weather-image
25°

»Einsamkeit ist ein Riesendrama«

0.0
0.0
Bildtext einblenden
Beim Podiumsgespräch der Diakonie im Achental sprachen (von rechts) Florian Seestaller von der Freiwilligenagentur im Landratsamt, Diakon Michael Soergel, sowie Martina und Thomas Müller von einem professionellen Pflegedienst im Achental. (Foto: Giesen)

Marquartstein – »Ich mach's freiwillig – der kostenlose gesellschaftliche Gewinn für uns alle« war Thema eines Podiumsgesprächs im evangelischen Gemeindezentrum. Organisiert vom Freundeskreis Diakonie im Achental sprach Florian Seestaller, Ehrenamtsbeauftragter von der Freiwilligenagentur im Landratsamt Traunstein, über die unterschiedlichsten Formen des bürgerschaftlichen Engagements.


Die Zahl der Vereine habe sich seit 1960 in Deutschland fast versiebenfacht. Im Landkreis Traunstein gebe es derzeit rund 1600 Vereine und Organisationen in 35 Städten und Gemeinden. Rund 80 Prozent aller Nachfragen im Ehrenamt würden sich auf soziales Engagement beziehen. Dabei seien 80 Prozent der Engagierten Frauen. Motivation sei für die meisten die Suche nach sozialen Kontakten und das befriedigende Gefühl, etwas Gutes und Sinnvolles zu tun, so Seestaller.

Anzeige

Diakon Michael Soergel betonte, wie wichtig die Ehrenamtlichen in der Diakonie und gerade im Achental seien. Es gebe viele Zugezogene, »die Einsamkeit ist ein Riesendrama«, sagte Soergel, gerade auch wenn der Partner sterbe. Wenn ein professioneller Pflegedienst eine Stunde am Tag komme, blieben dennoch noch 23 Stunden, die gefüllt werden müssten. Das Ehrenamt habe ein riesiges Spektrum im Achental, zum Beispiel der Besuchsdienst der evangelischen Kirche, die Achental-Tafel, das Tageszentrum in Unterwössen, die Familienstelle in Grassau und vieles andere mehr. All das werde größtenteils von Ehrenamtlichen organisiert und betrieben. »Wir versuchen, Sachen anzubieten, die nicht bezahlbar sind«, sagte Soergel mit Ausnahme des »Essen auf Rädern«, wie Vorlesen, Einkaufen, Begleitung zum Doktor oder zu Ämtern – nur Putzen werde abgelehnt. In der evangelischen Gemeinde werden auch Schulungen für Ehrenamtliche angeboten und eine regelmäßige Supervision. Wichtig sei es, für die Ehrenamtlichen, Grenzen zu ziehen, sich nicht ausbrennen zu lassen, sagte Seestaller. Jeder Ehrenamtliche müsse klar festlegen, wie viele Stunden er pro Woche leisten wolle und könne. »Es ist nichts Böses, nein zu sagen«, betonte auch Soergel, aber man müsse es erst lernen.

Auf die Frage von Gerold Stiegler, ob alle Nachfragen von Hilfesuchenden befriedigt werden könnten, antwortete Diakon Soergel, dass manche nur nachfragten und sich dann nicht mehr rührten. Meistens gelinge es aber, jemanden zu finden.

Thomas Müller, Betreiber eines großen Pflegedienstes, sagte, es gebe eine große Dunkelziffer bei den bedürftigen Senioren, die niemals freiwillig nach außen gingen. Die familiären Strukturen hätten sich komplett geändert, sodass sich durch die größere Mobilität der jungen Leute die Familie sehr häufig selbst nicht mehr genug helfen könne. Eigentlich gebe es noch nicht genügend Ehrenamtliche. Gerold Stiegler, einer der Gründer der Stiftung Diakonie im Achental, sagte, dass im Achental die Strukturen durch die Organisation von Michael Soergel und der Kirchengemeinde Marquartstein sehr gut seien. Diese Lebensqualität habe sich auch herumgesprochen, sodass auch deswegen Leute ins Achental zögen. Eine ehrenamtliche Helferin aus dem Publikum erzählte, sie habe so viele sympathische Leute kennengelernt, seit sie beim Besuchsdienst sei. Sie fühle sich jedes Mal belohnt, wenn jemand zu ihr sage: »Vergelt´s Gott, wann kommen Sie wieder?« Eine andere bestätigte das und ergänzte, dass sie in der Sterbebegleitung viel gelernt habe. gi