Ein Stück Lebensqualität ermöglichen

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Von seinem Schreibtisch aus hilft Florian Seestaller Menschen, die in Not geraten sind und schnelle finanzielle Hilfe brauchen. (Foto: A. Hauser)

Seit 30 Jahren gibt es die Bürgerhilfsstelle im Landkreis Traunstein – Florian Seestaller im Gespräch mit dem Tagblatt


Eine alleinerziehende Mutter ohne Ausbildung steht kurz vor einer Zwangsräumung. Seit mehreren Monaten schon hat sie ihre Rechnungen nicht mehr bezahlt. Sie ist psychisch angeschlagen und kann sich kaum noch über Wasser halten. Solche Fälle kennt Florian Seestaller nur zur gut. Er ist Leiter der Bürgerhilfsstelle des Landkreises Traunstein. Er hilft Menschen, denen oft das Nötigste im Leben fehlt. In diesem Jahr feiert die Bürgerhilfsstelle ihr 30. Jubiläum. In einem Gespräch mit Redaktionsmitglied Antonia Hauser blickt Florian Seestaller zurück und gibt einen Einblick in seine tägliche Arbeit.

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Herr Seestaller – die Bürgerhilfsstelle des Landkreises gibt es nun seit 30 Jahren. Wer kann sich an die Stelle wenden und in welchen Fällen hilft sie?

Die Bürgerhilfsstelle ist eine freiwillige Einrichtung des Landkreises Traunstein. So was gibt es nicht in jedem Landkreis. Sie unterstützt alle Bürger, wenn sie von Schicksalsschlägen wie Krankheiten, Unglücks- oder Todesfällen getroffen, in eine finanzielle Notsituation geraten sind.

 

Wenn das eine freiwillige Leistung des Landratsamtes ist, wie kam die Gründung der Bürgerhilfsstelle zustande?

Der damalige Landrat Jakob Strobl hat 1990 die Bürgerhilfsstelle im Landkreis Traunstein initiiert. Damals hat mein Vorgänger Siegi Götze die Leitung der Stelle übernommen. Seit 10 Jahren übe ich diese Aufgabe aus.

 

Mit welchen Mitteln können Sie die Bedürftigen unterstützen?

Oft brauchen die Leute schnelle Hilfe. Es fehlt ihnen am Nötigsten, wie beispielsweise Lebensmittel, Kleidung oder Heizmaterial. Manche erhalten Unterstützung beim Bezug einer Wohnung. Die Bürgerhilfsstelle unterstützt auch Menschen, die eine Krankheit oder Behinderung haben und wenn ärztliche Behandlungen, Medikamente oder Verbandsmaterial nicht von gesetzlichen Leistungsträgern übernommen wird.

 

Melden sich die Leute dann immer selber bei Ihnen oder werden Sie von Dritten verständigt?

Das ist unterschiedlich. Manche haben das Selbstbewusstsein und melden sich direkt bei der Bürgerhilfsstelle. Das ist aber eher selten. Manchmal werde ich auch von Bekannten oder Verwandten verständigt. Zum Großteil aber von anderen Einrichtungen wie der Schuldnerberatung, dem Jobcenter, dem VdK-Kreisverband, der Caritas oder dem Jugendamt. Es kommt auch vor, dass sich kommunale Sozialfonds an uns wenden. In solchen Fällen erarbeiten wir gemeinsam eine Lösung und teilen uns die Unterstützungsleistungen.

 

Sind die Hilfsleistungen dann nur einmalige Leistungen?

In der Regel ja.

 

Wer ist denn am meisten von sozialer Not betroffen? Sind das vor allem Senioren und Kinder?

Oft sind es alleinerziehende Väter oder Mütter. Auffällig aber ist, dass viele Alleinstehende auf Hilfe angewiesen sind. Ihnen fehlt oft das soziale Umfeld. Sie können auch häufig nicht auf finanzielle Rücklagen zurückgreifen.

 

Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, wer Hilfe bekommt und wie hoch die Leistungen ausfallen?

Ich arbeite mit einem Fragebogen. Die hilfesuchenden Personen legen dazu noch Unterlagen wie zum Beispiel Einkommensnachweise oder ärztliche Bescheinigungen vor. Zuerst wird auch geschaut, dass vorrangige Leistungen ausgeschöpft werden. Wenn das nicht reicht, greift die Bürgerhilfsstelle ein. Ergänzend bekomme ich oft eine fachliche Einschätzung von Fachstellen wie zum Beispiel der Schuldnerberatung oder den Mitarbeitern des Amtes für Kinder, Jugend und Familie. Für die Beurteilung des Einzelfalls ist auch wichtig das »Drumherum« anzuschauen. Da ist es gut, dass ich dann auf eine andere Sichtweise zurückgreifen kann.

 

In welcher Höhe liegen die Beträge in der Regel?

Das geht schon bei zehn Euro los, wenn jemand zum Beispiel seine Eigenbeteiligung beim Herzmedikament nicht zahlen kann. Wir unterstützen aber auch bei behindertengerechten Umbauten oder Fahrzeugen.

 

Wie finanzieren sich die Hilfeleistungen?

Das wird alles über Spenden finanziert. Entweder von Einzelpersonen, aber auch von Betrieben, Vereinen oder andere Organisationen. Vor kurzem haben erst Klöpferlsinger ihren gesammelten Geldbetrag gespendet. Alles wird zu 100 Prozent weitergegeben.

 

Wird in der Weihnachtszeit am meisten gespendet?

Ja. Das ist einfach die Zeit, in der die Leute noch sensibler für bedürftige Leute sind.

 

Hat sich in der Corona-Pandemie etwas geändert? Haben Sie mehr Spenden erhalten oder gibt es mehr Bedürftige?

Das kann ich so nicht sagen. Die Spendenhöhe insgesamt ist gleich geblieben. Die Bedürfnisse der Betroffenen haben sich schon etwas geändert. Für Menschen, die Sozialleistungen erhalten, geht es ins Geld, wenn man selber Masken kaufen muss oder regelmäßig Desinfektionsmittel braucht. Da unterstützen wir natürlich auch, gerade wenn chronische Krankheiten vorliegen und der Infektionsschutz unbedingt notwendig ist.

 

Wie viele Anfragen bekommen sie?

Im Jahr 2019 habe ich insgesamt 320 Anfragen bearbeitet. Im Schnitt mehr als eine Anfrage pro Tag. Dieses Jahr sind es vielleicht ein paar Fälle mehr, aber die Werte unterscheiden sich nicht wesentlich.

 

Gibt es besondere schwierige Fälle, die Sie einfach nicht vergessen?

Der spektakulärste Fall war eine Zwangsverheiratung. Das junge Mädchen ist Hals über Kopf aus der Familie geflüchtet und dann ohne Wohnung, Kleidung und Geld dagestanden. Tragisch finde ich es auch immer, wenn ein Elternteil stirbt. Ich erinnere mich an einen meiner ersten Fälle: Da starb die Mutter, und der Vater blieb mit den Kindern zurück. In der ersten Zeit übernahm noch das Jugendamt die Kosten für eine Haushaltshilfe. Nach zwei Jahren ist diese Unterstützung dann ausgelaufen. Die kleine Familie war aber immer noch auf Hilfe angewiesen. Damals konnte die Bürgerhilfsstelle mit eigens gesammelten Spenden die weiter erforderliche Haushaltshilfe finanzieren.

 

Welche Fälle berühren Sie am meisten?

Immer wenn es um junge Leute geht. Wenn sie einen Unfall haben oder schwer erkrankt sind. Da ist es mir besonders wichtig, ihnen so unter die Arme zu greifen, dass sie trotz ihrer Behinderung oder Krankheit ein einigermaßen normales und selbstständiges Leben führen können und das überwiegend ohne fremde Hilfe. Mit finanzieller Unterstützung für behindertengerechte Fahrzeuge oder die barrierefreie Gestaltung von Wohnungen kann in solchen Fällen ein Stück Lebensqualität ermöglicht werden.

Antonia Hauser

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