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Eine Bombe ging in Grassau in die Luft

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Mutmaßlicher Betrug mit dreistelligem Millionenschaden bildete den Hintergrund für den Prozess gegen einen 51-jährigen »Bombenleger«, der am 15. Januar 2013 in Grassau und am 28. März 2013 in Herrsching am Ammersee jeweils eine gefährliche Kugelbombe gezündet hatte. Die Zweite Strafkammer am Landgericht Traunstein verurteilte den reuigen Täter, einen Österreicher, gestern wegen einer Vielzahl von Delikten zu einem Jahr und zehn Monaten Haft.


Staatsanwalt Björn Pfeifer hatte auf viereinhalb Jahre Haft plädiert. Im Kernvorwurf des Anklägers, einer »Beihilfe zur versuchten, besonders schweren, räuberischen Erpressung«, gelangte der Verteidiger, Michael Vogel aus Traunstein, lediglich zu »versuchter Nötigung« und damit zu einer Maximalstrafe von zwei Jahren, die zur Bewährung ausgesetzt werden sollte. Diesem beantragten Schuldspruch folgte das Gericht, nicht aber hinsichtlich der Bewährung. Staatsanwalt und Verteidiger prüfen noch, ob sie Revision einlegen.

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Die Zusammenhänge der ganzen Geschichte sind kompliziert. Den Sachverhalt zu ermitteln sei »sehr schwierig« gewesen, betonte Vorsitzender Richter Erich Fuchs gestern. Im Zentrum steht ein 53-jähriger Deutscher mit Ex-Firma in Dubai, dem in München ein Prozess bevorsteht und der sich deshalb – wie eine Reihe anderer Zeugen – in Traunstein zu vielen Fragen auf sein Aussageverweigerungsrecht berufen konnte. Er sammelte offensichtlich mit Hilfe von Geschäftspartnern bei Geschädigten in Deutschland, Tschechien und Österreich hohe Summen ein. Von etwa 135 Millionen Euro war die Rede.

Anfangs funktionierten die Geschäfte wohl...

Auch seine eigene Familie, darunter sein 56-jähriger Bruder aus Herrsching und seine Mutter, vertraute ihm Geld an. Wie der Vorsitzende Richter heraushob, funktionierten die Geschäfte wohl anfangs. Später gab es Probleme mit der Verfügbarkeit der Gelder. Der 53-jährige Direktor flüchtete. Seit Juli 2013 sitzt er in München in Untersuchungshaft – wegen des Verdachts auf »Betrug in besonders schwerem Fall«.

Ein Bekannter des jetzigen Angeklagten hatte ebenfalls Geld in Dubai angelegt und war ob des drohenden Verlustes von rund 100 000 Euro »verzweifelt«, so der Vorsitzende Richter gestern. Der Geschädigte und der 51-Jährige vereinbarten, »ein Druck- und Drohpotenzial aufzubauen«. Die Kripo Traunstein, die zusammen mit dem Bayerischen Landeskriminalamt die äußerst umfangreichen Ermittlungen führte, kam zu dem Ergebnis, an den Drohszenarien mit E-Mails, Blut- und Farbattacken sowie Briefbombenattrappen gegen Geschäftspartner und Familienangehörige des Haupttäters in Österreich, Grassau und Speyer seien mehrere Personen beteiligt gewesen.

Einer von ihnen war der mehrfach, auch wegen Betrugs, vorbestrafte Angeklagte. Er flößte gemäß seiner Aussage mehreren Familienmitgliedern Angst ein, aber auch Geschäftspartnern. Der Angeklagte ging nach Überzeugung des Gerichts davon aus, dass sein Landsmann einen Rückzahlungsanspruch hatte. Als nicht erwiesen betrachtete die Kammer eine Beteiligung des 51-Jährigen an einem Vorfall im August 2012 in Grassau. Drei Unbekannte forderten damals bei einem der Geschäftspartner 15 Millionen Euro, verletzten den Mann mit Pfefferspray und einem spitzen Gegenstand im Gesicht, drohten weiteres per SMS an.

Mann legte ein Geständnis ab

Gemäß Geständnis war der Angeklagte jedoch verantwortlich für eine nicht ungefährliche Kugelbombe, die nachts am 15. Januar 2013 nahe dem Haus des gar nicht mehr in Grassau wohnenden Geschäftspartners in die Luft ging. Der Schaden blieb gering. Ab Anfang 2011 hatte der 56-jährige Bruder des vorgeblichen Betrügers unter Drohmails zu leiden. Nachts gegen 1.35 Uhr am 28. März 2013 gab es vor dem Anwesen in Herrsching eine Explosion. Die Kugelbombe sprengte das Fahrzeug in die Luft und ramponierte die Garage. Der 56-Jährige konnte das Feuer löschen. Der Gesamtschaden betrug rund 18 000 Euro. Die Familie habe sich von dem Schrecken bis heute nicht erholt, berichtete der Zeuge. Der Angeklagte entschuldigte sich: »Es tut mir leid.«

Sicher auf sein Konto gingen zwei, an Geschäftspartner in Speyer und Holland versandte, Briefbombenattrappen, der Besitz illegaler Munition und eine »falsche Verdächtigung«. Der Grund: Der 51-Jährige hatte behauptet, zwei von der Polizei bei ihm sichergestellte Kugelbomben gehörten seinem Sohn. Die Feuerwerkskörper stammten übrigens aus Tschechien, bergen massive Brandgefahr in sich und werden beim Abbrennen um die 2000 Grad heiß. Ein Fachmann vom LKA erklärte, in Deutschland dürften sie nur von Profi-Feuerwerkern verwendet und nur ferngezündet werden.

Positiv auf das Urteil wirkten sich laut Richter Fuchs das »sehr weitgehende Geständnis«, Entschuldigung, Reue und Einsicht des Angeklagten aus. Andererseits gingen die gravierenden, psychischen Folgen für die Familie des 56-Jährigen zu seinen Lasten. kd