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»Er wollte wahllos Menschen töten«

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Ein Polizeibeamter löste vor Prozessbeginn den Bauchgurt, an dem die Handfesseln des 21-jährigen mutmaßlichen Mörders von Bad Reichenhall fixiert waren. (Foto: Kretzmer)

Traunstein – In die Schlussrunde ging gestern der Schwurgerichtsprozess gegen einen 21-jährigen Ex-Soldaten, der in der WM-Nacht in Bad Reichenhall mit einem Kampfmesser einen 72-jährigen Rentner erstochen und eine 17-jährige Auszubildende lebensgefährlich verletzt haben soll.


Wegen vollendeten und versuchten Mords aus Mordlust und Heimtücke sowie besonders schwerer sowie gefährlicher Körperverletzung plädierte die Staatsanwaltschaft auf die höchstmögliche Jugendstrafe von 15 Jahren. Nach Verbüßung der Haft soll zudem geprüft werden, ob der Mann anschließend in Sicherungsverwahrung kommt. »Lebenslänglich« nach dem Erwachsenenstrafrecht forderten die Opferanwälte. Der Verteidiger beantragte ebenfalls Jugendstrafe, allerdings nur von elf Jahren. Die Kammer mit Vorsitzendem Richter Dr. Klaus Weidmann verkündet ihr Urteil am kommenden Freitag um 10 Uhr.

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Die Plädoyers eröffnete Staatsanwalt Björn Pfeifer. Er ließ den Ablauf des Abends noch einmal Revue passieren. Leicht angetrunken war der Soldat nach dem WM-Finale am 14. Juli zurück in die Kaserne gekehrt. In der Stube habe er auf dem Laptop »Skyrim« gespielt. »Spätestens dann hat der Angeklagte beschlossen, wahllos Menschen zu töten«, so der Staatsanwalt. Dass es den 72-Jährigen und die Jugendliche getroffen habe, sei »purer Zufall«, hob Pfeifer heraus.

Der Soldat sei, ausgerüstet mit einem außergewöhnlich stabilen, 30 Zentimeter langen Bundeswehr-Kampfmesser, gegen 2.15 Uhr in die Stadt gegangen. Etwa 20 Minuten später traf er auf den 72-Jährigen und griff sofort an. Der Angeklagte stach 28-mal heftig zu, etwa die Hälfte der Stiche waren tödlich.

Mit blutiger Kleidung und blutigen Händen ging er weiter, brüstete sich mit der Tat gegenüber Männern an einer Bushaltestelle und traf dann gegen 3.12 Uhr auf die 17-Jährige. Hinter seinem Rücken habe er angriffsbereit das Messer gehalten und zugestochen – gegen den Oberkörper und vor allem die Augen der Frau. Die Jugendliche konnte flüchten und überlebte die lebensgefährlichen Verletzungen. In beiden Fällen habe er mit Tötungsvorsatz und heimtückisch gehandelt, so Pfeifer.

Angeklagter sei sadistisch und aggressiv

Als »zentrale Weichenstellung« dieses Verfahrens sah Oberstaatsanwalt Volker Ziegler die Frage, ob bei dem zur Tatzeit 20 Jahre alten Heranwachsenden Jugend- oder Erwachsenstrafrecht anzuwenden sei. Man habe sich intensiv bemüht, sein Vorleben aufzuklären. In vieler Hinsicht zeige sich Unreife beim Angeklagten. Seine wechselnden Berufsziele – von Kickboxer bis Förster – seien von einer »realistischen Lebensplanung« weit entfernt. Jugendstrafrecht sei anzuwenden.

Der Oberstaatsanwalt war aber auch überzeugt: »Der Angeklagte ist völlig gleichgültig gegenüber dem Leid anderer. Die Tat ist von extremer Brutalität.« Schädliche Neigungen seien zu bejahen, so Ziegler, ebenso die Schwere der Schuld. Eine längere Therapie sei erforderlich, um auf den Angeklagten einzuwirken.

Gegen den 21-Jährigen sprächen seine schwersten Erziehungsmängel, die massiven Gewalttaten, die Folgen für die Opfer und deren Familien. Positives vermochte Ziegler nicht erkennen. Angemessen sei die Höchststrafe von 15 Jahren. Darüber hinaus müsse Sicherungsverwahrung vorbehalten werden. Der Angeklagte sei sadistisch, narzisstisch und aggressiv. Die Wiederholungsgefahr für weitere Gewalttaten sei hoch. Vollzogen werden solle die Jugendstrafe in einer sozialtherapeutischen Einrichtung.

Opferanwalt Dr. Markus Frank aus Rosenheim ging namens der damals 17-Jährigen von drei Mordmerkmalen aus – Mordlust, Heimtücke und niedere Beweggründe. Der Täter habe das linke Auge der Jugendlichen zerstört und versucht, auch das rechte Auge zu treffen.

Nebenklage fordert Erwachsenen-Strafrecht

Die Nebenklage halte an Erwachsenenstrafrecht fest. Die Bundeswehrzeit habe der Soldat problemlos durchlaufen. Sein Einzelgängertum sei ein Charakterzug. Zwingende Folge sei eine lebenslange Freiheitsstrafe. Auch eine besondere Schwere der Schuld sei festzustellen – nicht zuletzt wegen des Verhaltens nach der Tat.

Für die Witwe und die Töchter des getöteten 72-Jährigen betonte Nebenklagevertreter Franz Maushammer aus Bad Reichenhall, seine Mandantinnen hätten Angst vor der Haftentlassung des Täters. Nach »lebenslänglich« werde ein Erwachsener auf Bewährung entlassen, sei aber strengen Auflagen unterworfen. Ein nach dem Jugendstrafrecht Verurteilter komme frei nach der Haft. Auch Maushammer plädierte für Mord. Der Ex-Soldat habe die Opfer spontan gewählt: »Aber die Tat war geplant. Er hat die Opfer in einem Gewaltexzess überfallen und wollte sie buchstäblich auslöschen.«

Im Jugendgerichtsgesetz spiele der Erziehungsgedanke eine wesentliche Rolle, unterstrich Verteidiger Harald Baumgärtl aus Rosenheim. Der Angeklagte habe nach seiner Festnahme in Norwegen von seinem Schweigerecht Gebrauch gemacht. Daraus dürften ihm keine Nachteile entstehen. An der Täterschaft gebe es keine Zweifel. Das Mordmerkmal »Mordlust« sei durch die Art der Tatausführung wohl gegeben, ebenso »Heimtücke«, nicht aber »niedere Beweggründe«. Im Fall der jungen Frau liege kein versuchter Mord vor. Der Nachweis, dass er der Frau das Augenlicht nehmen wollte, sei nicht erbracht. Erfüllt seien besonders schwere sowie gefährliche Körperverletzung.

Verteidiger: Schwere Jugend als strafmildernd

Drei Sachverständige hätten Jugendrecht empfohlen. Der 21-Jährige zeige deutliche Reifeverzögerungen. Schädliche Neigungen und die Schwere der Schuld, eine Spezialität des Jugendrechts, lägen vor. Die schwere Jugend des 21-Jährigen sei strafmildernd zu berücksichtigen, ebenso die Enthemmung durch die etwa drei Promille Alkohol, eine Persönlichkeitsakzentuierung und die lange Untersuchungshaft. Eine Jugendstrafe von elf Jahren sei ausreichend. Die Strafe solle als Unterbringung in einer sozialtherapeutischen Abteilung verbüßt werden.

»Ich habe nichts weiter hinzuzufügen und habe nichts Weiteres zu sagen«, äußerte sich zum ersten Mal in den 16 Prozesstagen der Angeklagte zu Wort – es war das letzte vor dem Urteil. kd