weather-image
26°

Ein Kosmopolit, der in Schleching Wurzeln geschlagen hat

5.0
5.0
Bildtext einblenden
Dr. Jan Bodo Sperling bei seiner Geburtstagsrede. (Foto: Wunderlich)

Schleching – Seinen 90. Geburtstag feierte Dr. Jan Bodo Sperling im Kreise seiner Familie, vieler Freunde und Wegbegleiter. Er bedankte sich bei den Schlechingern für die gute Aufnahme und Akzeptanz vor 45 Jahren mit einer Rückschau über die Höhepunkte, die ihm besonders im Gedächtnis und im Herzen geblieben sind.


Geboren wurde Dr. Jan Bodo Sperling 1928 in Braunschweig. Mit 13 verlor er den Vater, der in Russland gefallen war. Während des Zweiten Weltkriegs musste er mit seiner Mutter und seiner Schwester die Erfahrung der totalen Ausbombung, als Luftwaffenhelfer den Tod von zwei Klassenkameraden direkt neben ihm und vier Monate Gefängnis und Internierungslager verkraften.

Anzeige

Nach dem Abitur begann Dr. Sperling eine Zimmerer-Lehre, zur gleichen Zeit eine Qualifikation zum Dolmetscher, danach einen Lehrgang zum Sägewerker und anschließend eine Ausbildung zum Industriekaufmann. In allen Berufen erwarb er einen Abschluss. Danach studierte er an den Unis Göttingen und Marburg und brachte es zum Diplomvolkswirt.

Durch Zufall stieß Dr. Sperling auf eine Anzeige »Assistent gesucht für Großbaustelle«. Dabei handelte es sich um den Aufbau eines Hüttenwerksprojekts im indischen Urwald, bei dem die 46 größten Firmen Deutschlands beteiligt waren. Bis zu 4000 Monteure und Ingenieure wurden zum Teil mit ihren Familien in Zentralindien im Ort Rourkela beschäftigt. Um Problemen sozialer Art vorzubeugen, sollte eine Sozial-Organisation aufgebaut werden, für die man einen Mitarbeiter suchte, der ein sozial-wissenschaftliches Studium abgeschlossen hat, ein Handwerk gelernt hat und fließend Englisch sprechen kann. Dr. Sperling war der einzige Bewerber, der diese Anforderungen erfüllte.

In Indien wurde er schnell vom Assistenten zum Leiter und baute ein Krankenhaus, stellte Ärzte und Lehrer für 57 deutsche Kinder ein, einen katholischen und evangelischen Pfarrer und eröffnete ein Restaurant. Vier Jahre blieb Sperling schließlich in Indien.

1965 promovierte er zum Doktor der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Danach ging er für ein Jahr nach Cambridge an die Harvard-Universität. In dieser Zeit übersetzte Sperling sein Buch »Die Rourkela-Deutschen« in die englische Sprache. Aufgrund dieses Buchs meldete sich die UNO bei ihm, da sie fand, dass genau die Erfahrungen für alle UNO-Organisationen der Welt hilfreich wären. Sechs Jahre arbeitete Sperling daraufhin in 54 Ländern in UNO-Projekten. 1972 hat er dann bei der UNO in Turin ein College aufgebaut mit 300 Lehrkräften für Fortbildungsprogramme der UNO-Mitarbeiter. Zeitgleich hat der Jubilar in Schleching ein Grundstück gekauft.

1979 spitzte sich die Situation in Turin für Dr. Sperling und seine Familie dramatisch zu. Die Polizei fand bei den Roten Brigaden eine Liste mit seinem und den Namen seiner Familienmitglieder als potenzielle Entführungs-Opfer. Sperling bekleidete zu dieser Zeit das höchste Amt der UNO in Norditalien. Mit diesem Risiko wollte die Familie nicht leben, Sperling kündigte und »tauchte unter« im Ferienhaus in Schleching.

Mit inzwischen 52 Jahren gründete Dr. Sperling seine Firma »Coverdale Team Management Deutschland GmbH«, ein Unternehmen für Industrie- und Unternehmensberatung. Hier schied er nach 1996 aus Altersgründen als Geschäftsführer aus. In den folgenden Jahren wuchs sein ehrenamtliches Engagement, zum Beispiel als Kirchenvorsteher der Gemeinde bei der Evangelischen Kirche.

Die bei weitem umfangreichste Herausforderung kam 1997 mit der Gründung des Schlechinger Kultur-Fördervereins, in dem Sperling zehn Jahre lang in der Vorstandschaft arbeitete. Es galt, die kleine Musikschule Cantica auf sichere finanzielle Füße zu stellen. Mit 79 Jahren gab Sperling den Vorsitz ab und unterstützte den Verein weiter als Ehrenvorsitzender. Engagiert hat er sich auch bei der Verwirklichung des Schlechinger Dorfladens oder beim »Sozialen Netzwerk Schleching«.

Ein Meilenstein auf Sperlings Lebensweg war die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes im Mai 2012. Bei einer Feierstunde würdigte der damalige Bayerische Staatsminister Martin Zeil den Jubilar mit den Worten: »In ganz ungewöhnlicher Vielfalt und mit zahlreichen Initiativen haben Sie sich ehrenamtlicher Aufgaben zugunsten des sozialen und kulturellen Lebens, des Tourismus und der Umwelt angenommen«.

Sperlings Tochter Antje Ireland hielt bei der Geburtstagsfeier eine sehr persönliche und emotionale Ansprache. Pfarrer Ekkehard Purrer sprach seinen Dank an Dr. Sperling im Namen der Kirche aus. Nachdem am Anfang der Feier, die Schlechinger Alphornbläser einige Stücke vortrugen, sangen die Gäste zum Abschluss ein gemeinsames Geburtstagsständchen. wun