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Dorfläden sind auch soziale Begegnungspunkte

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Traunstein – Um das Thema »Ein Dorfladen in Kammer?« drehte sich eine Informationsveranstaltung, zu der rund 100 interessierte Zuhörer in das Pfarrheim in Kammer gekommen waren. Nachdem das einzige Lebensmittelgeschäft im Ort, die Bäckerei Ordner, seit einiger Zeit geschlossen ist, haben gerade viele ältere Menschen oft nicht mehr die Möglichkeit, ihre Lebensmittel am Ort zu kaufen.


»Bürger müssen ihr Schicksal in die Hand nehmen«

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Auf Einladung der Stadträte aus dem Stadtteil Kammer, Peter Forster, Christa Fuchs, Stefan Namberger, Wolfgang Osenstätter, Albert Rieder und Thomas Stadler, zeigte der Unternehmensberater Wolfgang Gröll von der Firma New Way, der seit 18 Jahren erfolgreich die Gründung von Dorfläden in ganz Bayern begleitet, Möglichkeiten auf, wie in Kammer wieder eine funktionierende Nahversorgung eingerichtet werden könnte. Neben der Lebensmittelversorgung falle nach der Schließung der Bäckerei auch der soziale Begegnungspunkt weg, sagte Stadtrat Stadler, der moderierte.

Die mit Abstand erfolgreichsten Dorfläden sind nach den Worten Grölls diejenigen, die von den Bürgern geführt würden. Das Konzept müsse von den Bürgern kommen und vor Ort erarbeitet werden. »Die Bürger müssen ihr eigenes Schicksal in die Hand nehmen«, betonte er. Der Dorfladen sei mehr als nur ein Lebensmittelladen. »Im Dorfladen werden nämlich nicht nur Lebensmittel, sondern auch das Lebensmittel Menschlichkeit 'verkauft'. Die Standorte entstehen in der Regel dort, wo keiner mehr hingeht«, so Gröll. Anhand von Beispielen belegte er, dass Dorfläden sich inmitten von Vollsortimentern und Discountern durchaus behaupten können.

Gröll machte deutlich, dass trotz Globalisierung, Internationalisierung, Vereinheitlichung und der Maxime Quantität vor Qualität auf dem Lebensmittelmarkt, immer noch Regionalität, Geschmacksvielfalt, Abwechslung und Unterhaltung, Qualitätsprodukte und steigender Serviceanspruch gefragt seien. »Wir müssen daher hochwertige regionale Ware in den Dorfladen bringen«, stellte er fest. Das strengste Qualitätsmanagement hätten die Dorfläden, weil der »Dorfnachrichtendienst« arbeite. Die Kunden wüssten, woher die Ware komme. Wenn man von Regionalität spreche, dann meine man Klein- und Kleinstbetriebe, um nachvollziehbar zu sein.

Als Hauptursachen für den Rückgang von Läden mit kleinen Verkaufsflächen nannte er Generationenprobleme und fehlende Professionalität bei den Inhabern, Veränderung der Ertrags- und Kostenstruktur, Veränderung der Einkaufsgewohnheiten der Verbraucher sowie Veränderung der sozialen Meinungsbildung, dass groß gleich billig sei. Gröll sah aber auch einen neuen Trend: die Bürger wollen sich in der Gestaltung ihrer Lebensräume wieder mehr einbringen und auf eine gesunde Ernährung achten.

Gute Erreichbarkeit und ausreichend Parkplätze

Die Standorte von Dorfläden seien in der Regel Orte in ländlichen Regionen oder kleine Wohnsiedlungen von 300 bis 1000 Einwohnern mit guter Erreichbarkeit und ausreichend Parkplätzen. Sie hätten einen hohen Anteil an Stammkunden, nicht-mobilen Personen, älteren Kunden und bequemen Verbrauchern. Die Mitarbeiter seien meist Familienmitglieder und Dorfbewohner. Die Sortimentspolitik lege Wert auf einen sehr hohen Frischeanteil und Regionalität. Unabhängig von der Rechtsform stehe der genossenschaftliche Gedanke im Vordergrund. »Der Grundsatz lautet: Die Förderung der Mitglieder steht im Mittelpunkt durch Selbstverantwortung, Selbstbestimmung und Selbstverwaltung«, so Gröll. Oberste Ziele der Dorfläden seien nicht die Gewinnmaximierung, sondern ein achtsamer Umgang mit den regionalen Ressourcen, die Einbindung der Bürger und Mitarbeiter, die nicht nur wegen des Geldes arbeiten, sondern weil sie einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen wollen.

Die Gründung eines Dorfladens teilte Gröll in drei Phasen ein. Die Sensibilisierungsphase mit Bürgerinformation, Aufklärung und Gründung eines Arbeitskreises. Für diesen Arbeitskreis schrieben sich in Kammer bereits 20 Personen ein. Es folgt der Vorgründungsprozess mit Erstellen einer Machbarkeitsstudie, Wahl der Rechtsform, Abhalten einer Gründungsveranstaltung und Sicherung der Finanzierung. In der Umsetzungsphase erfolgen Sichern der Räume, Abklären der Investitions- und Finanzierungsmaßnahmen, Gründung des Rechtsträgers, Antragstellung von Fördermitteln, Einzahlung des Gründungskapitals, Erstellen des Feinkonzepts sowie Einstellen und Einweisen der Mitarbeiter.

»Vieles ist vom Elan abhängig«

Vieles sei vom Elan abhängig, mit dem das Projekt Dorfladen umgesetzt werde, meinte Stadtmarketingkoordinator Jürgen Pieperhoff. Man dürfe aber den betriebswirtschaftlichen Blick nicht außer Acht lassen. Dass sie in so vielen Kommunen da seien, zeige, dass die Dorfläden durchaus eine Chance hätten.

In der Diskussion wurde die Sorge angesprochen, ob regionale Versorger wie Landwirte Dorfläden ohne große Vorschriften beliefern können. Wer werde die Machbarkeitsstudie und Finanzierung überprüfen, wurde gefragt. Dafür bot Gröll seine Begleitung an. Wer denn seine Begleitung bezahle, wurde nachgefragt. Stadtrat Stadler sprach die Hoffnung aus, dass hier die Stadt Traunstein einspringen werde. Er erklärte, man müsse jetzt Schritt für Schritt schauen, ob mit dem Dorfladen etwas möglich sei oder nicht. »Wir sollten aber nichts übers Knie brechen«, so Stadler. Bjr