kinder ausgeübt«, sagt Karl Schulz, Sachgebietsleiter im Landratsamt, der Schutz- und Krisenwohnungen in Traunstein verwaltet. Hier werden bedrohte Frauen und Kinder rund um die Uhr aufgenommen. »Es ist vor allem ein Schutzraum für Frauen, um sich selbst klar zu werden, wie es weitergehen kann«, erklärt Schulz.

Ein »Radikalbruch« und Neuorientierung würden selten sofort geschafft. Oft gingen Frauen immer wieder zum Partner zurück, weil er sich bessern wolle, was jedoch häufig nach einiger Zeit wieder in Gewalt münde. In einem Fall sei eine hochschwangere Frau in einen Zug geflohen. An einem Bahnhof im Nachbarlandkreis wurde sie gefunden und in die Krisenwohnung nach Traunstein gebracht. Kurz darauf brachte sie hier das Kind zur Welt. An Krisenwohnungen bestehe ein »hoher Bedarf«, sagt Schulz. Die Länge der Belegung sei ganz unterschiedlich – zwischen einer Nacht und drei Monaten. Wenn alle Wohnungen belegt sind oder die Krisenwohnung in Traunstein nicht genug Schutz biete, bestehe ein Kooperationsvertrag zwischen dem Landratsamt Traunstein und dem Frauenhaus in Rosenheim.

Im Zweifelsfall besteht Gefahr für Leib und Leben

Teilweise müssen auch die Frauenhäuser in München, Erding oder Burghausen beansprucht werden, denn manche Gewalt bereite Väter oder Partner setzten alles daran, den Unterbringungsort ihrer Familie herauszubringen. Dann bestehe Gefahr für Leib und Leben. Ganz wichtig sei es auch, den Frauen klar zu machen, dass sie immer und immer wieder kommen dürften, auch wenn sie sich schämen, weil sie die Hilfe schon öfter in Anspruch genommen haben.

Die gesamte Aufklärungsaktion verursachte Kosten von 2800 Euro, die vom Landkreis und den Frauenorganisationen Soroptimist International Club Traunstein und dem Verein »Wir helfen«, Traunstein, getragen werden. Die Tüten werden, bis sie aufgebraucht sind, in den Bäckereien in Traunstein weiter verteilt. gi