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»Einer lügt – die eine oder die andere Seite«

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»Man kann den Schluss ziehen, dass einer lügt – die eine oder die andere Seite.« So kommentierte Vorsitzender Richter Erich Fuchs am gestrigen zweiten Verhandlungstag die Aussage eines Polizeibeamten, Zeuge im Prozess der Zweiten Strafkammer am Landgericht Traunstein, gegen den 51 Jahre alten, früheren Chef der Polizeiinspektion Rosenheim wegen Körperverletzung im Amt an einem Schüler. Der Polizist soll den 15-Jährigen im September 2011 nach dessen Festnahme durch Kollegen auf dem Weg zur und in der Wiesenwache misshandelt sowie erheblich verletzt haben. Weitere Prozesstage sind geplant für Dienstag und Donnerstag jeweils um 9 Uhr. Die Plädoyers sind für Dienstag vorgesehen. Ob der vierte Tag noch erforderlich ist, ist fraglich.


Der Angeklagte hatte am ersten Tag Teile der Anklageschrift von Staatsanwalt Martin Unterreiner eingeräumt. Demnach hat er den Buben, der als Tatverdächtiger einer Schlägerei galt und dessen Hände auf den Rücken gefesselt waren, auf dem Weg durch die Menschenmenge mehrmals »mit dem Knie angestoßen«. Eine Ohrfeige bekam er während des Fußmarschs. Auch auf der Wache wurde der 51-Jährige handgreiflich. Die Mutter des Geschädigten und eine Bekannte schilderten das Geschehen im Wachraum folgendermaßen: Der Angeklagte habe den Buben mehrmals heftig mit dem Gesicht gegen die Wand geschlagen.

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Polizeizeugen haben wenig oder nichts gesehen

Durch die Verhandlung zieht sich, dass Polizeizeugen wenig oder nichts gesehen haben. Das hatte bereits die Mutter in ihrer Zeugenaussage moniert. Der »Führungsgehilfe«, der den Angeklagten begleitete, beobachtete, dass der Angeklagte dem 15-Jährigen Kniestöße auf dem Weg zur Wache versetzte. »Ist es normal, jemand mit dem Knie anzustoßen?« Auf Frage des Richters antwortete der Zeuge: »Was ist normal? Wenn sich jemand wehrt...«, sagte er. »Hat sich der Geschädigte gewehrt?« Das habe er nicht gesehen, erwiderte der Zeuge. In einer früheren Vernehmung hatte er diese Frage verneint.

Von den Ereignissen in der Wache habe er »wenig mitgekriegt«, beteuerte der Führungsgehilfe. Er habe die Mutter beruhigen müssen. Während er mit der Frau geredet habe, habe er den aus dem Mund blutenden Buben auf der Bank sitzen sehen. Woher die Verletzung rührte, wisse er nicht. Von Schmerzenslauten und Streitigkeiten bekam der Führungsgehilfe nichts mit: »Es war relativ laut in der Wache. Ich kann mich nicht erinnern.«

»Unruhe, Geschrei, Geplärr« bei der Ankunft des Angeklagten mit dem Geschädigten registrierte der diensthabende Leiter der Wache. Der 51-Jährige habe den aufgebrachten Jugendlichen auf eine Bank gesetzt, ihm beim Versuch, aufzustehen eine Ohrfeige gegeben. Was dann geschah, habe er nicht gesehen, dann jedoch, dass der Jugendliche blutete. »Sie haben Fotos von dem Blut am Boden und an der Wand veranlasst – warum, wenn gar nichts war?«, wollte der Richter wissen. Die Antwort: »Es war ja was. Es war klar, dass die Mutter Anzeige erstattet und dass das nicht unter den Tisch gekehrt wird.«

Einen Tag nach dem Vorfall verschickte der Angeklagte eine Stellungnahme an seine Kollegen, wonach quasi ein Unfall in der Wache passiert war. Etwa zwei Wochen danach wandte sich ein Polizeibeamter aus Trostberg, der sich für den Dienst auf dem Herbstfest freiwillig gemeldet hatte, an seinen Vorgesetzten. Der 29-Jährige beobachtete während des Wegs zur Wache »Tritte in den Hintern«, zwei Watschen, einen Stoß mit dem Gesicht des Geschädigten Richtung Wand, einen »Schwall Blut aus dem Mund« und eine Blutlache am Boden.

Der Vorsitzende Richter hielt vor, gemäß Gutachten könnten die Verletzungen nicht von einem einzigen Stoß stammen. Erich Fuchs appellierte an den Ex-Polizeichef, das zu überdenken. Nach einer Pause hatte der 51-Jährige nach Worten seines Verteidigers Andreas Máriássy »nichts zu ergänzen«.

Gutachter bestätigen Aussagen der Mutter

Viele Fakten präsentierten vier Gutachter – Dr. Inga Sinicina, Dr. Martin Schulz und Dr. Jiri Adamec, alle von Rechtsmedizinischen Institut an der Universität München, sowie mit Dr. Jan Kühnisch ein Zahnspezialist. Alle Sachverständige bestätigten: Das Blutspurenbild, alle Verletzungen ließen sich mit den Schilderungen der Mutter und der weiteren Frau in Einklang bringen. Die Zahl der Gewalteinwirkungen jedoch lasse sich nicht eindeutig belegen. Biomechaniker Dr. Jiri Adamec sah zumindest eine Gewalteinwirkung von vorne gegen das Gesicht »durch Kontakt mit der Wand« nachgewiesen. Der Gutachter weiter: »Die Ausführungen der Mutter und der zweiten Zeugin sind schlüssig – einschließlich einer geschilderten Abwehrreaktion durch Abfangen mit der Brust.« kd