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»Ein Schlag für die Gemeinde«

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Die Burg Marquartstein soll verkauft werden. »Für uns ist das ein Schlag, mit dem keiner gerechnet hat«, sagt Bürgermeister Andreas Scheck. (Foto: Giesen)

Marquartstein – Konrad Otto Bernheimer trennt sich von großen Teilen seiner Familiensammlung. Eine Auktion mit dem Titel »Vom Speicher bis zum Lapidarium« soll im November 2015 bei Sotheby's in London stattfinden. Auch Bernheimers Wohnsitz, die Burg Marquartstein, steht zum Verkauf.


»Für uns ist das schon ein Schlag, mit dem keiner gerechnet hat«, sagte Bürgermeister Andreas Scheck, der kürzlich vom Burgherrn über seine Pläne informiert worden war. Es habe immer ein gutes Verhältnis bestanden. Konrad O. Bernheimer habe die Burg trotz Privatnutzung immer mal wieder für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Für die Gemeinde sei die Familie als Burgbesitzer deshalb ein Glücksfall gewesen, so Scheck.

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Bürgermeister und Gemeinderat hoffen nun, dass möglicherweise die Bayerische Schlösserverwaltung oder ein anderer öffentlicher Träger die Burg erwerben möchte, um eine öffentliche Nutzung sicher zu stellen. Die Bayerische Schlösserverwaltung hat 45 Schlösser, Burgen und Residenzen in ihrem Besitz, 27 historische Gartenanlagen und 21 Seen. Nach Schecks Auffassung habe Bayern als Kulturstaat die Aufgabe, sein Jahrhunderte altes geschichtliches Erbe zu erhalten und so weit als möglich der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

»Uns tut's am meisten weh«

Im Gespräch mit unserer Zeitung erklärte Konrad Bernheimer, dass die Entscheidung zum Verkauf in der Familie gefallen sei. Seine vier Töchter lebten überwiegend in der Schweiz und in Berlin und wollten die Burg nicht übernehmen. Die Entscheidung sei ihm und seiner Frau sehr schwer gefallen, da beide sehr gern im Chiemgau sind. »Uns tut‘s am meisten weh«, sagte Bernheimer, »aber irgendwann muss die Vernunft über die Emotion gehen.« Auf die Frage nach dem künftigen Besitzer sagte der Burgherr, Makler hätten ihm gesagt, dass eine deutsche Unternehmerfamilie Interesse hätte. Bei der Wahl des Käufers hätte auch er ein Wörtchen mitzureden, da ein Teil des Inventars der Burg zwar versteigert werde, beim Gebäude selbst Sotheby‘s aber nur als Makler auftrete.

Die Gründung der Burg geht auf das Jahr 1075 durch den Chiemgaugraf Marquart von Marquartstein zurück. Sie erlangte große Bedeutung als bayerisches Pflegamt und Pfleggericht. In den Jahren 1928 bis 1958 war das heutige Staatliche Landschulheim dort als privates Internat untergebracht. Konrad Bernheimer kaufte die Burg 1987 von der Vorbesitzerin, Thea Baronin von Claparde-Crola, die nach wechselnden Besitzern vor ihr stark baufällig und heruntergekommen war. Da von der Originalsubstanz im Inneren nichts erhalten ist, waren die Innenräume nicht denkmalgeschützt, sodass Bernheimer sie gründlich renovieren und zum Teil umbauen ließ. Er, seine Frau Barbara und die vier Töchter verbrachten viele Wochenenden im Jahr auf der Burg und auch oft die Schulferien. Das ganze Jahr hindurch wurde die Burg von einem Verwalter mit seiner Familie bewohnt.

In der 2013 veröffentlichten Biografie »Narwalzahn« schrieb Bernheimer: »Marquartstein ist für uns nicht nur Zuhause und Familiensitz, wir laden hier auch sehr gerne Freunde und Kunden ein. Und so mancher Sammler ist schwach geworden, wenn ich ihm ein ganz besonderes Gemälde in der Ruhe und Abgeschiedenheit meiner Bibliothek vorgeführt habe. (…) Heute, nach über zwanzig Jahren, sind wir auf der Burg im 21. Jahrhundert angekommen. Wi-Fi in allen Räumen.«

Firma Bernheimer gibt es seit 1864

Konrad Bernheimer hatte das Familienunternehmen von seinem Großvater übernommen – sein Vater kam bei einem Autounfall ums Leben, als er noch ein Kind war. Die Firma Bernheimer blickt auf eine lange Geschichte zurück. 1864 wurde sie vom Urgroßvater des jetzigen Besitzers, von Lehmann Bernheimer, gegründet. Heute gehört sie zu den größten europäischen Kunsthandlungen mit internationalen Kontakten. Neben dem großen, seit Jahrzehnten bestehenden Kunsthandelshaus in London, betreibt Bernheimer eine kleinere Galerie in der Briennerstraße in München, die heute vor allem Tochter Bianca als Fotogaleristin nutzt. Während des Dritten Reiches emigrierte die Familie Bernheimer nach Venezuela, wo sie noch heute eine Kaffeeplantage besitzt. Konrad Otto Bernheimer wurde 1950 in Venezuela geboren, seine Mutter ist Venezolanerin. Als er mit vier Jahren nach München kam, konnte er kein Wort Deutsch.

Die Liebe zu Marquartstein entwickelte sich durch das Staatliche Landschulheim, wo Bernheimer seine Schulzeit im Internat bis zum Abitur zubrachte. Ehemalige Mitschüler erzählen, dass Bernheimer schon als Schüler gesagt habe, dass er die Burg eines Tages kaufen werde. Nach der Schulzeit studierte er Kunstgeschichte und Betriebswirtschaft und arbeitete ein Jahr in London bei Christie‘s, bevor er die Firma übernahm. In Interviews hatte er wiederholt versichert, die Burg werde »auf jeden Fall mal mein Alterssitz«. Nicht nur Marquartsteiner werden bedauern, dass er sich anders entschlossen hat. Christiane Giesen