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»Ein System im Sinne eines 'G 9 mit Überholspur'«

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Eine deutliche Sprache sprechen die Anmeldezahlen am Annette-Kolb-Gymnasium: Im kommenden Jahr gibt es dort drei 7. Klassen der Mittelstufe Plus (7., 8., 9. Klasse und Klasse 9 plus, landläufig als G 9 bezeichnet) und nur noch eine sogenannte Regelklasse (G 8).

Traunstein – »Wir geben ein Reifezeugnis heraus, und Reife hat ja immer etwas mit Zeit für die persönliche Entwicklung zu tun«, sagt Bernd Amschler, Leiter des Annette-Kolb-Gymnasiums (AKG). Das bestätigen auch die Eltern mit der Nachfrage nach der Mittelstufe Plus – das AKG ist eine von 47 Pilotschulen in Bayern, in denen die Schüler je nach Förderbedarf für die Klassen 7, 8 und 9 drei oder vier Jahre Zeit haben.


Was im Sprachgebrauch als G 8 und G 9 bezeichnet wird, spaltet derzeit die Bildungspolitik. In Traunstein startete das AKG im laufenden Schuljahr mit zwei 7. Klassen in der Mittelstufe Plus und einer verbleibenden »Regelklasse«. Auch im zweiten Jahr des Schulversuchs, also im Schuljahr 2016/2017, ist die Nachfrage nach der Mittelstufe Plus riesig: Am AKG gibt es dann drei 7. Pilotklassen und nur noch eine Regelklasse mit bisher nur 16 Schülern.

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Über klares Votum kann man nicht einfach hinweg sehen

Trotzdem können die »Regelschüler« noch alle drei Zweige (sprachlich, wirtschaftswissenschaftlich und sozial) mit den entsprechenden Sprachenfolgen wählen. »Das ist organisatorisch nicht ganz einfach«, sagt Amschler, »da entsteht ein erheblicher Aufwand«, etwa bei der Ausgestaltung der Oberstufe oder auch dem Einsatz der Lehrerstunden.

»Wir sind aber nach der neuerlichen Steigerung bei einer Quote von über 80 Prozent in der Mittelstufe Plus. Das ist ein klares Votum, da kann man nicht einfach darüber hinweg sehen. Insofern ist die bildungspolitische Großwetterlage gerade im Umbruch«, sagt Amschler.

Vor einer endgültigen Entscheidung sollten aber grundsätzliche Fragen geklärt sein, meint Amschler: »Die Dehnfuge, die wir in der Mittelstufe plus haben, könnte man auch an anderer Stelle platzieren, in der Unterstufe oder der Oberstufe. Nur wenn man jetzt wieder etwas ändert, sollte das auf jeden Fall Bestandskraft haben. Da sollte man mit den Erfahrungen der Pilotschulen arbeiten, zum Beispiel mit der Nachfrage oder der Frage, wie es sich bewährt hat.«

Am AKG erlebe er eine relativ unaufgeregte Systemumstellung als Pilotschule. »Der Regelzug heißt zwar noch so, ist es aber nicht mehr.« Allerdings warnt Amschler vor Verallgemeinerungen: »Die Gegebenheiten sind natürlich in einer relativ kleinen Stadt wie Traunstein anders als in München oder Nürnberg. Da muss ich wissen, wo kommen die Schüler her, wie gut ist der Öffentliche Nahverkehr, wie ist die Vereins- oder Musikschulstruktur?«

Er habe jedenfalls durchwegs positive Rückmeldungen zur Mittelstufe Plus, von Schülern ebenso wie von Eltern. Er könne Negativ-Urteile wie ein »zusätzliches Chill-Jahr, bei dem die Schüler aus dem Betriebsmodus kommen«, nicht bestätigen. Durch den fehlenden Nachmittags-Unterricht in den Jahrgangsstufen 7 bis 9 gebe man den Schülern Zeit – für Hobbys, Musik, Sport, Vereine, aber natürlich auch fürs Lernen. »Das bestätigen auch Vereine oder die Musikschule, mit der wir sehr gut zusammenarbeiten. Da gibt es seit dem Pilotversuch deutlich weniger Nachwuchssorgen.«

Zwei Systeme sind auf Dauer nicht zu verkraften

Wie auch die Bayerische Direktorenvereinigung fordert Amschler aber: »Wir brauchen eine klare Entscheidung, ich meine sogar ein System im Sinne eines 'G 9 mit Überholspur'. Die Schulen brauchen für die Organisation Planungssicherheit, und auch die Eltern müssen wissen, auf was sie sich einlassen. Auf die Dauer können wir in den Schulen zwei Systeme weder organisatorisch noch finanziell verkraften.« coho

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