Erfahrungsaustausch bei der Linkshänder-Initiative Chiemgau

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Zum Weltlinkshändertag trafen sich die Mitglieder der Linkshänder-Initiative Chiemgau im Biergarten des Studios 16. Foto: dpa

Traunstein – Linkshänder-Kinder, die vor den 80er Jahren die Schulbank drückten, hatten wenig zu lachen. Wenn Malen oder Schreiben keinen Spaß macht, sondern als mühselig empfunden wird, und alle anderen einfach schöner schreiben können, noch dazu in fast doppelter Geschwindigkeit, kann das schon mal das Selbstbewusstsein erschüttern. Das weiß Lern- und Konzentrations-Trainerin Michaela Mayer aus ihrer Arbeit – nicht nur mit Kindern.


Und die Problematik bezieht sich ja bei weitem nicht nur auf das Schreiben, betont die Traunwalchnerin, die selbst Linkshänderin ist. Für viele Kinder waren es damals quälende Momente – nicht nur im Schulalltag. Abwertende Worte über »mangelhafte Leistungen«, nagen so manchem bis heute am Selbstwert.

Zwar bestehen die »Unbequemlichkeiten« der Linkshänder – einer Minderheit, die in Deutschland 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung ausmacht – bis heute fort, doch hat sich inzwischen durch ein tieferes Verständnis der Sachlage der Umgang damit deutlich verbessert.

Damit »Betroffene« sich zum Thema (und darüber hinaus) austauschen können, gründete Michaela Mayer vor knapp zwei Jahren die Linkshänder-Initiative Chiemgau – ein Forum mit dem Ziel, Erfahrungsaustausch zu betreiben, sich gegenseitig über Neues (und Überholtes) zu informieren oder einfach nur miteinander zu ratschen und zu lachen.

Und tatsächlich, beim zweiten Treffen der Linkshänder-Initiative Chiemgau, das im Biergarten des »Studio 16« in Traunstein stattfand, hatte man einander viel zu erzählen. Deutlich wurde vor allem eines: Linkshänder sind vor allem dann gehandicapt, wenn man sie »umerzogen« hat. Das trifft meist jene Erwachsenen, die vor den 1980er-Jahren zur Schule gingen, denn davor war das Schreiben mit links verboten.

Trotzdem bleibt der Linkshänder, wie beim munteren Erfahrungsaustausch klar wurde, im Nachteil. Rechtshändig agierende Vorbilder in Schule oder Familie lassen Kinder bis heute noch zu Pseudo-Rechtshändern werden.

Das sei fatal, denn eine freie Entfaltung von Persönlichkeit und Begabung sei, so die Erfahrung Betroffener, nur schwer möglich.

Inzwischen würden sich viele Hilfe holen, damit die unterdrückte Dominanz der Händigkeit entlarvt wird. Eine Rückschulung, also das Ende einer falsch gelebten Händigkeit, wird nicht selten als eine Befreiung empfunden.

Besseres Sehen und Hören, klarer Denken, eine konkretere Kommunikationsmöglichkeit, eine Verbesserung der Koordination oder eine allgemeine kognitive Leistungsverbesserung, weil sich ein Knoten im Kopf gelöst hat – oder, wie eine Dame es beschrieb, sie sich nicht länger mit angezogener Handbremse durchs Leben bewegen müsse.

»Apropos Handbremse«, rief Mayer eine typische Situation aus dem Linkshänder-Alltag ins Bewusstsein: »Wenn ich an meinem automatischen Autoschlüssel den Knopf drücke, dann bleibt das Metall des aufspringenden Schlüssels mir an der Innenhand hängen.« Wie gut, dass gewisse (Linkshänder degradierenden) Sprichwörter und Redewendungen in der deutschen Sprache langsam, aber sicher von Gestern sind: Etwa »Was Recht ist, muss Recht bleiben« oder »Nichts Rechtes können«.

Das ist auch der Tatsache geschuldet, dass in den letzten Jahrzehnten zunehmend Linkshänder Utensilien wie Schreibwaren, Scheren, Gartenwerkzeuge, Computerzubehör bis hin zu Sportartikeln erhältlich sind. Die Themen und Tipps, die beim Treff der Linkshänder-Initiative besprochen wurden, waren also umfangreich und für den einen oder anderen mehr als hilfreich. Deshalb plant Initiatorin Michaela Mayer mit Kollegin Verena Fuchs dieses Forum als festen Termin im Jahreskalender ein. Nähere Informationen und Kontaktaufnahme sind über die Chiemgau-Linkshänder-Initiative möglich.

bene

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