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Ein Relikt aus einer anderen Zeit

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Das »Herzstück« des Bunkers ist die »Schaltluftzentrale«. Dort ist die Filtertechnik untergebracht, die die verseuchte Luft für die »Eingeschlossenen« gereinigt hätte.
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Fast 40 Zentimeter dick ist die Tür, die den Schutzraum im atomaren Ernstfall von der Außenwelt hätte abschirmen sollen. (Fotos: Schwaiger)
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In unterirdischen Regalen lagern immer noch Trockenaborte und die dafür nötigen chemischen Reinigungsmittel.

Traunstein. »Das ist ein Relikt aus einer anderen Zeit« – Manfred Bulka, Leiter des Ordnungsamts der Stadt, öffnet für das Traunsteiner Tagblatt eine der massivsten Türen in Traunstein. Der Raum dahinter ist aus den frühen achtziger Jahren, als Kalter Krieg und Eiserner Vorhang noch die Nachrichten dominierten.


Wo heute die Autos von Lehrern und Finanzbeamten parken, da hätten im atomaren Ausnahmeschutz 610 Menschen Schutz vor den gefährlichen Strahlen finden sollen: Der ehemalige städtische »Schutzraum für Zivilschutzzwecke« liegt genau unter der Turnhalle der Ludwig-Thoma-Grundschule. In Friedenszeiten Tiefgarage, im Verteidigungsfall uneingeschränkt zugänglich – die Doppelnutzung ist von Anfang an, seit Januar 1985, festgelegt.

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Wer nicht auf Details achtet, der glaubt zunächst in einer ganz gewöhnlichen Tiefgarage zu sein. Doch wer genau hinsieht, dem fällt schon beim Betreten des unterirdischen Raumes die schwere Stahltür auf. Fast 40 Zentimeter ist sie dick. Um die tonnenschwere Tür zu bewegen, muss sich Manfred Bulka ordentlich dagegen stemmen. Wenn die zu ist, dann ist sie zu. Und genau darum geht es ja auch in einem Atomschutzbunker.

»In Deutschland gibt es hunderte, tausende solcher öffentlicher Schutzräume«, sagt Manfred Bulka. In den Achtzigern bauten sich sogar Privatleute aus Angst vor einem Atomkrieg einen Bunker.

Nicht für die Stadtoberen reserviert

In Traunstein gibt beziehungsweise gab es bis vor wenigen Jahren drei öffentliche Schutzräume: einen großen, der Platz für rund 2000 Menschen bietet, unter dem Landratsamt, auch genutzt als Tiefgarage; ein kleiner, privater, aber im Notfall öffentlich zugänglicher Bunker an der Ecke Ludwig-Thoma-Straße/Maxstraße für rund 60 Menschen; und eben der unter der Grundschule.

Letzterer ist – nachdem die politische Lage sich völlig verändert hatte – im Jahr 2009 aufgelöst worden. »Entwidmung« ist der offizielle Begriff dafür. Doch bis dahin fanden jährliche Inspektionen durch den TÜV statt. »Die Technik ist nach wie vor voll funktionsfähig«, erklärt Bulka. »Der Schutzraum wäre jederzeit reaktivierbar.«

Was der städtische Mitarbeiter gleich betont: Die Schutzräume wären im Notfall nicht für die Stadtoberen reserviert gewesen. »Die waren wirklich für die Allgemeinheit gedacht.« Das Prinzip der Platzvergabe wäre demnach gewesen: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.

Ein Blick auf den Lageplan des Schutzraumes zeigt, dass das Leben dort auf das Notwendigste beschränkt gewesen wäre. Dicke Planen hätten Wände ersetzt und den 1200 Quadratmeter großen Raum unterteilt; Notküche, Krankenraum, WC-Anlagen – im Notfall wäre nur das Notwendigste zur Verfügung gestanden. »Da ist's sicher am Campingplatz komfortabler«, resümiert der Ordnungsamtsleiter.

Anfangs lagerten unterirdisch auch Konservendosen

Er weiß noch, dass in den ersten Jahren Konservendosen mit Essen unterirdisch lagerten. Doch als das Haltbarkeitsdatum ablief und die atomare Bedrohung schrumpfte, sah niemand mehr einen Bedarf, neue hinunterzuschaffen. Dafür stapelten sich in den unterirdischen Räumen noch lange Zeit Feldbetten. Und noch heute lagern dort in Kartons Trockenaborte.

Das »Herzstück« des ehemaligen Schutzraums ist die »Schutzluftzentrale«. In den separaten Räumen ist vor allem die Technik für die Belüftungsanlage untergebracht. Einen Raum füllen alleine die 16 Einzelfilter aus – einer hat einen Durchmesser von rund 70 Zentimetern –, die im Ernstfall die verseuchte Luft draußen für die, die drinnen ausgeharrt hätten, gereinigt hätten. Ein zweiter Raum ist ein überdimensionaler Sandfilter. Der rund 30 Quadratmeter große Raum ist zu zwei Drittel mit Sand gefüllt. »Das ist wie ein großer Sandkasten«, erklärt Bulka. Der Sand hätte, im Zusammenspiel mit den 16 Einzelfiltern, ebenfalls die Luft für die Eingeschlossenen gereinigt. »Beide Systeme sind aufeinander abgestimmt.«

Im Ernstfall hatte die Stadt Traunstein fünf städtische Mitarbeiter bestimmt, die den Schutzraum betreut hätten. »Das waren alles Handwerker, Elektriker und Installateure«, erzählt Manfred Bulka. Dass es nie so weit gekommen ist, dass sie dort unten das Regiment übernehmen mussten, darüber sind nicht nur sie froh. »Das wäre ein trauriges Dasein gewesen«, ist sich der Leiter des Ordnungsamts sicher. Sandra Schwaiger

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