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»Die Kinder haben innere Probleme und sind keine Monster«

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Aus der Pension Waldesruh in Wattenham soll eine intensivpädagogische Einrichtung werden, in der sieben Kinder mit besonderem Förderbedarf eine vorübergehende Heimat finden sollen. (Foto: Rasch)

Seeon-Seebruck. Dass die viel gepriesene Bürgernähe, die Bürger bei sensiblen Themen wie der in Wattenham geplanten, sogenannten intensivpädagogischen Wohngruppe im Vorfeld zu informieren fruchten kann, zeichnete sich bei einer Informationsversammlung durch die Gemeinde Seeon-Seebruck im Café-Bistro Leuchtenberg in Seeon ab (wir berichteten). In der heftig geführten Diskussion ließen sich die »Stammtisch«-Spekulationen, dass es sich bei den Bewohnern um dissoziale Jugendliche handle, ausräumen. Eine Versammlungsstätte mit Saal wäre aufgrund des großen Interesses allerdings von Vorteil gewesen.


Vorhaben bereitete vielen Bauchschmerzen

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Das Vorhaben der Evangelischen Kinder- und Jugendhilfe der Inneren Mission München, in der Pension Waldesruh in Wattenham eine Wohngruppe für Kinder mit gestörtem Sozialverhalten einzurichten, bereitete den Wattenhamern heftige Bauchschmerzen. Den Bewohnern war zu Ohren gekommen, dass die Diakonie die Pension, am Waldrand des idyllischen Ortes gelegen, erwerben und für ihre Zwecke nutzen möchte. Durch Gespräche, die sie ihren Angaben nach am Stammtisch aufgeschnappt hatten, gingen die Bewohner davon aus, dass es sich bei der Wohngruppe um dissoziale Jugendliche handeln soll.

»Es war immer die Rede davon, dass es sich dabei um Jugendliche handelt, die nicht mehr therapierbar sind«, sagte Herbert Hofer dem Traunsteiner Tagblatt. Diese Spekulationen hätten die Ängste der Wattenhamer geschürt, zumal nicht auszuschließen sei, dass von den Jugendlichen auch eine Gefahr ausgehen könnte. Das kleine 100-Seelen-Dorf wäre für eine solche Einrichtung der falsche Ort. Um keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen, betonte er ausdrücklich: »Wir haben grundsätzlich nichts gegen kranke oder behinderte Kinder, wir Wattenhamer sind bekanntlich sehr sozial eingestellt.«

Dass die Einrichtung grundsätzlich nicht zu verhindern ist, war den Kritikern von vorneherein klar. Sie vertraten jedoch die Ansicht, die Gemeinde verharmlose die Situation und es werde über ihre Köpfe hinweg entschieden. Die Aussagen der anwesenden Vertreter der Diakonie, dass in dem Wohnheim keine Jugendlichen bis 18 Jahren sondern Kinder zwischen 8 und 14 Jahren betreut werden, trugen zur Beruhigung mit bei. »Wir können es nicht verhindern und nur versuchen, mit der Situation klar zu kommen«, sagte Helmut Eder. Am besten gehe es immer noch miteinander und nicht gegeneinander, mit einer starken Dorfgemeinschaft und einem starken Sozialgefüge.

Zweistündige, kontrovers geführte Diskussion

Diesem Schlusssatz, dem der Diskussionsführer und Zweite Bürgermeister der Gemeinde Seeon-Seebruck, Hans Huber, nichts mehr hinzuzufügen hatte, war allerdings eine sehr kontroverse, rund zweistündige Diskussion mit Zwischenrufen vorausgegangen. Die Gemeinde würde alles »schwachreden« und es seien nur »Schönredner« zu der Informationsveranstaltung eingeladen worden, warfen Besucher in die Diskussion.

Die Kritik flachte aber zusehends ab, nachdem sich die Verantwortlichen der Diakonie deutlich zu dem Vorhaben in Wattenham geäußert und Vertreter der Heilpädagogischen Wohngruppe Sinzinger Hof in der Gemeinde Schnaitsee ihre Erfahrungen geschildert hatten. Wie den Aussagen zu entnehmen war, seien im Sinzinger Hof keinerlei Auffälligkeiten zu beobachten. Dies unterstrichen auch Hermann Soiderer von der Polizeiinspektion Trostberg und der Schnaitseer Bürgermeister Vitus Pichler. Die Bewohner würden im gleichen Schulbus fahren, wie die anderen Kinder in der Gemeinde auch, und nach Beobachtungen eines Nachbarn habe es in all den Jahren – die Wohngruppe besteht seit 2008 – »nix geb´n.«

Der Hausmeister im Sinzinger Hof gab den Wattenhamern mit auf den Weg, die Kinder zu integrieren. »Diese Kinder haben innere Probleme und sind keine Monster.« Auch der Behinderten- und Seniorenbeauftragte der Gemeinde Seeon-Seebruck, Alfred Eiblmaier, appellierte daran, den Kindern eine Chance einzuräumen. »Die Kinder brauchen dringend Ihre Stütze und nicht nur Ihre Ablehnung«, forderte Eiblmaier. Passieren könne immer was, sagte Diakon Georg Oberloher. Die Kinder hätten aber genauso eine Chance verdient, wie jeder andere.

Bürgermeister appellierte an Verantwortungsbewusstsein

Auf der Grundlage des Sankt-Florians-Prinzips – »Überall passt´s hin, nur bei uns nicht« – appellierte auch Bürgermeister Konrad Glück an das Verantwortungsbewusstsein. Glück hatte zu Beginn die Situation aus Sicht der Gemeinde geschildert. Die Innere Mission habe in der Gemeindeverwaltung eine Nutzungsänderung für das Haus Waldesruh zur Einrichtung einer intensivpädagogischen Wohngruppe beantragt. Daraufhin habe sich der Gemeinderat vom Sinzinger Hof ein entsprechendes Bild gemacht und den Bauantrag zunächst mit 6:3 Stimmen abgelehnt, um Zeit für eine Informationsversammlung zu gewinnen. Glück nannte die Einrichtungen der Lebenshilfe in der Gemeinde als Beispiel; diese seien auch nicht gleich auf Begeisterung gestoßen. »Heute gehören die Leute zu uns.«

Bei den Neubürgern, die voraussichtlich Mitte des Jahres einziehen werden und dort eine vorübergehende Bleibe erhalten sollen mit dem Ziel, ihre Heimat wieder zu Hause zu finden, handelt es sich um Kinder mit einem intensiven Förder- und Betreuungsbedarf. Die verhaltensauffälligen Kinder, deren soziales und emotionales Verhalten gestört ist, werden 1:1 betreut. Das heißt, für die sieben Kinder, die meist aus zerrütteten Familien stammen, stehen ebenso viele Betreuer und zusätzlich ein Psychologe zur Verfügung.

Die Kinder mit besonderem Förderbedarf werden zum Teil von einer Lehrkraft der Wilhelm-Löhe-Schule Traunreut im Haus in Wattenham unterrichtet. Andere sollen die umliegenden öffentlichen Schulen besuchen. Im Schnitt verlassen die Kinder nach anderthalb Jahren das Wohnheim, um entweder zurück zu ihren Familien zu ziehen oder in eine andere sozialpädagogische Einrichtung zu wechseln.

Jugendämter weisen Kinder an die Einrichtung

Wie der Leiter der Evangelischen Kinder- und Jugendhilfe, Achim Weiss, erklärte, werden die Kinder und Jugendlichen über die Jugendämter an die Diakonie vermittelt. In Wattenham werden die Kinder dann intensiv, aber offen betreut. Es gebe keinen Grund, die Kinder geschlossen unterzubringen, sagte Weiss.

Der Gemeinderat muss jetzt einen positiven Beschluss fassen, denn baurechtlich gebe es keinen Grund, das Vorhaben abzulehnen, sagte Glück. Größere Umbaumaßnahmen im und am Gebäude der Pension Waldesruh sind mit Ausnahme von umfangreichen Brandschutzauflagen nicht vorgesehen. ga