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Die »Magermilchbande« von der Salzburger Straße

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Ringelreihe tanzen gehörte zu den Beschäftigungen, mit denen sich die Kinder an der Salzburger Straße die Zeit vertrieben. »Wir mussten uns alle so drehen, dass man unsere Gesichter sieht, hat mein Vater zu uns gesagt, als er dieses Bild aufnahm«, erinnert sich Georgine Rolke (Zweite von rechts).
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Traunstein – Georgine Rolke wuchs in Traunstein auf, genauer gesagt an der Salzburger Straße. Für unsere Sommerserie »Ferien anno dazumal« erinnert sie sich an die Sommerferien 1945 nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.


»Der Krieg war seit Mai zu Ende. Über Deutschland hing ein großes Fragezeichen. Doch davon merkten wir Kinder wenig. Es gab keinen Fliegeralarm mehr und auch keinen Unterricht. Wir genossen es, die Tage mit Spielen zu verbringen«, schreibt sie. In der Siedlung an der Salzburger Straße war die Kinderschar beträchtlich angewachsen, denn in den meisten Häusern wurden jetzt Flüchtlingsfamilien und 'Ausgebombte' aus den Großstädten einquartiert. »Da wir schon während der letzten Kriegsjahre landverschickte Kinder aufgenommen hatten, gab es keine Probleme mit dem Dialekt.«

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Der Hunger war allgegenwärtig

Der allgegenwärtige Hunger ließ die Kinder gemeinsam auf Nahrungssuche gehen. Sie suchten Beeren und aßen Sauerampfer. »Nie werde ich den bitteren Geschmack hellgrüner Fichtenknospen vergessen oder den der unreifen Rüben eines nahen Feldes.« Es gab zwar Lebensmittel auf Marken zu kaufen, aber viel zu wenig für die hungrigen Mägen. Pro Person gab es einen Wecken Brot pro Woche. »Ich war mit dem meinen am Mittwoch schon fertig und hielt mich bis zum Wochenende an meine Mutter.«

Die Militärregierung verbot größere Streifzüge außerhalb der Stadt, aber die Kinder kümmerte das wenig. »An einem schönen Sommertag wagten wir uns bis zum Klobenstein. Gemütlich saßen wir auf dem Felsen, als wir Motoren und Stimmen vernahmen. Wir wussten nicht, dass unsere amerikanischen Besatzungsfreunde immer noch versprengte SS-Soldaten suchten. Dann hörten wir Schritte und starrten in das tiefschwarze Gesicht eines US-Soldaten, der ein Messer in der Hand hielt und sich drohend umsah. Als er nur ängstliche Kinder erblickte, machte er kehrt. Wir trauten uns noch lange nicht, den Klobenstein zu verlassen, liefen aber dann schnell nach Hause.«

Die Soldaten waren freundlich zu Kindern, »und mein erstes Stück Schokolade stammte von einem Amerikaner, der unser Häuschen nach Waffen durchsuchte. Als er an der Wand das mit einem Trauerband versehene Bild meines Vaters sah, schüttelte er den Kopf und ging«, erinnert sich Georgine Rolke.

Eine Stunde lang wanderten die Kinder täglich zu einem Hof, auf dem es Magermilch gab. Unterwegs baten sie an Bauernhöfen um Brot oder suchten nach Fallobst. »Wirklich freundlich war aber nur unsere Milchbäuerin, die 'Bacherin vom Bach' südlich von Buchfelln. Noch oft erinnere ich mich an die seligen Momente, wenn aus der Zentrifuge Schaum strömte, der aussah wie Sahne. Schnell hielten wir unsere Milchkannendeckel hin, denn jedes Kind bekam nur einen Schöpflöffel voll. Die Köstlichkeit musste ganz schnell geschleckt werden, bevor sie zu einem wässrigen Nichts zerfiel. Wir waren also schon eine 'Magermilchbande', lange bevor ein gleichnamiger Film gedreht wurde.«

Völkerball auf der Landstraße gespielt

Auf dem Heimweg erzählten sie sich am liebsten Gruselgeschichten. »Wir langweilten uns nie! Am liebsten spielten wir Völkerball auf der Landstraße. Es fuhren ja kaum Autos. Überhaupt betrieben wir Sport, soweit es möglich war. Wir turnten sehr gerne. Die Teppichstange war das Reck und die Wiese eignete sich vorzüglich für Handstand und Rad.«

Als die Nachbarkinder Schafe hüten mussten, gingen die anderen mit. Im Gras sitzend wurde vorgelesen oder ein älterer Bub erzählte aus Filmen. Beim »Baumkraxeln« hatte jedes Kind einen eigenen Baum, den kein anderes besteigen durfte. Gerne spielten die Kinder auch Theater, »natürlich mit eigenen Texten! Dazu luden wir die Erwachsenen ein. Wenn uns gar nichts mehr einfiel, kam Singen dran. Wir Mädchen hatten schöne Stimmen und wir konnten viele Lieder mit allen Strophen. Da öffneten die Nachbarn ihre Fenster und hörten zu.«

Der Sommer neigte sich dem Ende zu. Schulbeginn war zwar erst im Oktober möglich, aber alle Schulkinder konnten sich eine Schulspeisung holen. Nun ließen sich täglich viele hungrige Kinder Haferflockenbrei oder Erbsensuppe in ihre Töpfchen füllen. »Im Oktober – ich war neun Jahre alt – sollte ich zum Unterricht ins Amtsgericht gehen. Die Schulhäuser waren noch mit Kriegsverletzten belegt. Da ich keine Ahnung hatte, wo das war, ging ich wieder heim, was niemandem aufgefallen ist.«

»Wenn man flink war, bekam man Hefte«

Es fehlte an allem. »Wenn man flink war, bekam man beim Unterforsthuber Hefte. Diese waren wie Löschpapier und man fabrizierte unleserliche Gebilde. Bleistifte brachen sofort und Federn spalteten sich auf dem rauen Papier. Die in den Tischen eingelassenen Tintenfässer waren ständig verschmutzt, was den Lausbuben zuzuschreiben war, die sich im Wechsel mit uns Mädchen den Raum teilten.«

Wieder kamen fremde Kinder in die Klassen. »Sie waren noch viel ärmer als wir, mussten sie doch ihre Heimat verlassen, um hier einen Neuanfang zu suchen. Sie waren scheu und von schlimmen Erlebnissen geprägt, aber schon bald waren sie in die Klassengemeinschaft aufgenommen«, schreibt Georgine Rolke.

»Der Winter 1946 war sehr, sehr kalt und zum Heizen gab es nur kleine Kohlenzuteilungen. Unsere Mutter verheizte zwei alte Bauernschränke aus ihrer Kinderzeit, was wir einige Jahre später sehr bedauerten. Ein schöner Sommer begann schließlich und mit ihm ein ganz besonderes Erlebnis für die Familie: »Unsere Mutter nahm einen zwei Monate alten Buben in Pflege. Ein Besatzungskind, wie man jene Babys damals nannte. Sie gingen aus Beziehungen amerikanischer Soldaten mit den deutschen 'Froleins' hervor. Unser sofort geliebter Kleiner hieß Charly und von ihm zu erzählen, das wäre eine ganz eigene Geschichte wert.«

»Ferien anno dazumal« heißt die Sommerserie des Traunsteiner Tagblatts, mit der die Redaktion ihre Leser während der bayerischen Schulferien unterhalten möchte. So ist die ältere Generation dazu aufgerufen, sich an ihre Kindheit zu erinnern. Wenn auch Sie gerne über Ihre Ferienerlebnisse berichten wollen, schicken Sie doch ein Foto aus Ihrer Kindheit und ein paar Erinnerungen an das Traunsteiner Tagblatt, Lokalredaktion, Marienstraße 12, 83278 Traunstein oder per Mail an lokales@traunsteiner-tagblatt.de.

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