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»Die Saat der Trachtenbewegung ist aufgegangen«

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Den neuen Gaustandarten-Schrank im Rathaus Marquartstein stellten Elisabeth Hobelsberger, eine der Schreinerlehrlinge am Landschulheim, die den Schrank zimmerten, Gauvorstand Miche Huber und Bürgermeister Andreas Scheck (von links) vor. (Foto: Giesen)

Marquartstein – Feierlich beging der Chiemgau-Alpenverband für Tracht und Sitte sein 90. Gründungsjubiläum in sei-nem Gründungsort Marquartstein. Ein beeindruckendes Bild boten die Fahnenabordnungen der 23 angeschlossenen Trachtenvereine beim Gedenkgottesdienst in der Pfarrkirche Zum Kostbaren Blut.


Sie nahmen an den Seiten des Kirchenschiffs Aufstellung, links und rechts vor dem Altar die Standartenträger des Chiemgau-Alpenverbands und der befreundeten Gauverbände Gauverband I, Altbayerisch-Schwäbischer und Inngau-Gauverband. Unter den Besuchern waren auch die Bürgermeister der Nachbarorte sowie der Ehrenvorstand des Bayerischen Trachtenverbands, Otto Dufter.

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Wichtiger Dienst bei Pflege von Heimat und Brauchtum

Pfarrer Andreas Horn beglückwünschte den Chiemgau-Alpenverband. Ausgehend von der neutestamentlichen Geschichte des Zöllners Zachäus, in dessen Haus Jesus einkehrt, würdigte er in seiner Predigt die unverzichtbare Rolle des Brauchtums. Die Trachtenvereine leisteten einen wichtigen Dienst bei der Pflege von Heimat, Sitte, Art und Brauchtum, wozu ebenso die christlichen Bräuche gehörten, so Pfarrer Horn. Sie sollten sich selbst treu bleiben und darauf achten, dass das Echte, Ursprüngliche nicht verloren gehe. Stimmungsvoll umrahmt wurden die Feierlichkeiten von den Alphornbläsern und den Marquartsteiner Weisenbläsern.

Anschließend zog die Festversammlung zum Grab des Gründungsvorstands Matthias Schrobenhauser. Mit dabei waren auch dessen Tochter Anna Massler und die beiden Enkel Annemarie Klarl und Hans Massler. Gauvorstand Miche Huber skizzierte das Leben von Hias Schrobenhauser, der 1889 in Unterwössen geboren, 1959 Gauehrenvorstand wurde und kurz darauf mit 71 Jahren in Marquartstein starb. Er nahm am Ersten Weltkrieg teil und war Zeit seines Lebens als Holzknecht und Jäger eng mit der Heimat verbunden. In jungen Jahren brachte er es als sehr guter Schütze sogar zum Schützenkönig beim Landesschießen auf dem Münchner Oktoberfest.

»Unsere Gründer waren Idealisten und überzeugt von ihren Zielen«, sagte Miche Huber, obwohl in den schwierigen Nachkriegsjahren Wohlstand ein Fremdwort gewesen sei. Er zitierte aus dem ersten Protokollbuch des Gaus: »Die Gründung des Gaus erfolgt nicht aus Eigenbrötelei und kleinlicher Streitsucht, sondern mit der Absicht, die Gebirgs-Trachten-Erhaltungsvereine der Chiemgau-Berge zu sammeln, um mit vereinten Kräften zu arbeiten an der Erhaltung und Pflege Chiemgauer Sitte, Art und Tracht. Der Mensch ist in Art, Sitt' und Tracht, auch wie der Boden, auf dem er wächst, verschieden. So ist der Chiemgau anders wie das Oberland, anders wie das Berchtesgadener Land. In dieser Erkenntnis sammeln sich die Vereine der Chiemgau-Berge und setzen sich zur Aufgabe, in gemeinsamer zielbewusster Arbeit Sitte und Tracht der engeren Heimat zu pflegen und zu erhalten.«

Heutige Trachtler müssen das Erbe weitertragen

Heute wollten die Trachtler denen danken, die ihnen den Weg bereitet hätten, sagte der Gauvorstand. »Die Saat der Trachtenbewegung ist aufgegangen und die Trachtensach' lebt«. Nun sei es Aufgabe der heutigen Trachtler dieses Erbe weiterzutragen, weil es für viele Freude und Orientierung bedeute. Ihre Arbeit sei ein Bei-trag, die Heimat so einzigartig und unverwechselbar zu er-halten.

Beim anschließenden Empfang im Rathaus wurde im Foyer zum ersten Mal der neue Schrank für die Gau-Standarte vorgestellt. Es ist ein Schrank aus Eichenvollholz mit großer Glasscheibe und LED-Beleuchtung mit Zeitschaltuhr, sodass die Besucher des Rathauses die wertvolle Standarte des Chiemgau-Alpenverbands jederzeit sehen können.

Gezimmert wurde er unter Anleitung von Schreinermeister Miche Huber von den Schreinerlehrlingen des Staatlichen Landschulheims. Während ihrer Gymnasialzeit machen sie in der schuleigenen Schreinerei fünf Jahre lang eine Schreinerlehre, sodass sie gleichzeitig mit dem Abitur auch den Gesellenbrief in der Tasche haben. Eine der Lehrlinge, Elisabeth Hobelsberger aus Aschau, selbst engagierte Trachtlerin, hatte am meisten an der Verwirklichung dieses Schulprojekts mitgearbeitet und erklärte den Festgästen, wie der Schrank entstanden war.

Standartenschrank macht Gründungsort sichtbar

Bürgermeister Andreas Scheck freute sich in seiner Ansprache, dass der neue Standartenschrank nun auch nach außen hin deutlicher sichtbar mache, dass Marquartstein der Gründungsort des Chiemgau-Alpenverbands ist. Darauf könne der Ort stolz sein. Er ging auf die unterschiedlichen gesellschaftlichen und politi-schen Hintergründe bei der Verbandsgründung vor 90 Jahren und heute ein. Nach dem verlorenen Weltkrieg, Massenarbeitslosigkeit und Geldentwertung machten sich die Leute damals selbst ehrenamtlich auf, um etwas Beständiges zu schaffen und ihre Heimat und ihre Identität zu bewahren.

Heute, in Zeiten der Globalisierung, weltweiter Mobilität und steigender Anonymität, gehe es zwar vielen Menschen wirtschaftlich sehr gut, aber sie suchten nach wie vor nach etwas Beständigem, so der Bürgermeister. Die Zielsetzung des Chiemgau-Alpenverbands sei auch 90 Jahre nach der Gründung noch absolut aktuell. Deshalb gelte den damaligen Gründern für ihr Engagement und ihren Weitblick allergrößter Respekt. Nach dem Empfang im Rathaus folgte der Gau-Trachtenball im Heftersaal in Grassau (wir berichten gesondert). gi