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»Ein Schlag ins Gesicht der Forstleute«

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Alfons Leitenbacher (links), der Leiter des Traunsteiner Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, und Dr. Daniel Müller, der Leiter des Forstbetriebs Berchtesgaden, wiesen bei der Veranstaltung in Weibhausen die Kritik zurück, die Forstwirtschaft lasse zu wenig Raum für Naturwald. (Foto: Eder)

Wonneberg – »Wir brauchen ein Mindestmaß an Naturwäldern«: Das war die zentrale Forderung von Dr. Ralf Straußberger, dem Waldreferenten beim Bund Naturschutz Bayern, bei seinem Vortrag im Gasthaus Gruber in Weibhausen. Dieses Mindestmaß sei aber, wie er immer wieder hervorhob, nicht einmal annähernd erreicht – trotz offiziell besiegelter Konventionen.


Diese Kritik wollten aber die Forstleute der Region nicht auf sich sitzen lassen: Sowohl Alfons Leitenbacher, der Leiter des Traunsteiner Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, wie auch Dr. Daniel Müller, der Leiter des Forstbetriebs Berchtesgaden, stellten ihre Sicht der Dinge etwas anders dar.

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Leitenbacher bezeichnete die Forderung aus dem gemeinsamen Forstkonzept von Bund Naturschutz und Greenpeace, 121 000 Hektar Wald stillzulegen, als einen »Schlag ins Gesicht der Forstleute«. Laut dem Bundeslandwirtschaftsministerium seien in Deutschland bereits 5,6 Prozent des deutschen Waldes »stillgelegt«, was einen Nutzungsverzicht von vier Milliarden Euro ausmache. Auch der Totholz-Vorrat sei angestiegen. »Ich frage mich«, so Leitenbacher emotional, »wo wir auf dieser Welt noch bessere Wälder haben?«

Dr. Müller bezeichnete Straußbergers Aussagen als »pauschalierend«. In Bayern gebe es eine gute Tradition einer Integration zwischen Naturschutz und Forstwirtschaft. Er wies Straußbergers Behauptung zurück, dass mehr Holz geschlagen werde als nachwachse. Keineswegs habe er etwas dagegen, wenn, wie gefordert, noch ein weiterer Naturpark geschaffen werde. Insgesamt aber, so ein Kritikpunkt in ganz andere Richtung, wäre es deutlich sinnvoller, weniger Böden zu versiegeln als die Forstwirtschaft zu kritisieren.

Naturwälder nur auf gut einem Prozent der Fläche

Anhand von Zahlen hatte Dr. Straußberger zuvor festgestellt, dass die Naturwaldflächen in Deutschland deutlich geringer seien als es die offiziellen Vereinbarungen vorsehen. Weder sei ein Flächenanteil von 0,6 Prozent an Naturschutzgebieten ein Ruhmesblatt für Deutschland, noch die 3,3 Prozent nutzungsfreier Waldfläche: Dabei sei mit dem Kabinett von Merkel schon vor Jahren ein Naturwaldgebiet von mindestens zehn Prozent festgelegt worden; auch in Bayern würden die entsprechenden Vorgaben nicht umgesetzt. Hier gebe es Naturwälder auf gerade mal gut einem Prozent der Waldfläche: Von 2,5 Hektar Wald seien gerade mal 33 000 Hektar ohne forstliche Nutzung.

»Wir brauchen«, so der Referent, »eine naturnahe und naturgemäße Wirtschaft auf großer Fläche und ein Mindestmaß an Schutzgebieten ohne Nutzung.« Solche Schutzgebiete, die nur im öffentlichen Wald umzusetzen seien, sollten in einer Größenordnung von zehn Prozent liegen; Privatwälder seien davon ausdrücklich ausgenommen. Die naturnahen Wälder könnten für die wichtigen Umweltfunktionen sorgen, die bewirtschaftete Wälder nicht übernehmen können. Sie sollen dazu beitragen, das Überleben typischer und anspruchsvoller Waldarten beziehungsweise Waldlebensgemeinschaften zu sichern. Sie dienten dem Schutz und der Entwicklung der typischen, natürlichen biologischen Vielfalt.

Insgesamt sollte man die alten Bäume und Wälder mehr schützen, »Biotopbäume« oder solche, die es werden könnten, stehen lassen. Nach Straußbergers Zahlen sei in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland deutlich mehr eingeschlagen worden, als gewachsen sei. Dabei müsste im Staatswald das Gemeinwohl Vorrang haben, die Gewinnziele müssten daher reduziert, der Holzeinschlag zurückgefahren werden.

Ein wichtiger Punkt war Straußberger auch der Appell zu einer umweltschonenden Holzernte und das Vermeiden von »Bodenstörungen«: Durch all die Rückegassen in den Wäldern würden teilweise bis zu 20 Prozent der Waldflächen verdichtet. Auch die starke Veränderung der Baumarten, etwa der großflächige Anbau von Douglasien, sei nicht unproblematisch. Und beim Einschlag sollte auch mehr Rücksicht genommen werden auf die Brutzeiten der Tiere.

Letzteres sei, wie Dr. Müller anfügte, sehr schwierig zu beachten, gerade nach der langen Winterpause in den Bergwäldern. Leonhard Strasser vertrat die Meinung, man sollte es sich leisten, Wälder aus der Bewirtschaftung zu nehmen. Denn gerade gute und artenreiche Mischwälder würden den Klimawandel leichter überstehen. Marlene Berger-Stöckl betonte die Bedeutung der Wälder für viele Tierarten, die sonst vom Aussterben bedroht seien.

Aktuell hoher Holzverbrauch als Problem

In seiner Schlussanmerkung bezeichnete Straußberger den aktuell sehr hohen Holzverbrauch als ein Problem: Dass 50 Prozent des geernteten Holzes verbrannt werde, ist seiner Meinung nach ein »völliger Irrsinn«.

Als Veranstalter des Abends, an dem die Mehrheit der Besucher Forstfachleute waren, fungierten die Bund-Naturschutz-Kreisgruppe und das Agrarbündnis Berchtesgadener Land-Traunstein. Die Vorsitzende des Bund-Naturschutz-Kreisverbands Beate Rutkowski hatte bei ihrer Einführung von der Notwendigkeit eines Zusammenspiels zwischen Schützen und Nutzen der Wälder gesprochen. he