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Ein bewegtes Leben zwischen Russland und Bayern

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Die hundertjährige Emma Spieß freute sich über den Besuch der Dritten Grassauer Bürgermeisterin Christa Summerer. (Foto: T. Eder)

Grassau. Im Kreise ihrer Familie konnte Emma Spieß in Grassau ihren 100. Geburtstag feiern. Sie lebt bei ihrer Tochter, wird fürsorglich gepflegt und ist stolz auf ihre Familie. Kein einfaches Leben liegt hinter der Hundertjährigen, die mit 81 Jahren gemeinsam mit ihrer Familie aus Russland nach Deutschland auswanderte. Seit zehn Jahren nunmehr lebt sie in Grassau mit ihrer Tochter und Schwiegersohn im eigenen Haus. Ihre bewegende Geschichte erzählten die Kinder der Dritten Bürgermeisterin Christa Summerer und dem Stellvertretenden Landrat Georg Klausner, die der Jubilarin gratulierten.


Als Wolgadeutsche wurde Emma Spieß am 11. Juni 1913 in Saratov geboren. Mit 22 Jahren hatte sie ihren Mann geheiratet und in den Folgejahren sechs Kindern das Leben geschenkt. Obwohl Emma Spieß 81 Jahre lang in Russland lebte, spricht sie fließend deutsch und nur gebrochen russisch. Die Jubilarin musste in ihrem Leben mehrmals sehr schwere Zeiten durchmachen.

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Besonders in der Zeit des Zweiten Weltkriegs, als das Dritte Reich einmarschierte, wurden die Wolgadeutschen der gemeinsamen Kollaboration beschuldigt und nach Kasachstan deportiert. Auch die Familie Spieß war davon betroffen. Während der Vater zuerst in der Armee und später zur Zwangsarbeit, tausend Kilometer von der Familie entfernt, verpflichtet wurde, musste Emma Spieß ihre Kinder alleine erziehen, in der Kolchose arbeiten und zudem noch das eigene Fleckchen Erde bewirtschaften.

Sie erlebte die große Hungersnot, die Vertreibung und die Unterdrückung und ließ sich dennoch nie unterkriegen. Nachdem der Vorwurf der Kollaboration aufgehoben wurde, konnte der Vater aus dem Arbeitslager in den 60-er Jahren heimkehren und bewirtschaftete dann mit der Familie seinen eigenen kleinen Bauernhof. Allerdings wurden sie weiter angefeindet. Der Schwiegersohn, auch Nachkomme von Wolgadeutschen mit dem Familiennamen Spät, erzählte, dass er als Wolgadeutscher immer Probleme und mit Anfeindungen zu kämpfen hatte.

Grundsätzlich änderte sich das Leben der Emma Spieß aber vor 19 Jahren, zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes. Als es den Wolgadeutschen möglich wurde, in Deutschland einzureisen und eingebürgert zu werden, entschieden sich alle Familienmitglieder zum gemeinsamen Auswandern. Nun sind alle noch lebenden fünf Kinder der Emma Spieß in ganz Deutschland verstreut und ebenso die elf Enkelkinder. Auch fünf Ururenkel hat Emma Spieß bereits, das Jüngste gerade einmal neun Monate alt.

Wichtig sind der Seniorin ihre Familie und die Gastfreundschaft. »Trinkt auf eure Gesundheit«, sagt sie immer wieder und bedankt sich »für die große Ehre, die ihr angetragen wird«, in einem Deutsch, wie man es vor hundert Jahren gesprochen hat. Heute lebt Emma Spieß glücklich in Grassau, liebevoll umsorgt von ihrer Familie. Sie liebt es, am Fenster zu sitzen und hinauszublicken und bei schönem Wetter genießt sie den Garten und geht auch gerne einmal eine kleine Runde mit dem Rollator. tb