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»Die Konfessionen gibt's im Himmel nicht mehr«

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Mit einem lachenden und einem weinenden Auge verabschiedet sich der evangelische Pfarrer Sebastian Stahl im September aus Traunstein. Zum 1. Oktober tritt er seine neue Stelle in Kaufbeuren/Neugablonz an. (Foto: Hohler)

Traunstein. »Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge«, sagt der geschäftsführende Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Chieming – Traunstein – Waging, Sebastian Stahl. Zum 1. Oktober tritt der 41-Jährige seine neue Pfarrstelle an der Christuskirche in Kaufbeuren/Neugablonz an. »Meine Familie und ich müssen hier viel Liebgewonnenes loslassen, aber wir halten Kontakt!«


Familiäre Situation gab den Ausschlag

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Die Entscheidung sei ihm nicht leicht gefallen, liege aber vor allem an der familiären Situation. Denn zu jeder Pfarrstelle gehöre auch eine Wohnung. Und die derzeitige Wohnung sei für eine sechsköpfige Familie nicht nur sehr klein, sondern werde mitsamt dem ganzen Mehrfamilienhaus verkauft, weil das für die evangelische Kirchengemeinde nicht wirtschaftlich zu betreiben sei.

»Wir hätten also sowieso umziehen müssen, aber damit hätten wir uns nochmal für sechs bis acht Jahre verpflichten müssen.« Weil aber evangelische Pfarrer nach 15 Jahren ohnehin den Ort wechseln sollen, hätten sich die Kinder dann in knapp acht Jahren an eine neue Umgebung gewöhnen müssen – »das wäre für mindestens zwei Kinder sehr schwierig.« Tochter Rebekka ist jetzt elf, Katharina neun, Sohn Christoph sieben und Nesthäkchen Mirjam fünf Jahre alt. »Der Wechsel passt jetzt einfach besser.«

Dass er Pfarrer werden würde, wusste er schon mit 14. Geboren in Würzburg als Sohn einer katholischen Französin und eines evangelischen Lehrers wuchs er zweisprachig auf – das kommt ihm in Traunstein bei der Arbeit mit den Asylbewerbern zugute. Noch als Kleinkind zog er mit den Eltern nach Scheinfeld. Dort war er befreundet mit den drei Buben des evangelischen Pfarrers, »ich bin da täglich ein- und ausgegangen, ich war da wie daheim.« Eine der nettesten Kindheitserinnerungen war die Kurzhaarfrisur, die der Pfarrer nicht nur seinen Söhnen, sondern auch Sebastian Stahl immer wieder verpasste – »und die mir bis heute geblieben ist«, sagt er und lacht.

Diese selbstverständliche Nähe zur Kirche war es, die in ihm den Wunsch bestärkte, Pfarrer zu werden. »Wir hatten viele Pfarrer und Bauern in der Familie, mein Großonkel war der erste Dekan der Traunsteiner Auferstehungskirche, Fritz Kelber, an den sich viele ältere Traunsteiner noch erinnern.« Er erinnere sich noch genau, wie er eines Abends seinen Eltern beim Abendessen seinen Berufswunsch eröffnete. »Die fanden das super und haben mich immer unterstützt.«

Ökumene ist etwas ganz Selbstverständliches

Ökumene ist für ihn seit Kindertagen also nichts explizit erstrebenswertes, sondern etwas ganz Selbstverständliches: »Bei uns daheim war schon immer Ökumene.« Die habe er auch in Traunstein erlebt. Es habe eine wunderbare Zusammenarbeit gerade auch mit den beiden katholischen Mitarbeiterinnen Edith Heindl und Barbara Burghartswieser gegeben. »Es geht nicht um konfessionelle Verschiedenheit, sondern um den großen Einen, der uns auch mit den anderen Religionen verbindet. Konfessionen sind etwas rein weltliches, die gibt's im Himmel nimmer. Da gibt's auch nur noch eine Religion.«

Im Rahmen seines Studiums lernte er in Neuendettelsau seine Frau kennen, die ebenfalls evangelische Theologie studierte. »Ich hatte schon ein Zimmer in Hamburg, aber das wäre doch zu weit weg gewesen, drum hab ich dann in Heidelberg weiter studiert.« 1998 heirateten die beiden.

Sein Lehrvikariat absolvierte er von 2001 bis 2003 in Garching bei München. »Mein Lehrpfarrer Rainer Kobilke hat mich sehr geprägt. Er ist älter als mein Vater, trotzdem ist er bis heute einer meiner besten Freunde. Er hat auch meine Kinder getauft.« Von 2003 bis 2008 lebte die Familie in Freising, wo seine Frau bereits als Pfarrerin zur Anstellung arbeitete. Auch er wurde dort Pfarrer zur Anstellung und war zuständig für ein neues Gemeindezentrum mit Schwerpunkt Kinder- und Familienarbeit. »Das war eine ganz tolle Zeit, auch dorthin haben wir bis heute beste Verbindungen. Die Freisinger kommen auch mit einem ganzen Bus zu meinem letzten regulären Gottesdienst in Traunstein am 28. Juli.«

Nach Traunstein zog es die Familie 2008, weil Stahl eine große Aufgabe wollte. »Die Stelle war frei und hat mich sehr gereizt, zumal ich ja nach Traunstein schon immer Verbindungen hatte. Der 'saure Apfel' an der Stelle war halt die Wohnung, die eben doch viel zu eng ist, das ist auf Dauer einfach keine schöne Situation«.

Eine Zeit mit ganz vielen wunderbaren Menschen

Die Zeit in Traunstein »war eine sehr gute und lehrreiche Zeit mit Höhen und Tiefen, und vor allem mit ganz vielen wunderbaren Menschen, auch über die Kirchengemeinde hinaus. Ich bereue meine Fehler nicht, ich hab sie machen müssen, um daraus zu lernen«, sagt er freimütig. Vor zwei Jahren hat er angefangen, jeden Tag zweimal eine halbe Stunde zu meditieren, »das hat mir sehr viel inneren Frieden und Gelassenheit gegeben. Das Schöne ist, das kann jeder in sich selbst finden.«

»Ganz wichtig und intensiv war das letzte Jahr mit den Asylbewerbern. Am meisten freut mich daran, was die Traunsteiner daraus gemacht haben, wie sie Anteil nehmen. Als ich das Café International gestartet habe, hätte ich nie gedacht, dass das so gut angenommen wird. Aber ich weiß, dass das auch ohne mich gut weitergehen wird.« Man müsse auch loslassen können und demütig und bescheiden sein. »Ich glaub, erst wenn man aufzuhört zu versuchen, ein Jemand zu sein, erst dann ist Glück und Frieden in einem selbst möglich.«

Das neue Pfarrhaus ist groß genug und hat einen Garten

Auf die Stelle in Kaufbeuren habe er sich aus den anfangs genannten Gründen beworben, »und weil sie gerade frei war. Die Seelsorge steht dort im Mittelpunkt und das Team bescheinigt sich gegenseitig eine ausgezeichnete Kollegialität. Die machen einen ganz lieben Eindruck. Reizvoll finde ich auch, dass die Hälfte der Kirchengemeinde aus Aussiedlern besteht. « Und das Pfarrhaus ist groß genug für eine sechsköpfige Familie – und hat einen Garten. »Kaufbeuren ist eine tolle Stadt, hat eine Musikschule und ist nahe genug an München. Ich liebe München, ab und zu brauche ich einen München-Tag. Und radltechnisch ist das Allgäu genauso attraktiv wie der Chiemgau.«

Zusammen mit seiner Familie verabschiedet sich Pfarrer Stahl am Sonntag, 28. September, um 10 Uhr mit einem Gottesdienst in der Auferstehungskirche von Traunstein. Im Anschluss findet im großen Saal ein Empfang statt, zu dem jeder willkommen ist. coho