weather-image
15°

»Er konnte sich nur wehren durch derartige Ausdrücke«

2.4
2.4
Bildtext einblenden
Das Schöffengericht Traunstein verurteilte den 22-jährigen Marokkaner zu 16 Monaten Haft.

Traunstein – Ein 22-jähriger Marokkaner randalierte in der Justizvollzugsanstalt Traunstein lautstark, drückte ständig den Notruf, überzog Vollzugsbeamte mit Obszönitäten, verletzte zwei und steckte in der Arrestzelle eine Matratze in Brand. Das Schöffengericht Traunstein verurteilte den Angeklagten gestern wegen sechsfacher Beleidigung, zweier Sachbeschädigungen, zweifacher gefährlicher Körperverletzung und wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte zu einer Freiheitsstrafe von 16 Monaten ohne Bewährung.


Staatsanwalt Björn Pfeifer hatte dem Flüchtling zur Last gelegt, am 25. Januar im »Haftraum 14«, im Gefangenenjargon »Bunker« genannt, eine Matratze angezündet zu haben. Ein Teil der Matratze verbrannte. Dabei entstand dicker schwarzer Rauch. Als drei Beamte in die Zelle kamen, hatte der Angeklagte schon selbst mit Wasser gelöscht. Die Mitarbeiter konnten nur wenige Zentimeter weit sehen, öffneten das Fenster und forderten den Häftling auf, sofort die Zelle zu verlassen. Der weigerte sich und leistete Widerstand. Ein Beamter erlitt eine Rauchvergiftung. Der Sachschaden summierte sich auf über 400 Euro, die Wände des »Bunkers« mussten neu gestrichen werden.

Anzeige

Unter den weiteren Anklagepunkten waren massive Beleidigungen gegenüber weiblichen und männlichen Bediensteten sowie eine Körperverletzung an einem Beamten, den eine vom Angeklagten zugetretene Zellentür am Arm traf und einen schmerzhaften blauen Fleck verursachte. Außerdem riss der 22-Jährige laut Anklage einen 10,32 Euro teuren Siphon aus dem Waschbecken.

Obszöne Ausdrücke auf der Straße aufgeschnappt

Der 22-Jährige ließ gestern seinen Verteidiger Hans Hafner aus Berchtesgaden sprechen. Der Anwalt führte an, das Verhaften nach der unerlaubten Einreise sei für seinen Mandanten ein Schock gewesen. Von Anfang an habe es in der JVA Traunstein Schwierigkeiten und Auseinandersetzungen gegeben. Der 22-Jährige sei der deutschen Sprache nicht mächtig. Die obszönen Ausdrücke habe er auf der Straße aufgeschnappt und sie »verinnerlicht, ohne ihre Bedeutung zu verstehen«. Die Ausdrücke als solche würden nicht bestritten.

Die Taten habe der Angeklagte während eines Arrests verübt. »Aus seiner Sicht hat sich alles aufgeschaukelt. Er konnte sich nur wehren durch derartige Ausdrücke. Er bedauert es und möchte sich in aller Form entschuldigen. Er war in einem psychischen Ausnahmezustand.« Der Verteidiger fand die ehrverletzenden Attacken seines Mandanten »unter aller Kanone«. Im Gefängnis müsse die Ordnung aufrechterhalten werden. Aber die Sprache sei »insgesamt verroht«.

Mit der Zellentür habe der Angeklagte niemand verletzen wollen, so der Verteidiger weiter. »Das Türschlagen war seine Form des Protests.« Die angebrannte Matratze rühre vom Rauchen. Nach dem Anzünden einer Zigarette habe er mittels der angeglimmten Klopapierrolle für späteres Rauchen Feuer bewahren wollen, nachdem ihm das Feuerzeug weggenommen worden sei. Das WC-Papier habe er auf das Bett gelegt, das so in Brand geraten sei.

Acht Zeugen, alle JVA-Bedienstete, vermittelten gestern einen ganz anderen Eindruck von dem Marokkaner. Sie schilderten ihn als äußerst renitent, als berechnend und zielstrebig, wenn es darum gehe, seine Interessen durchzusetzen. Offensichtlich brachte er die Vollzugsbeamten fast zur Verzweiflung mit seinem Verhalten. Ein Zeuge meinte: »Ich habe in 33 Jahren vorher nie so etwas erlebt. Er hat uns verarscht. Er hat behauptet, er spricht neben Arabisch nur italienisch. Tatsächlich beherrscht er mehrere Sprachen und spricht besser Deutsch als ich Italienisch.« Der 22-Jährige sei »bis an die Grenzen gegangen« und habe letztlich alles bekommen, was er sich eingebildet habe.

Ein anderer Zeuge bestätigte: »Er setzt alles durch. Er hat kein Geld und will alles umsonst.« Der neunfach in Deutschland vorbestrafte 22-Jährige war mit 19 Jahren von Marokko nach Italien gelangt, wo er ein Jahr blieb. Anfang 2014 kam er nach Deutschland. Sein Asylantrag wurde abgelehnt. Bei einer Wiedereinreise wurde er festgenommen.

»Ihm war klar, was er äußert«

Den Sachverhalt der Anklage bezeichnete der Staatsanwalt im Plädoyer auf eine Haftstrafe von zwei Jahren und neun Monaten als nachgewiesen. Der 22-Jährige spreche sehr wohl deutsch: »Ihm war klar, was er äußert. Er wollte die Beamten beleidigen.« Bezüglich der Matratze liege eine »schwere Brandstiftung« vor. Sein Mandant sei »ein schwieriger Gefangener«, gestand der Verteidiger zu. Doch bei dem Fall mit der Matratze sei ein »Missgeschick« passiert, der Schaden gering, der Marokkaner habe das Feuer selbst gelöscht. Freispruch müsse die Folge sein. Für die übrigen Taten sei eine Strafe von maximal einem Jahr ohne Bewährung ausreichend. »Ich habe Fehler gemacht und werde Derartiges nicht wiederholen«, meinte der 22-Jährige.

Den Vorfall mit der Matratze wertete das Schöffengericht im Urteil als »Sachbeschädigung«. Die zugeschleuderte Zellentür, die den Beamten traf, sei ein »gefährliches Werkzeug«. Dass der Angeklagte nicht gewusst habe, was er bei den Beleidigungen von sich gegeben habe, glaubte das Gericht nicht. Vorsitzender Richter Wolfgang Ott an den Marokkaner: »Sie wussten genau, was Sie sagten.« kd