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Eine ganz außerordentliche Persönlichkeit

Ruhpolding. Mit Christian Hechenbichler, Altbauer vom Simandl-Hof in Ruhpolding, hat Ruhpolding eine ganz außerordentliche Persönlichkeit verloren. Zuletzt war der nun im Alter von 92 Jahren Verstorbene als Dichter, früher als Holzschnitzer, Kreisrat, Gemeinderat und Vorstandsmitglied. In vielen Vereinen hat er nicht nur das öffentliche Leben seiner Gemeinde mitgeprägt. Seine kreative, künstlerische Begabung auch als Verseschmied hat ihm zuletzt den Beinamen »Homer des Chiemgau« eingebracht, auf den er sehr stolz war.

Der »Simandl« Christian Hechenbichler in der Stube auf dem Simandl-Hof mit einer von ihm geschnitzten Marienfigur. (Foto: Giesen)

Auch im Alter von über 90 Jahren war der jahrzehntelang an langsamer Erblindung leidende Christian Hechenbichler immer geistig aktiv. Gespickt mit Anekdoten aus seinem ereignisreichen Leben sprudelte sein geschichtliches, literarisches und geographisches Wissen nur so aus ihm heraus. Bei vielen, schon Jahrzehnte zurückliegenden, Ereignissen konnte er sich genau erinnern, wann und wie sie passiert waren.

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1943 traf ein Granatsplitter im Krieg sein linkes Auge. Durch eine Augenkrankheit begann vor mehr als 20 Jahren auch die Sehkraft am rechten Auge immer schwächer zu werden, so dass er sein liebstes Hobby, das Schnitzen, aufgeben musste. Darin hatte er es bis dahin zu hoher künstlerischer Fertigkeit gebracht. Viele Figuren und Porträtköpfe in Privathäusern, aber auch an öffentlichen Plätzen stammen aus Hechenbichlers Hand. Besonders stolz war er zum Beispiel auf die originellen Figuren am Maibaum in Bernau. Hechenbichler schnitzte dafür in den 70er Jahren rund 50 kunstvolle Figuren, die noch heute jedes Jahr den Ort verschönern.

Als sechstes von zwölf Geschwistern wurde Christian Hechenbichler am 22. Februar 1921 auf dem Simandl-Hof in Ruhpolding geboren. Da seine beiden älteren Brüder für den Priesterberuf bestimmt waren, sollte er Bauer und Hoferbe werden. Als kleiner Bub schon hätte er allerdings nichts lieber gelernt als das Schnitzen. Damit angefangen hatte er schon als Schulbub. Mit seinem ersten Taschenmesser schnitt er an Lindenholzabfällen herum, die in der nahen Schreinerei von Bartholomäus Schmucker übrigblieben. Erste Figuren arbeitete der Zwölfjährige, als ihm ein Kriegskamerad des Vaters drei alte Schnitzmesser als Geschenk mitbrachte. Mit 16 Jahren erhielt Christian von einem Großonkel den ersten künstlerlischen Auftrag: Er sollte für die Josefskapelle im Chieminger Ortsteil Kleeham eine etwa 80 Zentimeter hohe Heiligenfigur schnitzen. Da musste er sich erst mal richtiges Werkzeug kaufen, das er im Katalog bestellte und das schließlich aus Berlin geliefert wurde. Der junge Bauernbursch musste damals den hohen Betrag von 50 Mark dafür berappen. Die gelungene Figur jedoch versöhnte schließlich auch den Vater mit der Freizeitbeschäftigung des Sohnes. Der schnitzte nun auch kleine Tierfiguren, um sie als Andenken an die Feriengäste des Simandl-Hofs zu verkaufen. Vom so verdienten Geld konnte er sich einmal sogar den Luxus eines eigenen Fotoapparats leisten: eine »Kodak-Box« mit einem 12er-Film auf Holzspule.

Schnitzen in der Gefangenschaft

1939 starb Christian Hechenbichlers Vater und sein Leben änderte sich entscheidend. Zusammen mit der Mutter musste er den großen Hof bewirtschaften und in der Kriegszeit die kleinen Geschwister durchbringen. 1941 wurde er selbst eingezogen und war bis 1945 im Krieg. Erst im Genesungsurlaub hatte er wieder Gelegenheit zum Schnitzen und dann wieder in Kriegsgefangen-schaft: die Engländer, die ihn bei Tarent in einem Zeltlager gefangen hielten, überließen ihm die Bodenbretter der Cornedbeef-Kisten, damit er ihnen daraus unter anderem Hayez‘ berühmte Darstellung »Il bacio« (den Romeo- und Julia-Kuss aus der Mailänder Pinacoteca di Brera) als Flachrelief nachschnitzen konnte.

Nach Ruhpolding heimgekehrt, gab es für Hechenbichler Anderes zu tun als Schnitzen. Der Simandl-Hof aus dem Jahr 1761 musste dringend instandgesetzt und der bäuerliche Betrieb wieder in Schwung gebracht werden. 1948 heiratete er Maria Mader vom Bindergütl in Siegsdorf, aus der Ehe gingen drei Buben und drei Mädchen hervor. Um diese Zeit begann er sich stark im öffentlichen Leben zu engagieren. Von 1952 bis 1966 und wieder von 1972 bis 1984 war er für die CSU im Ruhpoldinger Gemeinderat, gleichzeitig von 1966 bis 1984 ohne Unterbrechung im Kreistag. Als »mein wichtigstes Ehrenamt« bezeichnete er immer sein jahrzehntelanges Amt in der Vorstandschaft des »Verbands der Forstberechtigten im Chiemgau«, zu dessen Mitbegründern er 1952 an der Seite von Leonhard Schmucker gehörte. In den 60er Jahren war Hechenbichler darüber hinaus zehn Jahre lang Bauernobmann, acht Jahre lang Schöffe, viele Jahre auch in der Vorstandschaft der Traunsteiner Volkshochschule. Mit seiner Frau zusammen sang er 40 Jahre lang im Kirchenchor, womit aber seine zweite große Leidenschaft – das Theaterspielen – noch gar nicht erwähnt ist. Nach dem Krieg hatte er zusammen mit anderen das Theaterspiel in Ruhpolding wieder aufgebaut. Von dieser Zeit des vielen Auswendiglernens profitierte er auch im Alter. Bis zuletzt konnte er lange Gedichte und Passagen aus der Literatur auswendig rezitieren, und merkte sich sämtliche Telefonnummern seiner vielen Freunde.

Nach dem Krieg war das Schnitzen sein großes Hobby geblieben. Seine schönsten Madonnengesichter seien meist um Mitternacht entstanden, wo alle anderen schliefen, erinnerte sich der »Simandl« einmal. Zu sehen ist zum Beispiel noch heute das Relief einer wunderschönen Heiligen Familie in der Nische über dem Herrgottswinkel der Stube auf dem Simandl-Hof. Er restaurierte Heiligenfiguren, fertigte Krippen, Christusfiguren für Feldkreuze und Madonnen. Sein feiner Humor kam besonders in seinen Figuren aus dem Alltagsleben gut zum Ausdruck, wie gestandene Bauern und knorrige Holzknechte, Uhrenmannderl oder Perchtenmasken.

Auch in den vielen Jahren seiner Erblindung blieb Christian Hechenbichler nie untätig. Jahrelang lieh er sich Kassetten aus der Blindenbücherei und hörte oft Radiosendungen. Immer wieder waren Teile seiner Dichtungen, zum Beispiel aus »Was die Linde erzählt« im Bayerischen Rundfunk zu hören. Auch bei öffentlichen Veranstaltungen in Ruhpolding oder auf einer Bühne, wie dem Traunsteiner Nuts, trat er – unterstützt von seiner Familie – bis vor wenigen Jahren noch gerne selbst auf, um eigene Texte aus dem Gedächtnis vorzutragen. gi