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Die traditionelle Volkskirche »geht ihrem Ende entgegen«

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Weihbischof Dr. Bernhard Haßlberger stand unserer  Mitarbeiterin  Christiane Giesen  Rede und Antwort.

Ruhpolding – Der geborene Ruhpoldinger Bernhard Haßlberger ist seit 21 Jahren Weihbischof im Erzbistum München und Freising, Bischofsvikar für die Seelsorgeregion Nord des Erzbistums und seit zwei Jahren auch Dompropst, das heißt zusammen mit dem Domdekan und Domkapitel verantwortlich für die Domkirchen in München und Freising. Seit vielen Jahren verbringt Dr. Bernhard Haßlberger seinen Sommerurlaub bei der Familie seines Bruders in Ruhpolding und besucht auch manchmal Veranstaltungen im Ort. Unsere Mitarbeiterin Christiane Giesen traf sich mit dem Weihbischof zu einem Interview:


Sie sind 1946 geboren, seit 38 Jahren Priester und werden am 30. Oktober 69 Jahre alt. Die meisten Leute sind in diesem Alter im Ruhestand. Denken Sie daran, aufzuhören zu arbeiten?

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Haßlberger: Bei einem Bischof ist es üblich, dass er bis zu seinem 75. Lebensjahr aktiv ist, sofern er fit und gesund ist. Das bin ich Gott sei Dank.

Warum sind Sie Pfarrer geworden und gab es schon mal Augenblicke, in denen Sie es bereut haben?

Haßlberger: Etwa in der achten Klasse Volksschule kam bei mir plötzlich der Wunsch auf, Priester zu werden. Ausgelöst wurde dieser Wunsch wohl unter anderem durch unseren damaligen Pfarrer Monsignore Roman Friesinger – ein beeindruckender, menschlicher und liebenswerter Mann. Während meines Studiums und bis zur Priesterweihe habe ich mir natürlich genau überlegt, ob ich diesen Weg wirklich gehen will, auch das Zölibat auf mich nehmen will. Aber Priester zu sein, war und ist mein Weg. Mir geht es gut und ich habe nie bereut, diesen Weg eingeschlagen zu haben.

Was vor allem sind Ihre Aufgaben? Predigen Sie viel?

Haßlberger: Ja, jeden Sonntag und auch werktags öfter. Dazu halte ich die Firmgottesdienste in 65 Pfarreien, selbstverständlich mit Predigt. Die Hälfte der Firmlinge kommt auch zu Besuch auf den Freisinger Domberg. Ich halte da eine kleine Domführung und dann setzen wir uns zu einem Gespräch zusammen. Da können die Firmlinge über Gott und die Welt fragen, vor allem auch persönliche Fragen stellen.

Flüchtlingen zu helfen, gebietet der Glaube

Die Flüchtlingswelle nach Europa und Deutschland beschäftigt zurzeit sehr viele Leute und viele werden den Asylbewerbern gegenüber zunehmend negativer eingestellt. Wie sollte man dem aus christlicher Sicht, auch politisch, begegnen?

Haßlberger: Ich erlebe auch, dass bei uns hier viele Ängste mit den Flüchtlingen verbunden sind. Man darf diese Leute auch nicht in Bausch und Bogen in die rechte Ecke stellen. Mit dem Problem umzugehen ist eine sehr schwierige, nationale und europäische Aufgabe. In unserer Diözese sind gut 1000 Asylbewerber in kirchlichen Gebäuden untergebracht. Auch in Freising wurde nun schon die zweite Turnhalle für Flüchtlinge akquiriert. Es ist aber für uns Christen wichtig, diesen Menschen, vor allem aus den Kriegsgebieten zu helfen. Das gebietet auch unser Glaube. Im Alten Testament zum Beispiel gibt es mehrere Stellen, die sich mit »Fremden« befassen, in dem Sinne »Behandelt die Fremden wie die Bürger – denkt daran, ihr wart selbst Fremde in Ägypten«. Auf jeden Fall ist es ein riesiges Problem, das uns erhalten bleiben wird.

Machen Ihnen die zunehmenden Kirchenaustritte Sorgen?

Haßlberger: Es stimmt, dass die Kirchenaustritte deutlich zunehmen und die Kirchgänger weniger werden. Im südbayerischen Raum trägt allerdings vielerorts noch die Tradition mehr als andernorts in Deutschland. Die Volkskirche, wie sie bis vor etwa 50 Jahren noch Tradition hier war, geht ihrem Ende entgegen. Es wird anders werden. Ich vertraue darauf, dass es weitergeht, auch wenn wir noch nicht wissen, wohin der Weg führt. Auch wenn die Kirchengemeinden und der Gottesdienstbesuch schrumpfen, gibt es doch viele Gruppierungen, die ein reges Leben innerhalb der Kirche entstehen lassen, gerade auch im sozialen Bereich. Viele Katholiken sind sehr engagiert, auch wenn sie sich in der Ortsgemeinde nicht sehen lassen. Das heißt nicht, dass sie kein Interesse an der Kirche haben.

Woran sehen Sie das zum Beispiel?

Haßlberger: Bei den letzten Pfarrgemeinderatswahlen in Bayern gingen viele Pfarrgemeinden dazu über, den Wahlberechtigten die Unterlagen direkt nach Hause zu schicken. Bis zu dem Zeitpunkt lag die durchschnittliche Beteiligung oft nur bei rund fünf oder sechs Prozent. Nach den letzten Wahlen aber mancherorts sogar bei bis zu 50 Prozent. Das heißt, dass durchaus ein Potenzial vorhanden ist. Ich sehe es auch nicht nur negativ, wenn viele Christen sich nur an Ostern oder Weihnachten beim Gottesdienst in der Kirche sehen lassen. Es zeigt, dass noch Interesse vorhanden ist, auch wenn keine so enge Bindung mehr wie in früheren Zeiten zur Pfarrgemeinde besteht.

Die Kirchenaustritte hängen auch damit zusammen, dass die katholische Kirche die traditionellen Strukturen ungeachtet aller Forderungen nach Modernisierung beibehält. Können Sie sich zum Beispiel die Ordinierung von Frauen zum Priesterberuf vorstellen?

Haßlberger: Vorstellen kann ich mir das, aber das ist eine gesamtkirchliche Lehrentscheidung, die gegenwärtig sicher nicht getroffen wird. Die katholische Kirche ist weltumspannend tätig - ein Afrikaner denkt nicht unbedingt wie ein aufgeklärter Westeuropäer.

Wie haben Sie die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche empfunden?

Haßlberger: Die Missbrauchsfälle, die 2010 ans Tageslicht kamen und vor allem das ganze Ausmaß haben mich tief erschüttert. Es ist gut, dass Vieles aufgedeckt worden ist und die Opfer jetzt gehört werden. Nun ist auch die Kirche hellhörig geworden, sodass sie in der Prävention weit besser aufgestellt ist als früher.

Könnte sich in absehbarer Zeit am Zölibat etwas ändern? In der evangelischen Kirche dürfen die Pfarrer heiraten und Familie haben.

Haßlberger: Das Zölibat ist bei vielen immer in Frage gestanden und hat ja nichts mit den Missbrauchsfällen zu tun, die es in so vielen anderen Bereichen, wie zum Beispiel der Familie, auch gibt. Bei einer Ehe von Priestern gibt es dann andere Probleme wie Scheidung, Wiederverheiratung etc. In absehbarer Zeit wird sich am Zölibat wohl nichts ändern, denn nach 800 Jahren Zölibat wäre es schon ein großer Einschnitt. Ich bin froh, dass ich diese Frage nicht entscheiden muss.

Mehr spirituelle Tiefe

Was wünschen Sie sich für die Kirche in Zukunft?

Haßlberger: Ich wünschte, in manchen Gemeinden würde künftig wieder inhaltlich spiritueller gearbeitet. Bei Visitationen spüre ich, dass oft die spirituelle Tiefe fehlt, die uns Glaube und Hoffnung vermitteln lässt. In unseren Gemeinden ist viel los, aber oft mit zu wenig Tiefe. Die Verkündigung von Gottes Wort kommt manchmal zu kurz. Jeder einzelne Priester muss sich natürlich selbst immer wieder seines Glaubens sicher sein, um ihn authentisch zu vermitteln.

Und wie stellen Sie sich persönlich Ihre Zukunft vor? Wenn Sie nicht mehr als Weihbischof arbeiten, werden Sie dann aus Ihrem Haus auf dem Domberg ausziehen und vielleicht nach Ruhpolding zurückgehen?

Haßlberger: Natürlich muss ich meinem Nachfolger das jetzige Domizil überlassen. Ich kann mir vorstellen, in einer Pfarrei, in der man mich braucht, gleichsam als Kaplan zum Beispiel in der Seelsorge mitzuarbeiten. In den Heimatort zurückzugehen, wo man so viele kennt, halte ich eher nicht für sinnvoll. Aber noch ist ja ein bisschen Zeit. Ein Bischof muss ein Jahr bevor er in den Ruhestand geht seinen Rücktritt dem Papst anbieten, welcher auch angenommen wird. Im Alter von 75 halte ich das auch für sehr sinnvoll.