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»Er ist schon ein Phänomen«

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Bürgermeister Bernd Ruth gratulierte Dr. Hermann Bleek zum 102. Geburtstag. (Foto: Müller)

Seeon-Seebruck – Mit 102 Jahren ist er der mit Abstand älteste Bürger der Gemeinde Seeon-Seebruck und kann auf ein erfülltes Leben zurückblicken, der ehemalige Bielefelder Frauenarzt Dr. Hermann Bleek. Viele Gratulanten fanden sich zu seinem Geburtstag in seiner Wohnung in Seebruck ein, um den rüstigen und geistig hellwachen Senior zu beglückwünschen.


»Ich habe keinen Grund zum Jammern«, meinte Bleek schmunzelnd, während er mit seinen Gästen Sekt trank und aus seinem facettenreichen Leben erzählte, für Fotos posierte und auch noch Anrufe entgegennahm. Glückwünsche und Präsente seitens der Gemeinde und des Bayerischen Ministerpräsidenten überbrachte ihm Bürgermeister Bernd Ruth im Beisein der Gemeindebediensteten Ulrike Ganslmeier.

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»Meine vor fünf Jahren verstorbene Frau war eine Wasserratte, ich ein begeisterter Segler und da wir auch das Wandern und die Berge liebten, ließen wir uns, nachdem ich meine Privatklinik in Bielefeld geschlossen hatte, 1982 in Seebruck nieder«, erzählte Bleek. Am 7. Februar 1915 hatte er in Berlin als Sohn eines Arztes und einer Pianistin das Licht der Welt erblickt. Als ihm 1933 kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten das Abiturzeugnis verweigert worden sei, habe ihn sein Vater Theodor Bleek, ein Deutsch-Argentinier, auf ein Schiff nach Schottland gesetzt. Dort lernte er auf einem College gut Englisch und begann, Physik und Chemie zu studieren, so Bleek.

Im Rahmen seines einjährigen Aufenthalts in Argentinien, bei dem er reichlich Erfahrung im Farmwesen gesammelt habe, sei in ihm der Wunsch gereift, Medizin zu studieren. Das Mediziner-Gen schien ihm in die Wiege gelegt worden zu sein, denn schon sein Vater war Frauenarzt. Und so schrieb sich Bleek junior an der Uni Freiburg ein.

Als er dort von einem Nazi-Schlägertrupp überfallen wurde und der Vorwurf des Bruchs des Unifriedens im Raum stand, entschloss er sich »abzuhauen und in Innsbruck weiterzustudieren«. Der Uni-Richter habe ihn zwar noch von jeglicher Schuld freigesprochen, sei dann aber umgehend in den vorzeitigen Ruhestand versetzt worden, so Bleek. Glück im Unglück hatte er dann als Soldat im Zweiten Weltkrieg, als er in Russland von einer Granate schwer am linken Bein beziehungsweise Fuß verletzt wurde und fortan nicht mehr an die Front musste.

Noch während des Kriegs lernte Bleek seine Frau Gretel kennen, die ihm fünf Kinder schenkte, zwei Söhne und drei Töchter. Zwei arbeiteten wie ihr Vater als Ärzte. Dazu gesellen sich neun Enkel und »Urenkel habe ich auch schon ein paar«, erzählte der Jubilar.

Auf die Welt geholfen hat der frühere Frauenarzt Bleek aber noch deutlich mehr Kindern: 9500 Babys brachte er im Laufe der Jahre zur Welt. Viele Jahre lang betrieb er in Bielefeld eine Privatklinik und propagierte die natürliche, sanfte Geburt. Einen Namen machte er sich aber nicht nur mit seinem Engagement für die Schwangerschaftsvorsorge, sondern auch dem für die Krebsvorsorgeuntersuchungen. So schaffte er es 1967, diese Vorsorge bundesweit durchzusetzen – die Krankenkassen mussten die Kosten übernehmen. »Schon damals war es zehn Mal billiger für zehn Leute Krebsvorsoge zu machen als einen Krebspatienten zu behandeln«, erklärte der 102-Jährige und freute sich über seinen damaligen Coup.

Ein Geheimrezept fürs Altwerden konnte der Träger des Bundesverdienstkreuzes nicht verraten, aber dass er sich immer gesund ernährt, viel gearbeitet und gerne Sport getrieben habe, sei wohl nicht ganz falsch gewesen, meinte Bleek. Außerdem habe er sich immer gerne mit seiner Frau in den Schweizer Bergen erholt.

Leider müsse er es akzeptieren, dass sein Augenlicht immer schwächer werde und das Lesen erschwere. »Bis heute interessiert er sich für die aktuellen Nachrichten und liebt es mit Familienangehörigen und Bekannten oder lange intellektuelle Gespräche zu führen, bei denen auch mal lautstark debattiert und um die besten Lösungen gerungen wird, auch das hält jung«, verriet die Verwandtschaft aus Schweinfurt und fügte an: »Er ist schon ein Phänomen«. mmü