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Ein unkalkulierbares Risiko oder eine einmalige Chance?

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Über Pro und Kontra der möglichen Olympiabewerbung der Region diskutierten bei einer Veranstaltung des Forums Ökologie im Gasthaus Sailer-Keller (von links) Gerhard Steinbacher von der Inzeller Touristik GmbH, Beate Rutkowski vom Bund Naturschutz, Ruhpoldings Bürgermeister Claus Pichler und Alexander Reinmiedl von der Bayerischen Sportjugend. In der Mitte Moderator Axel Effner.

Traunstein. Für oder gegen die Olympiabewerbung der Region? Wirtschaftlich und ökologisch unkalkulierbares Risiko oder eine riesengroße Chance für die Region, die man nicht vertun darf? Über diese Fragen, über »OlympiJa – Nolympia« diskutierten Anhänger beider Richtungen und Überzeugungen im Gasthaus Sailer-Keller. Eingeladen hatte zu der Podiumsdiskussion das Forum Ökologie.


Keine Annäherung von Gegnern und Befürwortern

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Dass das Thema die Gemüter bewegt, wurde am guten Besuch wie auch in den Diskussionsbeiträgen deutlich. Nach knapp zweieinhalb Stunden ging die Veranstaltung, bei der zur einen oder anderen Detailfrage ein fachlicher Experte fehlte, mit unverrückbaren Positionen zu Ende: Befürworter einer Olympiabewerbung Münchens unter Einbeziehung von Berchtesgaden, Inzell und Ruhpolding vertraten energisch ihre Argumente; die Gegner der Weltspiele in der Region, die auch die Paralympischen Spiele umfassen würden, hielten nicht minder engagiert und informiert dagegen.

Einig waren sich aber alle Diskussionsredner, dass eine Veranstaltung wie diese Podiumsdiskussion gerade vor dem Bürgerentscheid am 10. November wichtig sei. »Der Saal ist brechend voll – das zeigt, wie sehr das Thema die Bevölkerung interessiert« stellte der Vorsitzende des Forum, Sylvester Dufter, in seiner kurzen Begrüßungsrede fest.

Alle vier Regionen müssten positiv abstimmen

Die Bewerbung kommt nur zustande, wenn in allen vier abstimmungsberechtigten Regionen (Landeshauptstadt München sowie die Landkreise Traunstein, Berchtesgadener Land und Garmisch-Partenkirchen) mindestens zehn Prozent der stimmberechtigten Bürger mit Ja stimmen. Der Bürgerentscheid hat dabei die Wirkung eines Stadtratsbeschlusses, der innerhalb eines Jahres nur durch einen neuen Bürgerentscheid geändert werden kann.

Beate Rutkowski vom Bund Naturschutz bekräftigte die ablehnende Haltung ihrer Organisation zu Olympia in der Region. Die Spiele seien weder in ökologischen noch in ökonomischen und sozialen Aspekten nachhaltig. Auf die Kommunen und Landkreise kämen eine »enorme Energie- und Ressourcenverschwendung und finanzielle Risiken zu«.

Ruhpoldings Bürgermeister Claus Pichler sagte, die Orte seien in der Lage, die Spiele auszurichten. Man habe nicht zuletzt durch die Biathlon-WM bewiesen, dass man Veranstaltung dieser Art durchführen könne. »Wir haben die Leute und die Sportstätte dazu«, sagte er und fügte an: »Wir wollen eine Bewerbung mit Maß und Ziel.«

Gerhard Steinbacher von der Inzeller Touristik GmbH betonte, dass die Verantwortlichen viel von der gescheiterten Bewerbung Münchens für Olympia 2018 gelernt hätten. Für die Weiterentwicklung des Tourismus in der Region biete Olympia große Chancen: »Wir können die Region einem Weltpublikum anbieten.«

Uneinigkeit quer durch die Organisationen

Dass die Frage nach einem »Pro oder Kontra« oft auch quer durch Organisationen und Verbände geht, zeigte sich am Beitrag von Alexander Reinmiedl von der Bayerischen Sportjugend. Während sich seine Organisation und vor allem auch der BLSV klar für Olympia positionierten, sehe er persönlich das anders, so der Olympiakritiker. Er plädierte dafür, bestehende Sportaktivitäten auszubauen. »Da brauchen wir kein Internationales Olympisches Komitee.« Er rief dazu auf, nicht dem »Phantom Olympia« nachzulaufen und der Region nicht ein »dominierendes Wintersportimage« zu verpassen. Bei dem Thema habe man im Wettstreit mit Österreich ohnehin schon verloren. »Die Olympiabewerbung ist vergeudete Energie«, sagte Reinmiedl.

Bei den von Moderator Axel Effner gestellten Fragen über Rückbaumaßnahmen und Kosten am Biathlonstadion in Ruhpolding, der Problematik der von vielen Seiten immer wieder als »Knebelungsverträge« des IOC bezeichneten Vertragsgestaltungen, der Frage nach ausufernden Verkehrsinfrastrukturprojekten und nachhaltig positiven Wirkungen für die heimische Wirtschaft ging es dann zum Teil doch deutlich zur Sache. Gerade Beate Rutkowski und Claus Pichler rieben sich zum Teil kräftig an den Aussagen des jeweiligen Podiumsteilnehmers.

Nachteile für Betreiber kleiner Pensionen befürchtet

Rutkowski sah in den geplanten Ausweitungen der Bettenkapazität für das Olympische Dorf in Inzell, die wohl nicht komplett wieder zurückgeführt werden dürften, eine negative Entwicklung für kleine Pensionsbetreiber: »Die bleiben auf der Strecke.« Steinbacher, der deutlich machte, dass die Kosten für den Landkreis für die Bewerbung bei 395 000 Euro gedeckelt seien, sah die Chance, dass für die kommenden drei Jahre – unabhängig vom Ausgang des Bewerbungsverfahrens – die Region in aller Munde sei: »Die Marke Chiemgau wird in alle Welt getragen.«

Bei so manchem Diskussionsteilnehmer wurden die Sorgen über ausufernde finanzielle Belastungen, eine diktatorische Vertragsgestaltung durch das IOC und Fragen der Umweltbelastung deutlich: Walter Pichler aus Ruhpolding nannte die Vertragsgestaltung mit dem IOC »unberechenbar und unüberschaubar.« Ob man daneben wie bei den Olympischen Sommerspielen in London Luftraketen, F 14-Kampfflugzeuge in der Luft und vier Meter hohe Zäune brauche, bezweifle er.

Willi Rehberg, ein Olympiakritiker aus Salzburg, betonte, die beteiligten Gemeinden und Städte haften dafür, dass alles bezahlt werde. Wolfgang Schrag aus Traunstein machte sich um den Umweltschutz Sorgen, was er am Beispiel eines bereits jetzt zunehmenden Algenwachstums in der Traun ausdrückte.

...und natürlich sind die Medien schuld

Dr. Rainer Schenk aus Traunstein kritisierte die Medien, die, so behauptete er, bisher ausschließlich pro Olympia berichtet hätten. Er zweifle an der Nachhaltigkeit der Münchner Olympiabewerbung. Dr. Christian Hümmer aus Traunstein, Sprecher der Initiative »OlympiJa 2022«, sprach von einer »Angstdebatte«. Olympia in der Region könnte beispielsweise auch Themen wie der Elektromobilität mit zum Durchbruch verhelfen. Die Gegner der Bewerbung würden die Chancen kleinreden und ausblenden.

Toni Zeller aus Siegsdorf machte seinem Ärger Luft. Die beiden Gemeinden Inzell und Ruhpolding hätten ohnehin ausgezeichnete Sportwettbewerbe: »Können wir den Kragen gar nicht voll bekommen?«, fragte er.

Grünen-Kreisrat Sepp Hohlweger betonte, dass man die aufgelaufenen Schulden aus der Münchner Olympiade 1972 bis ins Jahr 1988 in einem Länderfinanzausgleich abgetragen habe. Er stellte die rhetorische Frage: »Wie lange wird es bei uns dauern?« Zum Kreistagsbeschluss fragte Hohlweger, ob Pichler denn einen nach Aussage vieler Rechtsexperten sittenwidrigen Vertrag des IOC auch als Privatperson unterschreiben würde.

Der Bürgermeister konterte, er lasse sich da nicht in privat und als Amtsperson auseinanderdividieren, sondern handle immer als Person mit einer Überzeugung. Es sei am Einfachsten zu sagen, man mache das nicht. »Ich werde auf alle Fälle kein unbegrenztes Haftungsrisiko für die Gemeinde unterschreiben.« Die Bewerbung und in der Folge auch die Spiele würden nur erfolgreich sein, »wenn wir das mit Herz und Begeisterung« machen.

Alexander Reinmiedl betonte, vieles sei auch ohne Olympia möglich und nannte exemplarisch die Themen Barrierefreiheit und Ökolandbau. »Das brauchen wir und das schaffen wir auch ohne Olympia.« awi