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Die richtige Strategie im Überlebenskampf der Bauern

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Bayerns Landwirtschaftsminister Helmut Brunner und die Landesvorsitzende der Grünen, Sigi Hagl, waren zu Gast bei der »Jetzt-red-i«-Sendung aus dem Bergener Festsaal. (Foto: Effner)

Bergen – Ein Ende der Talfahrt des Milchpreises ist derzeit nicht in Sicht. Immer mehr Milchbauern geraten deshalb in Existenznöte. In seiner Sendung »Jetzt red i« griff der Bayerische Rundfunk das Thema in einer Liveübertragung aus Bergen auf. Das Motto: »Vom Aussterben bedroht – Bayerns Bauern kämpfen ums Überleben«. Zusammen mit rund 100 Zuhörern diskutierten im Bergener Festsaal die beiden Moderatoren Tilman Schöberl und Franziska Storz mit Bayerns Landwirtschaftsminister Helmut Brunner und der Landesvorsitzenden der Grünen, Sigi Hagl.


Glückliche Kühe auf grünen Weiden vor idyllischer Bergkulisse, »damit könnte es bald vorbei sein«, umriss Schöberl eingangs die Situation. Anfang Mai senkten viele Discounter die Preise für Milch nochmals um fast 25 Prozent. Die ist damit mancherorts bereits billiger als Mineralwasser. Erstmals ist der Preis, den manche Molkereien den Landwirten zahlen, unter 20 Cent pro Liter gerutscht – bei Produktionskosten von rund 49 Prozent.

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Fünf Euro Stundenlohn

Wie die Situation der 40 000 Milcherzeuger im Freistaat konkret aussieht, umriss ein Filmbeitrag des Milchbauern Franz Parzinger. Er betreibt in Seeon einen Hof mit 100 Kühen. Bei einem aktuellen Milchpreis seiner Molkerei von 27 Cent produziert er umgerechnet für einen Stundenlohn von fünf Euro – nach Abzug der Sozialabgaben. Sohn Markus erklärte dazu in der Sendung: »Wir haben aktuell keine großen Investitionen, aber nach spätestens zwei Jahren sind alle Reserven aufgebraucht. Es muss schnell etwas passieren, damit wir aus dem Preistief kommen.«

Elisabeth Aschauer wies ganz klar der Politik die Schuld für die Misere zu. Die Reduzierung der Milchmenge müsse EU-weit durchgesetzt werden und durch Prämien ein Anreiz geschaffen werden. Die entsprechenden Monitoringstellen zur Umsetzung gebe es bereits.

»Eigenverantwortung der Erzeuger und Molkereien«

Landwirtschaftsminister Helmut Brunner hielt dagegen, dass es trotz Quote bereits 2008/2009 zu einer Milchkrise infolge des Preisverfalls durch Überproduktion gekommen sei. Neben einem Paket aus schnellwirksamen Soforthilfen für Milchbauern und dem möglichen Export von Milchprodukten in Krisenregionen appellierte Brunner an die »Eigenverantwortung der Erzeuger und Molkereien für die Mengenregulierung«. Wie dies funktionieren kann, machte ein Milchbauer am Beispiel der Molkerei in Piding deutlich.

Kreisbäuerin Resi Schmidhuber plädierte für eine stärkere kartellrechtliche Kontrolle, um die Preisabsprachen marktbeherrschender Discounter bei skandalös niedrigen Lebensmittelpreisen zu unterbinden. Ernst Länger, Präsident des Handelsverbands Bayern, erklärte dazu, dass die Preisabsprache innerhalb der Branche ein Vorurteil seien. Der Wettbewerb sei hoch. Das Problem liege eher darin, dass die Deutschen vergleichsweise wenig Geld für Lebensmittel ausgeben. Der Jahresverbrauch an Milchprodukten pro Bundesbürger von 94 Kilogramm sei auch durch ein noch breiteres Produktsortiment der Molkereien nicht ohne Weiteres zu steigern. Grünen-Landesvorsitzende Sigi Hagl hielt dem Einzelhandel eine ethische Verpflichtung bei der Preisgestaltung hochwertiger Lebensmittel entgegen: »Wenn Milch billiger ist als Wasser, stimmt was nicht.«

Beim Dorfladen in Hammer funktioniert's

Klaus Ober brachte die Möglichkeiten der Verbraucher ins Spiel. In dem auf eine Bürgerinitiative hin gegründeten Dorfladen in Hammer werde die Flasche Milch für 1,29 Euro verkauft. Dass dies kein Draufzahlgeschäft ist, beweise die schwarze Null nach drei Jahren engagierter Aufbauarbeit und Bürgerunterstützung. Hanna Dufter, Biobäuerin aus Hammer, äußerte dagegen ihr Unverständnis, dass Feriengäste lieber billige Milch vom Discounter als die eigene Frischmilch vom Hof trinken würden. Dazu passend präsentierte Moderatorin Franziska Storz das Ergebnis einer BR-Umfrage in den sozialen Medien. Demnach wären die Zuhörer bereit, einen Durchschnittspreis von 1,50 Euro pro Liter Milch zu bezahlen, bei Ausschlägen zwischen 70 Cent und zwei Euro. Die Hervorhebung regionaler Qualitätsprodukte könnte sich stabilisierend auf den Milchpreis auswirken, warf ein Zuschauer überzeugt in die Diskussion ein.

Selbstversorgungsgrad von 174 Prozent

Zum Thema Export erläuterte Landwirtschaftsminister Brunner, dass der Selbstversorgungsgrad in Bayern in punkto Milch bei 174 Prozent liege. Der Exportanteil umfasse neun Milliarden Euro. Ein Ausweg aus den derzeitigen Umsatzeinbußen in Märkten wie Russland und China könnte die stärkere Hervorhebung von Premiumprodukten sein.

Eine weitere Zuhörerin führte ins Feld, dass eine Unterstützung der Landwirte nicht nur wegen der Milchpreismisere, sondern auch aus Gründen der Landschaftspflege essentiell sei. Minister Brunner verwies auf das 200 Millionen Euro schwere flächendeckende Förderprogramm zur Kulturlandschaftspflege. Angesichts der vier Milliarden Euro Umsatzeinbußen bei Bayerns Bauern in den letzten eineinhalb Jahren sah die Grünen-Landesvorsitzende Sigi Hagl die Politik in der Pflicht, bewährte Förderungen nicht auslaufen zu lassen, sondern aufzustocken. »Wir müssen alles dafür tun, dass die Kleinstrukturen unserer bäuerlichen Landwirtschaft in Bayern erhalten bleiben.« ae