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»Ein Betriebsklima, in dem der Einzelne zählt«

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Beim 152. Handwerkertag in Unterwössen trat die junge Friseurmeisterin Barbara Pöltz an die geöffnete Zunftlade und verpflichtete sich, dem Wössner Handwerk zu dienen. Seit vielen Jahren leitet und organisiert der Unterwössner Malermeister Hans-Michael Heser den Handwerkertag. (Foto: Flug)

Unterwössen – Eine Lanze für das Handwerk hat Hans-Michael Heser beim Unterwössner Handwerkertag gebrochen. Es biete attraktive, ortsnahe Arbeitsplätze und – ganz im Trend der heutigen Arbeitswelt – »ein Betriebsklima, in dem der Einzelne zählt«. Der Handwerkertag in Unterwössen fand bereits zum 152. Mal statt. Aktuell ist die Veranstaltung aber auch nach so langer Zeit noch: Sie stellt sich den Problemen der Zeit und sichert für den Nachwuchs die Zukunft.


Wie seit über hundert Jahren, hatte auch der Unterwössner Handwerkertag 2017 mit einem Gottesdienst begonnen. In der Pfarrkirche St. Martin unterstrich Pfarrer Martin Straßer die Stellung und die Bedeutung des Handwerks und des Handels. Er sah aber auch die vielfältigen Pflichten, wie jeden Tag zu arbeiten. »Das, die Arbeit, hält das Land zusammen.«

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Strasser schloss mit den Gedanken einer Kerze. »Wenn ich in der Schachtel liege, weiß ich nicht, was ich soll. Besser ich brenne, das ist meine Aufgabe. Aber dann werde ich kürzer und vergehe.« So sieht der Pfarrer auch die Lage der Menschen und Handwerker. »Liegt ihr in der Schachtel und tut nichts, kann euch nichts passieren. Folgt ihr aber euren Aufgaben, müsst ihr etwas geben. Ihr braucht keine Angst zu haben«, so der Pfarrer, »wenn ihr etwas gebt, wenn ihr, im Sinnbild der Kerze kürzer werdet. Innerlich werdet ihr immer leuchtender und am Ende gebt ihr euer Licht an die nächste Kerze.«

Die Fürbitten las Hans-Michael Heser. Er organisiert den Handwerkertag seit vielen Jahren. Heser ist Meister des Maler- und Lackiererhandwerks, Ehrenobermeister der Innung Traunstein sowie Ehrenbezirksinnungsmeister der Landesinnung bayerischer Maler und Lackierer. Bei der anschließenden Sitzung im Hotel Gabriele freute sich Heser, dass immer häufiger junge Frauen den Weg ins Handwerk fänden.

Die junge Friseurmeisterin Barbara Pöltz hat sich vor wenigen Monaten mit einem eigenen Friseursalon an der Unterwössner Hauptstraße selbstständig gemacht. Entsprechend dem alten Handwerksbrauch verpflichtete sich Pöltz im Angesicht der geöffneten Zunftlade. Sie erklärte, dem Wössner Handwerk zu dienen, es würdig zu vertreten und all ihr Wissen und die Erfahrungen des Berufs an den Berufsnachwuchs weiterzugeben. Die junge Meisterin erntete kräftigen Beifall.

Zur Lage des Handwerks führte Heser eine Umfrage der Handwerkskammer für München und Oberbayern an. Demnach schätzen die oberbayerischen Betriebe die Umsatz- und Beschäftigungsentwicklung optimistisch ein. Dagegen bereiten der Fachkräftemangel, wachsende Bürokratie, die Steuern und Abgaben zusehends größere Sorgen.

»Die Schwierigkeiten, Fachkräfte und Lehrlinge zu finden, entwickeln sich zunehmend zur Wachstumsbremse des Handwerks und der Wirtschaft«, so Heser. Im September 2016 seien über 18 000 betriebliche Ausbildungsplätze des Handwerks unbesetzt geblieben. 2006 hätten 35 Prozent der Schulabgänger studiert, heute seien es 58 Prozent. Dabei lebe das Handwerk von seinen Menschen, so Heser. Man müsse der Meinung, dass die Berufsbildung im Handwerk eine Sackgasse sei, entgegenwirken. Jedem solle deutlich sein, dass eine duale Ausbildung im Handwerk vielfältige Karrierewege öffnet.

Ein starkes Handwerk brauche attraktive Arbeitsplätze, so der Malermeister weiter. Eine attraktive Ausbildung bringe leistungsstarke Jugendliche in das Handwerk. Das Handwerk könne dem Nachwuchs vielleicht nicht die Löhne der Industrie zahlen, aber es biete attraktive, ortsnahe Arbeitsplätze. Heser wünscht sich, dass die Politik endlich mittelständisch denkt und handelt, Bürokratie abbaut und den Mittelstand gezielt bei der Einkommensteuer entlastet.

Bürgermeister Ludwig Entfellner sieht die Auftragsbücher der Handwerker in der Gemeinde gut gefüllt. Vor dem Hintergrund denke er an den Satz seines ehemaligen Chefs, der meinte: »Ich freue mich, wenn meine Kollegen viel Arbeit haben, dann bekomme ich einen guten Preis.«

Entfellner lenkte den Blick auf die Investitionen in der Gemeinde nach dem Städtebauförderungsgesetz mit der Neugestaltung des Ortszentrums, dem Umbau des alten Schulhauses in Oberwössen zu einem Haus der Dorfgemeinschaft und auf die Pläne zum Umbau des Unterwössner Hallenbads zu einem Dorfhaus. Auch Arbeiten, die in diesem Zusammenhang nicht unmittelbar im Auftragsbuch eines örtlichen Handwerkers landen würden, kämen dem Gewerbe zugute. Auch für die Zukunft sieht der Bürgermeister neue Aufgaben und Investitionen. Beispielhaft nannte er den anstehenden Hochwasserschutz für Oberwössen.

Den Handwerkern, Meistern, Gesellen und Lehrlingen, sprach der Bürgermeister seinen Dank aus. »Ihr macht euch besonders um den jungen Handwerksnachwuchs verdient, der für das Dorf einen besonderen Stellenwert hat.« Er schloss mit einem ausführlichen Dank an Hans-Michael Heser.

Hans-Michael Heser sagte ebenfalls Danke. Er überreichte Wirtin Gabi Licklederer-Wenninger eine Urkunde für 20 Jahre herzliche Aufnahme und beste Bewirtung des Handwerkertages im Hotel Gabriele.

Traditionell verbrachten die Handwerker den Tag gemeinsam und zogen am Nachmittag durch die heimischen Gaststätten. lukk