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»Ein Trapezakt ohne Netz« für Familien

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Auch eine Mama kann einmal  ernsthaft  erkranken.  Wenn  die Krankheit länger dauert, kann eine Familienpflegerin eine wertvolle Hilfe im Haushalt und für die Kinder sein.

Traunstein – Was tun, wenn die Mutter krankheitsbedingt längere Zeit ausfällt? Wer kocht, wäscht, bringt das Kind zur Schule und wickelt den Säugling? Etwa, wenn die Mutter nach einer Knieverletzung an Krücken geht, einen Arm im Gips hat, eine Risikoschwangerschaft hat, psychisch überlastet ist oder gar Krebs hat? Dann helfen die Familienpflegerinnen des Familienpflegewerks des Bayerischen Landesverbands des Katholischen Deutschen Frauenbunds.


Unter bestimmten Umständen zahlt die Krankenkasse

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»Das zahlt unter bestimmten Umständen die Krankenkasse«, sagt Einsatzleiterin Irene Schweiger von der Familienpflegestation in Traunstein, »vor allem bei stationärem oder teilstationärem Krankenhausaufenthalt der Mutter, etwa einer ambulanten Reha oder bei einer Chemotherapie.« Das Problem sei aber, dass es sich um eine freiwillige Leistung handle, die gesetzlich nicht geregelt sei. »Manche Kassen zahlen nur bis zum 12. Geburtstag des Kindes, andere bis zum 14. aber sie können ja im Zweifelsfall einen Zwölfjährigen nicht einfach allein lassen.«

Auf etwa 10 bis 12 Prozent schätzt Schweiger den Anteil psychisch kranker Mütter. »Das wird auch immer mehr, ebenso wie Krebs.« Das liege aber nicht nur an der Zunahmen der Fallzahlen, sondern auch an der langsam steigenden Bekanntheit des Familienpflegewerks. »Uns gibt es jetzt seit 40 Jahren«, sagt Schweiger.

Einsätze dauern manchmal mehrere Monate

Dass das Familienpflegewerk nicht so bekannt ist, führt Schweiger nicht zuletzt auf den ländlichen Raum zurück: »Hier trägt noch der Familienverbund. Aber auch hier können Großeltern nicht alles auffangen, weil sie entweder selbst noch arbeiten oder schon gebrechlich sind.« Ganz zu schweigen von der zunehmenden Zahl von Familien, die meist aus beruflichen Gründen fernab der Großeltern wohnen, »und die praktisch auf sich allein gestellt sind.«

Je nach Verordnung dauern die Einsätze zwischen wenigen Tagen und mehreren Monaten bis hin zu ein paar Jahren. Dabei wird die Zeit im Krankenhaus meist noch im eigenen sozialen Umfeld abgedeckt. »Aber das Problem ist, dass man ja heutzutage quasi vom OP-Tisch nach Hause geschickt wird, und bei Weitem noch nicht gesund ist. Aber gerade in der Phase der Gesundung ist man dringend auf Unterstützung angewiesen.«

»Etwa am Tag nach der Chemo-Therapie, wenn der große Hammer kommt«, erklärt Schweiger. Oder wenn man mit Krücken versuchen soll, das Wickelkind die Treppen hinunter zu tragen oder nach einer Bandscheiben-Operation die Dreijährige hochgehoben werden mag, weil sie Trost braucht. Es gibt unzählige dieser Situationen, die Gesetzgeber und Kostenträger meist nicht im Blick haben.

In all diesen Situationen hilft die Familienpflegerin. Sie wäscht, putzt, kocht, kauft ein, pflegt Säuglinge, bringt größere Kinder zur Schule und holt sie wieder ab, hilft bei den Hausaufgaben, spielt und bastelt mit den Kindern, geht mit ihnen spazieren. Auch die Teilhabe am sozialen Leben ermöglicht sie, bringt die Kinder also zum Sport oder zur Musikschule und pflegt sogar die Oma, die bisher von der Mutter versorgt wurde – bis zu dem Tag, an dem die Mutter – beispielsweise an den Folgen einer Krebserkrankung – stirbt. Denn ab dann ist nicht mehr die Krankenkasse der Mutter, sondern das Jugendamt für die Kinder zuständig, und damit endet die Finanzierung der Familienpflegerin.

Im Klartext bedeutet das, dass die Kinder dann nicht nur ihre Mama verlieren, sondern gleichzeitig auch noch die Familienpflegerin, die oft die einzige weibliche Vertraute ist – und das in einem Moment, in dem auch der Vater emotional meist kaum greifbar ist. »Der ist ja auch oft mit Sorgen um die Kinder, Zukunftsängsten und organisatorischen Dingen beschäftigt. Zum Glück arbeiten wir hier in Traunstein gut mit dem Jugendamt zusammen«, so Schweiger.

Meist finde sich eine Lösung für die Übergangszeit, bis sich die Familie neu orientiert hat und die dauerhafte Kinderbetreuung geregelt ist. »Denn auch wenn wir ein gutes Angebot an Krippen-, Kindergarten-, Hortplätzen und Ganztagsschulen haben, so einen Platz kriegt man ja auch nicht von heute auf morgen«, sagt Irene Schweiger. »Das ist ein Trapezakt ohne Netz, den die Familie da zu bewältigen hat.«

Nicht immer zahlt die Kasse

Ihre fünf Mitarbeiterinnen sind alle sozialversicherungspflichtig beschäftigt. »Ich suche händeringend noch mindestens eine Fachkraft«, so Schweiger. Eine staatlich anerkannte Familienpflegerin hat eine fünfjährige Ausbildung hinter sich. »Meist sind es gelernte Kinder- oder Altenpflegerinnen, die dann noch zwei Jahre die Schule für Familienhelferinnen besuchen.«

Gut ausgebildete Leute zu finden, ist nicht leicht – nicht zuletzt wegen der Bezahlung. Denn längst nicht jede Kasse zahlt die Familienpflegerin, private zahlen gar nichts. »Das ist ein großes Problem zum Beispiel bei Lehrerinnen oder Polizistinnen«, sagt Schweiger. Auch bei chronischer Erkrankung zahlt die Kasse nicht dauerhaft. »Dann muss das die Familie selber stemmen oder aus Spenden bezahlen.«

Auf Spenden dringend angewiesen

»Der Gesetzgeber müsste alle Kassen in die Pflicht nehmen, auch eine leistungsgerechte Bezahlung wäre dringend notwendig.« Etwa in Baden-Württemberg zahlten die Kassen einen wesentlich höheren Stundensatz als in Bayern. Und die Zwischenphase zwischen dem Tod einer Mutter und der dauerhaften Regelung der Kinderbetreuung müsste geregelt werden. Bis dahin ist das Familienpflegewerk dringend auf Spenden und Zuweisungen von Gerichten angewiesen. Spenden kann man auf das Konto des Familienpflegewerks bei der VR-Bank Oberbayern, IBAN DE87 7109 0000 0008 9593 31, BIC: GENODEF1BGL. coho

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