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»Eine schwere Verfehlung des Angeklagten«

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Wegen Vergewaltigung der Tochter seiner Lebensgefährtin im Herbst 2010 in der Nähe von Rosenheim verurteilte das Landgericht Traunstein einen 52-jährigen Handwerker zu zwei Jahren Freiheitsstrafe, ausgesetzt auf fünf Jahre zur Bewährung. Als Bewährungsauflage muss der Mann 3000 Euro Schadenswiedergutmachung an das Opfer in monatlichen Raten von 150 Euro zahlen. Das Amtsgericht Rosenheim hatte im September 2013 eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und drei Monaten verhängt. Dagegen hatten der Angeklagte und sein Verteidiger Berufung eingelegt.


Die damals 17-jährige Auszubildende wollte am Tatabend ausgehen. Die junge Frau machte sich schön und nutzte den großen Spiegel im Schlafzimmer des Angeklagten, um ihr Aussehen zu überprüfen. Der Lebensgefährte der Mutter packte das Mädchen am Arm und warf es aufs Bett. Dort fixierte er die sich wehrende mit beiden Händen und vergewaltigte sie. Das Opfer trug Schmerzen und Rötungen davon. Bis heute leidet die inzwischen 21-Jährige unter den Folgen der Vergewaltigung. Vieles aus der damaligen Zeit hat sie verdrängt: »Ich möchte alles nicht mehr wissen.« Anfangs habe sie sich nach ihrem Auszug kaum mehr außer Haus getraut. Wenn ihr Freund nachts Schichtdienst habe, kämen regelmäßig wieder Albträume.

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»Wenn er auf freien Fuß ist, kann er jederzeit zu mir...«

Auf eine Verteidigerfrage bestätigte die junge Frau, der Angeklagte habe sie seit der Verhandlung in Rosenheim in Ruhe gelassen. Sie wolle, dass er ins Gefängnis müsse: »Wenn er auf freiem Fuß ist, kann er jederzeit zu mir nach Hause kommen oder mich irgendwo abfangen.« In ärztliche oder therapeutische Behandlung habe sie sich bislang nicht begeben. Richter Volker Ziegler riet ihr: »Es wäre vielleicht nicht schlecht, sich professionellen Rat zu holen, um mit der Angst umgehen zu können.«

Verteidiger Klaus-Martin Rogg sprach im Plädoyer von einem »einmaligen Versagen in einer ungewöhnlichen Beziehung«. Vor und nach der »üblen Tat« habe es zwischen dem Angeklagten und dem Opfer Intimkontakte gegeben. Insgesamt lägen außergewöhnliche Umstände vor, die einen milderen Strafrahmen rechtfertigten. Angemessen sei eine Freiheitsstrafe von 18 Monaten, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung, dazu eine Geldauflage von 1500 Euro zugunsten einer Einrichtung in der Region für Frauen und Kinder.

Staatsanwalt Christopher Stehberger hielt das Ersturteil des Amtsgerichts für »richtig«. Die Beziehung zur Nebenklägerin sei »vaterähnlich« gewesen. Anders als der Verteidiger gelangte der Staatsanwalt »sehr wohl zur Anwendung von Gewalt« und erinnerte an die schweren Tatfolgen für die 21-Jährige. Die Mindeststrafe für eine Vergewaltigung betrage zwei Jahre. Das Erstgericht habe sie »maßvoll erhöht«. Die Berufung sei zu verwerfen.

Nebenklagevertreterin Manuela Denneborg schloss sich dem Antrag des Staatsanwalts an. Auch aus ihrer Sicht sei die Beziehung außergewöhnlich – allerdings anders als vom Verteidiger interpretiert. Der Angeklagte habe sexuelle Kontakte zur der damals 17-Jährigen aufgenommen, die in »der gefühlten Vater-Tochter-Beziehung« von dem 52-Jährigen emotional abhängig gewesen sei. Im »letzten Wort« sagte der Angeklagte zur jungen Frau: »Du weißt, dass ich Dir nichts antun würde. Es war ein Blackout von mir.«

Richter: »ungewöhnliche Lebensführung«

Richter Volker Ziegler sprach im Urteil von »einer besonderen Geschichte« und einer »ungewöhnlichen Lebensführung« der Beteiligten. Hier sei ein deutliches über-unter-geordnetes Verhältnis zu sehen, etwa an dem rüden Ton, in dem der Angeklagte die Geschädigte im Prozess angefahren habe. Von einem »intimen Liebesverhältnis« gehe er nicht aus, hob er hervor. Vom Gesetz her seien sexuelle Handlungen mit einer 17-jährigen Jugendlichen sexueller Missbrauch. Auch wenn die Gewaltanwendung im unteren Bereich gewesen sei, wenn es vor der Tat und nachher zu einverständlichen Handlungen gekommen sei, bedeute das »keinen minderschweren Fall der Vergewaltigung«, betonte Ziegler.

Zu berücksichtigen seien jedoch einige wesentliche Strafmilderungsgründe: »Die Juristen hier im Raum wissen, wie schwierig die Beweislage ist, wenn man nur die Aussagen von Täter und Opfer hat. Das Geständnis muss man hoch bewerten.« Der 52-Jährige sei nicht vorbestraft. Andererseits liege »eine schwere Verfehlung des Angeklagten« vor. Das Gericht habe nachvollziehen können, in welcher Form das Opfer leide. Das Gericht gebe dem Angeklagten die Chance, sein bürgerliches Leben zu erhalten. kd