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Die Natur als Lieblingsspielplatz

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Einfach nur herumsitzen? Das tat Rudolf Linner nur in der Zinkwanne. Er und seine Freunde trieben sich vor allem in den Sommerferien den ganzen Tag auf den Wiesen und in den Wäldern rund um Dachau herum.
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Grassau – Spielgeräte waren Mangelware in der Kindheit von Rudolf Linner. Da blieb ihm und seinen Freunden gar nichts anderes übrig, als sich selber Spiele auszudenken. Ihr Lieblingspielplatz war die Natur. Der pensionierte Kriminalbeamte, der 1939 in Dachau auf die Welt kam und seit über 20 Jahren im Achental lebt, erinnert sich.


Am Leitenberg, einem Berg, der hauptsächlich aus Sand bestand, tobten sich Rudolf Linner und seine Freunde in den Ferien regelmäßig aus. Für sie war es ein herrliches Spiel, von oben in den lockeren Sand zu springen. Dabei entwickelten sich regelrechte Wettbewerbe: Wer von einem festgelegten Platz aus am weitesten nach unten sprang, der gewann. »Das Gefühl, völlig frei einige Meter nach unten durch die Luft zu springen, dieses Prickeln in der Bauchgegend, kann ich bei entsprechender Konzentration noch heute nachempfinden«, sagt der 76-Jährige.

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Ganze Tage vertrieben sich die Kinder mit diesem Spiel. »Wir versäumten nicht viel dabei, weil es selten geregelte Mahlzeiten gab«, denkt der Pensionist zurück. Die Erwachsenen hätten auch nicht immer wissen wollen, was die Kinder trieben. »Kein Erwachsener hielt uns ständig vor: 'Du darfst dies und das nicht tun, das ist gefährlich.« Rudolf Linner glaubt auch den Grund dafür zu kennen: »Sie selbst waren doch mehr mit den Bedingungen zum Überleben beschäftigt.«

Wahrscheinlich war es ganz gut, dass die Eltern nicht alles mitbekamen, was der Nachwuchs so trieb. »Unsere Spiele waren nicht immer ganz harmlos. Aus meiner heutigen Sicht betrachtet, waren sie mitunter schon gefährlich.« Fast magisch angezogen fühlten sich Rudolf Linner und seine »Spezln« von einer alten Holzdreschmaschine, die am Lagerhaus in Etzenhausen stand. »Wir kletterten auf und in der geräumigen Dreschmaschine herum, immer auf der Hut, nicht von einem Lagerarbeiter erwischt zu werden.« Immer stand einer der Buben Wache, um die anderen rechtzeitig zu warnen, falls ein Lagerarbeiter gekommen wäre.

Gruselige Geschichten von Wassergeistern

»Wir waren eben immer unterwegs«, erinnert sich der Grassauer. »Mitunter waren wir 15 oder gar 20 Kinder, wenn wir uns zum Spielen trafen.« Gerne hielt sich die Kinderschar auf den Wiesen vor der Amper auf. Dort gab es auch ein Altwasser, das am Rand mit Schilf bewachsen war. »Für uns waren solche Plätze sehr geheimnisvoll«, erinnert sich Linner. Besonders die Mädchen seien immer mit Geschichten dahergekommen, in denen Wassergeister und grüne Nixen eine Rolle gespielt hätten.

»Am meisten gruselten sie sich selbst, wenn sie davon erzählten«, erinnert sich der Grassauer. Die Buben wollten natürlich besonders mutig erscheinen und lachten nur über solche Geschichten. »Wenn es jedoch dämmrig wurde, wollte keiner von uns 'Helden' mehr in der Nähe des Altwassers spielen.«

Zahlreich und vielgestaltig seien die Spiele seiner Kindheit gewesen, erklärt der einstige Kriminalbeamte. »Fangamandl«, »Verstecken«, »Dritten abschlagen«, »Schlangenreißen«, »Völkerball«, »Räuber und Schandi«, »Blinde Kuh«, »Rosengarten« spielten die Kinder regelmäßig.

Und sie waren auch erfinderisch bei ihren Spielgeräten. Ein Spiel, das vor allem bei den Mädchen sehr beliebt war, war das »Reifentreiben«. Dafür hatten sich die Kinder eine alte Fahrradfelge »organisiert – meist bei einem Schrotthändler durch den hinteren Eingang, ohne dessen Wissen«. Die Felge trieben die Kinder dann vor sich her. »Dabei mussten bestimmte Strecken oder Figuren mit dem Reifen bewältigt werden, ohne dass dieser außer Kontrolle geriet.«

Die Felge trieben die Kinder mit einem etwa 30 Zentimeter langen Stock an, der an einem Ende abgerundet war. »Mit dem abgerundeten Ende führte man den Reifen im Felgenbett, sodass man nicht immer mit Schlägen antreiben musste, was beim Figurenfahren sehr von Vorteil war.« Auch dieses Spiel beschäftigte die Buben und Mädchen oft stundenlang.

Ein einschneidendes Erlebnis in der Kindheit von Rudolf Linner hat auch mit der NS-Vergangenheit seiner Heimatstadt zu tun. Das große »Militärlager« in der Nähe des Etzenhausener Waldes weckte früh die Neugier der Dachauer Kinder. Wenn die Erwachsenen sich unterhielten, schnappten die Buben und Mädchen Aussagen auf wie »streng bewacht«, »SS-Leute mit scharfen Hunden« und »schießen sofort, wenn man näher kommt«.

»Wir sahen abgemagerte Menschen«

Eines Tages schlichen sich die Kinder an das Lagergleis heran. Auf den Schienen in Richtung Lager stand ein Güterzug, und bei einigen Waggons standen die Türen offen. »Wir sahen darin abgemagerte Menschen, die erbärmlich aussahen«, erinnert sich Rudolf Linner. Wachsoldaten gingen mit Hunden neben dem Zug auf und ab.

Ein Stück von den Kindern entfernt trat plötzlich eine Frau an den Drahtzaun und schlüpfte durch ein Loch ins Lager. Sie hielt einen Brotlaib in den Händen, den sie, als sie an die Waggons kam, einem völlig abgemagerten Mann gab. »In dem Moment kam ein Wachsoldat mit einem Hund angelaufen. Den Hund hetzte er auf den dünnen Mann. Er selbst riss das Gewehr von der Schulter, legte an und schoss auf die Frau, die zu Boden stürzte«, erinnert sich der Pensionist.

Der Hund verbiss sich in den Mann, die Frau rührte sich nicht mehr. »Zwei andere Wachsoldaten kamen dann angelaufen, fassten die Frau an den Füßen und schleiften sie den Bahndamm entlang.« Wohin, das konnten die Kinder nicht mehr sehen. Auch was mit dem dünnen Mann geschah, bekamen sie nicht mehr mit. Dafür sahen sie, wie der Wachsoldat, der auf die Frau geschossen hatte, mit beiden Füßen auf dem zu Boden gefallenen Brot herumtrampelte. Die Kinder bekamen Angst und schlichen schnell davon.

Am nächsten Tag sprach sich in Dachau herum, dass eine Frau von der SS erschossen worden ist, weil sie verbotenerweise in das Sperrgebiet eingedrungen war. »Dies war das erste Mal in meinem Leben, dass ich gesehen habe, wie ein Mensch getötet worden ist«, sagt Rudolf Linner.

Er hat seine Kindheitserinnerungen in dem Buch »Eine Kindheit in Dachau« zusammengefasst; es ist im Juli im Noel-Verlag erschienen. san

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