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Eins, zwei oder drei – passgenauer Einstieg ins Schulleben

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»Wir in Kirchanschöring haben gute Erfahrungen mit der jahrgangsgemischten Klasse«, sagt Schulleiterin Maria Bachmayer. Aber die Umsetzung hänge immer von den örtlichen Gegebenheiten an jeder einzelnen Schule ab. (Foto: Schwaiger-Pöllner)

Die einen brauchen ein bissl länger, die anderen lernen schneller lesen, schreiben und rechnen. Dem trägt das Kultusministerium mit dem »Profil Flexible Grundschule« Rechnung. An beteiligten Schulen können Schüler die ersten beiden Jahrgangsstufen in einem, zwei oder in drei Jahren durchlaufen. Nach Tacherting, dessen Grundschule bereits am Schulversuch des Staatsinstituts für Schulqualität und Bildungsforschung München (ISB) beteiligt war, ist Tittmoning die zweite Schule im Landkreis, an der es diese Möglichkeit ab dem neuen Schuljahr geben wird.


»Unser Ziel ist es, jedem Kind genau die Zeit zu geben, die es braucht, um sich den Zugang zu elementaren Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen zu erschließen«, so Bildungsminister Dr. Ludwig Spaenle in der Pressemitteilung seines Ministeriums. Darin hatte er bekannt gegeben, dass ab dem Schuljahr 2016/2017 weiteren 28 Grundschulen das »Profil Flexible Grundschule« verliehen wird. Insgesamt erhöht sich somit die Zahl der Grundschulen mit flexibel organisierter Eingangsstufe auf 216. Gestartet war der Schulversuch mit 20 Modellschulen. Nachdem er inzwischen beendet ist, wird die »Flexible Grundschule« im laufenden Schuljahr an 188 Schulen angeboten.

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In Tacherting aus der Not eine Tugend gemacht

»Lehrerstunden sind budgetiert«, erklärt auf Nachfrage Schulrat Klaus Biersack. Weil es in Tacherting zu wenig Schüler gegeben hatte, um eine erste und eine zweite Klasse zu bilden, machte man aus der Not eine Tugend und fasste die beiden Jahrgänge zusammen. »In Kirchanschöring wurden die jahrgangsgemischten Klassen aus Überzeugung gebildet«, so Biersack weiter. Ein durchschnittlicher Schüler absolviert die Jahrgangsstufen eins und zwei in zwei Jahren, »besonders leistungsstarke Schüler brauchen nur ein Jahr, um die wichtigsten Grundtechniken zu erlernen, andere, die vielleicht mit Teilleistungsstörungen oder anderen Problemen zu kämpfen haben, brauchen eben drei Jahre.«

»Der große Vorteil an flexiblen Klassen ist, dass unabhängig von der Zeit, die der Schüler braucht, er nie ganz aus dem Klassenverband gerissen wird«, erklärt Biersack. Denn die ganz schnellen wechseln gemeinsam gleich in die dritte Klasse, die normal begabten Schüler kommen gemeinsam in die zweite Klasse, und diejenigen, die länger brauchen, kommen eben ein Jahr später als die anderen gemeinsam in die dritte Klasse. »Das ist etwas anderes, als wenn ein Schüler eine Klasse wiederholen muss, und in ein völlig neue Klasse kommt. Und auch die Lehrer bleiben gleich«, betont Biersack.

Erste gute Erfahrungen in Kirchanschöring

Erste Erfahrungen mit dem Thema hat bereits die Kirchanschöringer Grundschulleiterin Maria Bachmayer. Allerdings, so erklärt sie im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt, gibt es in Kirchanschöring keine »Flexible Grundschule« im Sinne des Ministeriums-Profils, sondern eine jahrgangsgemischte Klasse, die Kinder der ersten und der zweiten Jahrgangsstufe gemeinsam besuchen. Das heißt, im Unterschied zur »Flexiblen Grundschule« bleiben die Kinder auf jeden Fall zwei Jahre in der Eingangsklasse.

»Stoff und Lernzeit haben den gleichen Umfang wie in der Regelklasse. Für mich ist das ein gleichwertiges Unterrichtsmodell«, so Bachmayer. Auch in Kirchanschöring gibt es – wie beim »Profil Flexible Grundschule« – Differenzierungsstunden. Das heißt, der Lehrer hat zusätzliche Unterrichtsstunden zur Verfügung, die er etwa für die Neueinführung oder zur intensiveren Bearbeitung von komplexeren Inhalten nutzen kann.

»Wir in Kirchanschöring haben gute Erfahrungen mit der Kombi-Klasse«, sagt Bachmayer. »Für uns ist das ein Modell, mit dem man gut arbeiten kann.« Aber mit Pauschalurteilen müsse man vorsichtig sein: »Wie gut das an anderen Schulen umzusetzen ist, hängt von sehr vielen Gegebenheiten am Ort ab« – nicht zuletzt vom Einverständnis der Eltern, der Zusammensetzung des Lehrerkollegiums, der personellen Ausstattung einer Schule oder auch dem Engagement des einzelnen Lehrers.

In Oberbayern bieten bisher vergleichsweise wenig Schulen die »Flexible Grundschule« an. »Das 'Profil Flexible Grundschule' ist ein freiwilliges Angebot, und es steht den Schulen frei, sich dafür zu bewerben«, so das Kultusministerium auf Anfrage. Voraussetzung für eine Bewerbung sei unter anderem ein Beschluss der Lehrerkonferenz, das Einvernehmen des Elternbeirats und des Sachaufwandsträgers.

Bildungsforscher sehen das Konzept als bewährt an

Laut ISB hat sich das Konzept jedenfalls bewährt. Lehrer und Eltern seien überzeugt, dass eine bessere individuelle Förderung der Schüler erfolgt. Die Lehrer berichteten, sie könnten die Schüler besonders gut fördern. Die leistungsstärksten Klassen im Schulversuch seien Klassen der »Flexiblen Grundschule«. Die Streuung der Leistungsentwicklung sei allerdings noch recht groß. Die Schüler entwickelten überwiegend eine positive Selbstwahrnehmung und trotz des unterschiedlichen Alters hätten die Klassen einen guten Zusammenhalt. Auch die Eltern seien in hohem Maße zufrieden.

Auch wenn die Flexible Grundschule sicher nicht für jede Grundschule das Allheilmittel sein wird, wäre sie doch möglicherweise eine Hilfe für Schulen, die viele Flüchtlingskinder haben. Tätig werden müssen die Schulen aber selbst – um das »Profil Flexible Grundschule« müssen sie sich bewerben. coho