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»Ein klares Bekenntnis zu Brauchtum und Heimat«

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Gut drauf, trotz des Wetters: Der Vachendorfer Burschen- und Arbeiterverein. (Fotos: Buthke)

Vachendorf – Das 51. Gaufest der Arbeiter- und Burschenvereine im Chiemgau und Rupertiwinkel fand in Vachendorf statt. Der Burschen- und Arbeiterverein Vachendorf war vom Gau mit der Ausrichtung betraut worden, weil er heuer sein 120. Gründungsjubiläum feiert.


»Predigt muss wie ein Minirock sein«

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Wegen Regens wurde der Festgottesdienst im Bierzelt abgehalten. Für die musikalische Umrahmung sorgte die Festkapelle Holzhausen-Vachendorf. Weil die Burschen nicht aus Zucker sind, fand anschließend der Festumzug mit rund 60 Burschen- und Dirndlschaften und Ortsvereine mit rund 2500 Teilnehmern, acht Musikkapellen, Ehrenkutschen und Festwagen bei leichtem Regen statt.

Für Pater Gabriel Budau war es eine Besonderheit und das erste Mal, einen Gottesdienst in einem Bierzelt zu halten. Aber er hatte die Burschen gleich fest im Griff, indem er den Gottesdienst mit einem letzten »Prost« eröffnete und selbst einen Schluck Weißbier zu sich nahm. Danach verschwanden die Bierkrüge unter den Tischen. Pater Gabriel zeigte auf die Fahne des Vachendorfer Burschen- und Arbeitervereins, auf dem ein Bild mit der Kirche in der Mitte des Dorfs und damit des Lebens gestickt sei. Er nahm auch gleich die Schuld wegen des Regens auf sich. »Entweder habe ich zu wenig gebetet oder zu wenig Vertrauen gehabt.« Eine Predigt müsse wie ein Minirock sein, meinte er: allumfassend und die Neugierde weckend. Er holte drei Burschen auf die Bühnen und verband ihnen die Augen. Dann gab er ihnen ein Trikot vom FC Bayern München in die Hand und fragte die Anwesenden, was dies symbolisiere. Nach mehreren Vorschlägen kam aus der Reihe auch das, was er hören wollte: blindes Vertrauen. Die Botschaft seiner Predigt war, dass es ohne blindes Vertrauen kein Gemeinwesen und kein Vereinsleben gäbe. Ohne blindes Vertrauen in der Ehe, im Beruf und auf Gott gehe alles schief. Er forderte die Gläubigen auf, dieses blinde Vertrauen mit nach Hause zu nehmen. Als gutes Beispiel für blindes Vertrauen nannte er das 120-jährige Bestehen des Burschen- und Arbeitervereins Vachendorf.

So einen Pfarrer gebe die Gemeinde nicht her, erklärte Bürgermeister Rainer Schroll. Die Verantwortung für das Wetter übernehme normalerweise der Schirmherr. Er sei daher froh, dass Pater Gabriel dies bereits getan habe. Er dankte für das zahlreiche Erscheinen und für die Ehre, dass das Gaufest in Vachendorf stattfinden dürfe.

Ein 120. Gründungsfest sei ein stolzes Jubiläum und keine Selbstverständlichkeit. Es brauche einen Verein, der sich der Sache annehme und soziale Verantwortung übernehme. Dies sei in einer Zeit geschehen, als Unfall und Krankheit noch Not und Elend bedeutet hätten.

Es sei eher ungewöhnlich, dass ein Gottesdienst mit Bier anfange, mit Minirock weitergehe und dann noch ein Bayern-Trikot herausgezogen werde, meinte auch Landrat Siegfried Walch zur gelungenen Messe von Pater Gabriel. Die Burschenvereine stünden für die Pflege von Tradition, Brauchtum und Geselligkeit. Die 61 Vereine verkörperten gelebten Zusammenhalt und Kameradschaft. Es sei etwas Besonderes, wenn dies über einen so langen Zeitraum wie in Vachendorf funktioniere. Es sei auch ein Zeichen von gegenseitiger Anerkennung, Solidarität und Heimatliebe.

Die derzeit ankommenden Asylbewerber zeigten, dass Heimat nichts Selbstverständliches sei. »Wir können froh sein, dass wir so leben und die Heimat spüren dürfen.« Wir lebten in einer Zeit, in der wir immer internationaler würden. Deshalb sei es wichtig, als starke Region das Brauchtum zu bewahren. »Das Gaufest der Arbeiter- und Burschenvereine ist ein klares Bekenntnis zu Heimat und Brauchtum«, betonte Walch.

»Der Gottesdienst war anders, aber schön«, bekannte auch Gauvorstand Georg Daxenberger. Vor 120 Jahren seien in Vachendorf Menschen zusammengekommen, um in Not geratenen Menschen zu helfen. Es sei interessant, wie breit sich seitdem die Leistungen der Arbeiter- und Burschenvereine entwickelt hätten. Sie erfüllten auch heute noch soziale Aufgaben und förderten soziale Einrichtungen. Durch die Pflege von Tradition und Brauchtum erhielten sie ein positives Gemeinschaftsgefühl.

Am Vorabend fand der Festabend zum 120. Jubiläum des Burschen- und Arbeitervereins Vachendorf statt, zu dem Festleiter Martin Schmid zahlreiche Besucher, darunter viele Mitglieder der Ortsvereine, begrüßte. Bürgermeister Schroll wies auf die Gründung am 2. Februar 1895 hin, als der Zweck noch die Anstrebung einer anständigen Gesellschaft und einer gemütlichen Unterhaltung gewesen sei. Am 16. Juni 1904 sei der Beschluss ergangen, den Verein in einen »Burschen-Kranken-Unterstützungsverein« umzuwandeln. In der Generalversammlung vom 6. Januar 1952 sei beschlossen worden, keine Krankenunterstützung mehr auszuzahlen, weil der Vereinszweck durch die Sozialgesetzgebung entfallen war. Der Verein heiße seitdem »Burschen- und Arbeiterverein Vachendorf. Josef Heigermoser (1959 bis 1997) sei 38 Jahre 1. Vorstand und Bernhard Zeilinger (von 1997 bis heute) 18 Jahre 1. Vorstand gewesen. Zur Hälfte der Zeit des Vereinsbestehens habe es damit nur zwei Vorstände gegeben. »Dies ist ein Zeichen von großer Beständigkeit«, betonte Schroll.

»Wer in Not war, dem wurde geholfen«

Vor 120 Jahren hätten sich jungen Leute zusammengetan, weil es keine soziale Sicherung gegeben habe, sagte der Gauvorsitzende Daxenberger. Wer in Not geraten sei, dem sei geholfen worden, weil nur die Kameradschaft die soziale Alternative gewesen sei. Heute stehe die Pflege von Brauchtum und Kameradschaft im Mittelpunkt. Als Dank für die Ausrichtung des Gaufestes übergab Daxenberger dem Vachendorfer Vorstand Zeilinger den Gauehrenkrug.

Wenn ein Verein sein 120-jähriges Bestehen feiere, dann sei dies kein Zufall, sondern das Ergebnis harter Arbeit, meinte Trachtenvorstand Alfred Gehmacher im Namen aller Ortsvereine. Sie hatten zusammengelegt und als Jubiläumsgeschenk ein gesticktes Fahnenband mitgebracht, das sie Zeilinger übergaben. Bürgermeister Schroll hatte einen Scheck dabei. Der Patenverein Erlstätt übergab dem Vorstand ein Fassl Bier. Danach wurde das Jubiläum noch feucht-fröhlich gefeiert. Die passende Musik dazu lieferte »D’ Chiemgauer Blasmusik«. Bjr